Thomas Frei
«Die erste Spritze ist entscheidend»

Radprofi Thomas Frei gesteht seinen Epo-Missbrauch. Er will die B-Probe nicht öffnen lassen. Gestern informierte er in seiner Heimatstadt Olten die Medien und wurde wenig später von seinem Team BMC offiziell entlassen. Die sieben Kapitel einer Tragödie.

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Marcel Kuchta

Die Vorgeschichte: Thomas Frei kommt aus der Schule von Trainer Kurt Bürgi, dem hierzulande wohl härtesten Kämpfer gegen den Dopingmissbrauch in der Radsportszene. Bürgi hat keine Freude, dass sein Schützling bereits mit 23 beim umstrittenen Astana-Team seinen ersten Profivertrag unterschreibt. Dort, in der Welt der Profis, kommt Frei erstmals mit der Medizin in Kontakt. «Als man mir nach einer Etappe bei Paris-Nizza eine Spritze mit Glukose zur besseren Regeneration setzen wollte, habe ich abgelehnt», erinnert sich Frei und sagt: «Danach war ich so kaputt, dass ich zwei Wochen nicht trainieren konnte.»

Das Schlüsselerlebnis: 2008, an der Österreich-Rundfahrt, fährt Thomas Frei «mit Brot und Wasser» und trotz geleisteten Helferdiensten auf den zehnten Rang im Gesamtklassement. «Als ich während der Königsetappe zu Beginn der Steigung am Kitzbüheler Horn einer der stärksten Fahrer war, habe ich mich gefragt, was wohl möglich wäre, wenn ich ‹weiter› gehen würde?» Irgendwann sei er an den Punkt gekommen, «wo ich so schnell wie möglich Fortschritte machen wollte».

Die Hemmschwelle: Die Überlegungen von Frei, wie es weitergehen soll, mündeten bald im Entscheid, sich Epo in Mikrodosen (400 Einheiten) zu spritzen . Erstmals tut er es Mitte des vergangenen Jahres, dann einmal zwischen Weihnachten und Neujahr und schliesslich noch mal im März 2010. «Die erste Spritze ist entscheidend», sagt Thomas Frei. Dabei sei es egal, was man sich injiziert. «Sobald man den ersten Piks erlebt hat, wird die Hemmschwelle niedrig. Danach spielt es keine Rolle mehr, was in die Vene läuft.»

Der Stoff: Wo er das Epo bezogen hat und wie es geliefert wurde, darüber schweigt sich Frei unter Berufung auf das «laufende Verfahren» aus. Er sagt nur, dass man unter den Fahrern Erfahrungen austausche und dass es im Internet einschlägige Adressen gebe, wo man sich über alles informieren könne.

Die Kontrolle: Am frühen Morgen des 21. März, wenige Stunden, nachdem sich Thomas Frei eine Dosis Epo verabreichte hatte, stehen die Kontrolleure von Antidoping Schweiz auf der Matte. Für Frei, der vorher mehrere Monate lang nicht mehr kontrolliert worden war, ein «reiner Glückstreffer, zumal ich in meinem Blutpass nie auffällige Werte hatte». Im Moment der Kontrolle will er die ungebetenen Gäste «einfach nur so schnell wie möglich loswerden».

Die Gewissheit: Am vergangenen Donnerstag, während der zweiten Etappe der Trentino-Rundfahrt, wird das BMC-Team von Frei vom internationalen Radsportverband (UCI) über die positive A-Probe informiert. Frei fährt die Etappe zu Ende und zeigt dabei eine beeindruckende Leistung. Er beendet das Teilstück mit einem Pass und einer 15 Kilometer langen Schlusssteigung auf dem sechsten Platz - notabene hinter vier ehemaligen Dopingsündern: Alexander Winokurow, Ivan Basso, Michele Scarponi und Ricardo Ricco. Noch am selben Abend erfährt Frei vom Verdikt und reist in der Nacht nach Hause. Er wird in Verona von einem Freund abgeholt. Am nächsten Morgen muss er bei den Anwälten seines Arbeitgebers, dem BMC-Team, antraben. Er unterstreicht: «Ich habe aus eigenem Antrieb gehandelt. Es hat mich niemand zum Dopen gezwungen, noch hat man mich unter übermässigen Druck gesetzt, bessere Leistungen zu bringen.»

Das Fazit: Thomas Frei entschuldigt sich «für die Scheisse, die ich gemacht habe. Es tut mir leid für meine Fans, meine Familie, meine Freunde und für meinen Trainer Kurt Bürgi. Sie alle haben das nicht verdient.» An eine Rückkehr in den Radsport nach seiner zweijährigen Sperre denkt er vorderhand nicht. Zeit, über seine Zukunft nachzudenken, hat er jetzt genug.