Volleyball
«Dicker» Linienrichter: Sportmediziner kritisieren Verbandsentscheid

Der Fall des ausgebooteten EM-Linienrichters Dominik Gremaud wirft hohe Wellen. Dass Personen mit hohem BMI dieser Aufgabe nicht gewachsen sein sollen, lassen Experten nicht gelten. Nun arbeitet der Verband an einem neuen Konzept.

Roman von Arx
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Dominik Gremaud: Für den Volleball-Verband zu «schwer».
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Schaut genau hin: Linienrichter Domink Gremaud.
Linienrichter Domink Gemaud (hinten) bei seiner Tätigkeit, als er sie noch ausübern mochte.
Kein Problem: Übergewichtiger Linienrichter beim Grand-Slam-Tennisturnier von Wimbledon. Imago
In Wimbledon kein Problem: Linienrichter im Einsatz am bedeutendsten Tennis-Turnier der Welt
Und auch dieser Herr hier, der in Wmbledon tätig ist, wäre für die Volleyballer war zu schwer.
Ein Problem: Dominik Gremaud als Linienrichter beim Volleyball. Ho

Dominik Gremaud: Für den Volleball-Verband zu «schwer».

Annika Bütschi

«Es ist mir bewusst, dass der Ausschluss von Dominik Gremaud für mich als aussenstehende Person schwierig zu beurteilen ist. Doch im vorliegenden Fall riecht es schon schwer nach Diskriminierung eines Übergewichtigen, und das geht natürlich nicht», ereifert sich der Stiftungsratspräsident der Adipositas, Heinrich von Grünigen. Die Stiftung setzt sich für das Wohl der Übergewichtigen in der Schweiz ein.

Gestern machte die «Nordwestschweiz» bekannt, dass Gremaud an der Europameisterschaft nicht als Linienrichter amten darf, weil er die körperlichen Anforderungen des
europäischen Verbandes nicht erfüllt. «Die Entscheidung ist für uns nicht nachvollziehbar», sagt von Grünigen, «zumal Gremaud ja bereits einen positiven Entscheid für den Einsatz an der Europameisterschaft bekommen hat.»

Störend findet von Grünigen vor allem, dass Gremaud aufgrund seiner Leistung zugelassen wurde, aber nach fünf weiteren Monaten plötzlich ausgebootet wurde. Und mit dieser Meinung steht von Grünigen nicht alleine da. Eine Online-Umfrage der «Nordwestschweiz» hat gezeigt, dass eine sehr grosse Mehrheit den Ausschluss ebenfalls nicht verstehen kann.

Unterschiedliche Vorgaben

Jan Rek, der Chef der internationalen Schiedsrichter-Kommission, nimmt Stellung dazu: «Der europäische Verband hat andere Richtlinien als der Schweizer Verband, daher musste sich Gremaud bis vor der Europameisterschaft keiner medizinischen Untersuchung stellen. Im Vorfeld eines internationalen Grossanlasses ist dies allerdings der Fall und Gremaud erfüllt mit seinem BMI von 36,4 schlichtweg nicht die gesundheitlichen Kriterien, welche die medizinische Kommission bestimmt hat», sagt der Schweizer. Zusätzlich sei die Belastung an einer EM mit mehr Zuschauern nicht zu vergleichen mit jener bei Spielen in der der Schweizer Liga.

BMI ist als Richtwert nicht gut

«Ob jemand einer sportlichen Herausforderung gewachsen ist nur anhand des BMI zu entscheiden, ist sehr heikel», sagt der renommierte Sportmediziner und leitende Arzt der Balgrist MoveMed Klinik, Walter O. Frey. «Würde man das bei der Schweizer Armee anwenden, die Schwinger als Vorzeigepatrioten wären nicht tauglich, obwohl sie Spitzensportler mit einem hohen Trainingsaufwand und guter Fitness sind.» Er findet es ausserdem wichtig, dass die Fitness individuell beurteilt wird und nicht pauschal anhand des Gewichts entschieden wird.

Dass die Aufrechterhaltung der Konzentration bei Übergewichtigen schwieriger ist, erachtet der Sportmediziner in einzelnen Fällen aber durchaus als möglich. «Menschen mit einem BMI von 30 oder mehr sind anfälliger für das Pickwick-Syndrom. Die Konzentrationsfähigkeit leidet bei Betroffenen dieser Krankheit sehr stark und ausserdem kann es zu Sekundenschlaf führen.»

Frey räumt aber ein: «Jeder Sportverband ist autonom und kann eigene medizinische Richtlinien erlassen und diese auch durchsetzten.» Und trotzdem übt Frey Kritik an der Vorgehensweise des Volleyballverbandes: «Man sollte die Kriterien im Voraus klarer kommunizieren und vereinheitlichen, damit allen Schiedsrichtern die Startbedingungen bekannt sind und sie sich darauf vorbereiten können.»

Problem erkannt

Der europäische Verband will sich des Problems annehmen. «Wir arbeiten daran, ein neues Konzept auszuarbeiten, welches im Vorfeld transparenter für die Schiedsrichter ist», sagt Rek. So will er einen zweiten Fall Gremaud verhindern. Er wünscht sich auch, dass ab jetzt die bevorstehende Volleyball-Europameisterschaft im Vordergrund steht. Die Schweizer Frauen starten morgen gegen die favorisierten Italienerinnen ins Turnier.