Darts
Des Königs vermeintlich letzter Streich-Phil Taylor tritt aus dem Dartssport zurück

Phil Taylor, der erfolgreichste Dartsspieler aller Zeiten, tritt Ende Jahr zurück. Auf seiner Abschiedstour schreibt er mit dem Gewinn des World Matchplay wohl letztmals Geschichte.

Julian Förnbacher
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Phil Taylor prägte den Dartsport über Jahre hinweg – nach der WM im Dezember ist Schluss.

Phil Taylor prägte den Dartsport über Jahre hinweg – nach der WM im Dezember ist Schluss.

Keystone

Die Nachricht schockierte die Welt des Darts. Der sechzehnfache Weltmeister Phil Taylor will nach der WM im Dezember seine Karriere beenden. Nach schwierigen Jahren seit seinem letzten WM-Titel im Jahr 2013, in denen «The Power», der am Wochenende 57 Jahre alt geworden ist, von der jungen Generation überholt wurde. Die Darts-Welt würde jenen Mann verlieren, der wie kein anderer für sie steht und zu ihrer Entwicklung beigetragen hat. Stumm, klamm, durchs Hintertürchen. Ein letzter, grosser Sieg schien ihm vergönnt.

Doch es kam anders. Ende Juli gewann Taylor in Blackpool das World Matchplay, das zweitgrösste Darts-Turnier. Sein sagenhafter 85. Major-Titel. Das vielleicht letzte Kapitel einer schier endlosen Erfolgsstory. Ob er diesen Triumph an der WM wiederholen kann? Zu stark ist die Konkurrenz einzustufen.

Umso wundervoller ist dieser Erfolg für Taylor. Der Finalsieg gegen den exzentrischen Schotten Peter Wright und die Machtdemonstrationen gegen Michael van Gerwen und Adrian Lewis, die Nummern eins und vier der Welt, auf dem Weg in den Final: Taylor schrieb die Würdigung seiner grossen Karriere gleich selbst. Irgendwie typisch für den Altmeister aus England.
1960 in der Arbeiterstadt Stoke-on-Trent als Sohn eines Bauarbeiters und einer Kassiererin geboren, wächst Taylor in ärmlichen Verhältnissen auf. Die Schule verlässt er mit 15 Jahren, um Geld zu verdienen.

Toilettenpapier und TV-Millionen

Geld. Ein steter Antrieb in der Karriere Taylors. Vom Fabrikarbeiter zum Multimillionär bringt es «The Power» über die Jahre mit viel Fleiss, sammelt Preisgelder wie kein anderer. Geldgier und Verbissenheit werden ihm deshalb vorgeworfen. Das ist falsch. Taylors Karriere ist nicht die Geschichte eines gierigen Opportunisten, sondern jene eines Mannes, der sinnbildlich für die Entwicklung seiner Sportart vom Kneipenspiel zum salonfähigen Massenevent steht.

Entdeckt wurde er vom damaligen Darts-Kaiser Eric Bristow in den Pubs von Stoke-on-Trent. Dieser lieh ihm 10 000 Pfund und ermöglichte, dass Taylor seinen Job am Fliessband, wo er Toilettenpapier-Halter herstellte, gegen eine Profikarriere eintauschen konnte. 1990 stehen sich Mentor und Schüler im WM-Finale der British Darts Organisation (BDO) gegenüber. Taylor deklassiert Bristow. Der erste von 16 Weltmeistertiteln ist Tatsache. Von diesem Abend im 5700-Seelen-Dorf Frimley Green an wird Taylor den Sport prägen.

«The Power hat Darts neu erfunden, indem er diesen Sport auf ein vorher nicht gekanntes Niveau brachte. Das ist der Grund, weshalb er über Jahre hinweg kaum zu bezwingen war», schreibt TV-Kommentator Elmar Paulke in seinem Buch «Game On!» über den König. Taylor war um die Jahrtausendwende das Mass aller Dinge: Zwischen 1995 und 2006 ging nur ein WM-Titel nicht an den Engländer. In seiner Karriere gewinnt «The Power» unglaubliche 216 Turniere, was im 7,37 Millionen Pfund an Preisgeld einbringt.

Zwischen Rüpel und Legende

Doch der trainingseifrige Perfektionist prägte seinen Sport nicht nur am Board. 1992 war er unter jenen Spielern der BDO, welche die Passivität ihres Verbandes in einer Phase der Stagnation satthatten. Um ihrem Sport ein neues Image zu verschaffen, gründeten sie einen eigenen Verband, die Professional Darts Corporation (PDC). Mit klugem Management gelang es, die PDC zu etablieren. Durch mehr TV-Präsenz wurden höhere Preisgelder ausbezahlt und so die besten Spieler der BDO abgeworben. Das ist bis heute so. Ohne diese Professionalisierung hätte der Dartssport niemals sein aktuelles Niveau erreicht.

Trotz aller Erfolge ist Taylor vor allem eines geblieben: Mensch. Sein Hintergrund ist dem 57-Jährigen in Interviews, die er voll Lockerheit und Ehrlichkeit zu geben pflegt, deutlich abzulesen. Er habe keine Lust mehr auf die Reiserei, die Begeisterung verschwinde nach 30 Jahren langsam, er sei nun einfach zu alt. So unverblümt begründete er seinen Rücktritt. Nicht nur mit seiner Ehrlichkeit stiess Taylor die Fans manchmal vor den Kopf. Auch seine Scheidung und eine Anklage wegen sexueller Belästigung wurden im Boulevard ausgeschlachtet.

Trotzdem lieben sie ihn alle, den kleinen Mann aus Stoke, feiern ihn bei jedem Auftritt. Warum, zeigt eine Episode des World Matchplays. Der Holländer van Gerwen schrieb noch während seines Achtelfinals einem Kollegen per WhatsApp, dass sein Gegner ihm nichts anhaben könne. Im Viertelfinal besiegte ihn Taylor haushoch und fand deutliche Worte: «Was tut er? Er ist Profi und die Weltnummer 1, er muss jetzt endlich erwachsen werden. Sein Verhalten war dumm, das werde ich ihm auch noch persönlich sagen.»
Phil Taylor wird dem Dartssport am und neben dem Board fehlen.