Schulterlanges Haar, rotes Stirnband, Dreitagebart:So auffällig die Erscheinung, so einzigartig das Spiel des Dänen Mikkel Hansen. Der zweimalige Welthandballer stellt den modernen Rückraumspieler wie kein Zweiter dar. Der 31-Jährige ist robust, wurfgewaltig, aber auch trickreich und mit dem Auge für die Mitspieler ausgestattet.

Es ist kein Geheimnis, der linke Rückraumspieler ist der Dreh- und Angelpunkt im Spiel des amtierenden Olympiasiegers. Der bestbezahlte Handballer der Welt nimmt diese Rolle an, hat hohe Ansprüche an sich selbst, die Mitspieler und die Trainer. Ein Lautsprecher war er aber noch nie, er lässt lieber Taten sprechen. So wie derzeit an der Handball-WM. Mit seinen Würfen, die regelmässig 110 Stundenkilometer erreichen, entzückt der 1,96 m grosse Hüne die Zuschauer. Die typische Hansen-Aktion ist es, wenn er aus dem Nichts rasant beschleunigt und wahlweise zu einem Sprung- oder einem Schlagwurf ansetzt. Den Gegenspielern bleibt nur das Staunen, und ehe der Goalie reagieren kann, zappelt der Ball bereits im Netz.

Am Knie verwundbar

Danach folgt meist der Sprint zur Auswechselbank, denn das Verteidigen, eine seiner wenigen Schwächen, überlässt er den anderen. Dänemarks Nationaltrainer Nikolaj Jacobsen weiss eben auch um das verwundbarste Körperteil Hansens: das Knie. Wohl auch deshalb dosiert er, wenn immer möglich, die Einsatzzeiten seines Topskorers, vor allem jene in der Defensive. Hansen seinerseits kühlt nach jeder Partie sein Gelenk – als Vorsichtsmassnahme.

An der laufenden WM wollen die handballverrückten Dänen die letzte Lücke in ihrem Palmarès schliessen – Weltmeister sind sie noch nie geworden.Dreimal standen die Nordländer im Final,dreimal setzte es eine Niederlage ab. Zuletzt 2011 und 2013, als Hansen zuerst als Torschützenkönig und beim zweiten Versuch als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet wurde. In diesem Jahr jedoch ist Dänemark auf dem Papier die bestbesetzte Mannschaft. Hansen ist also keineswegs auf sich alleine gestellt. Ihm zur Seite steht mindestens ein halbes Dutzend weiterer Weltklassehandballer. Das Wichtigste: auf jeder Position mindestens einer. Da sind die Rückraumspieler Mads Mensah und Rasmus Lauge oder die blitzschnelle Flügelzange, bestehend aus Casper Mortensen und LasseSvan. Der grösste Trumpf könnte jedoch das bisher statistisch beste Goalieduo sein: Niklas Landin und Jannick Green.

Kieler Mittelblock als Prunkstück

Was die Dänen besitzen, fehlt den deutschen Handballern. Der Rückraum stellt nicht absolute Weltklasse dar. Spielmacher Martin Strobel steht lediglich in der zweiten Bundesliga unter Vertrag. Doch die Deutschen haben aus der Not eine Tugend gemacht. Sie setzen all ihre Hoffnungen in die Defensive. Sie ist das Prunkstück von Trainer Christian Prokop. Der Kieler Mittelblock mit den beiden ZweiMeter-Männern Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler ist schier unüberwindbar. Und passiert dennoch einmal ein Ball das Bollwerk, steht im Tor noch der dritte Kieler, Andreas Wolff, seines Zeichens einer der besten Torhüter der Welt.

Der 110 kg schwere Abwehrchef Wiencek hat sich im Verlaufe des Turniers zum Publikumsliebling gemausert. Er ist ein Mann der Taten, nicht der Worte. Einer, der zupackt und den man lieber nicht als Gegenspieler hat. Nach einer gelungenen Abwehraktion animiert Wiencek jeweils das Publikum. Die über 19 000 Zuschauer am Hauptrundenspielort in Köln danken es ihm. Überhaupt, die Deutschen brauchen wohl das Publikum, um es bis ganz ans Ende des Turniers zu schaffen.

Mehr als gesundes Selbstvertrauen

An Selbstvertrauen mangelt es den Deutschen traditionell nicht. «Wir haben die stärkste Abwehr der Welt», sagte Bob Hanning, Vizepräsident des Deutschen Handballbundes. «Darauf müssen wir aufbauen.» Mit 21,5 Gegentoren pro Spiel war die Deutsche Mannschaft in der Vorrunde die beste in dieser Hinsicht. Mit Captain Uwe Gensheimer haben sie zudem einen Flügelspieler mit Weltklasseformat, der die erzwungenen Fehler der Gegner im Gegenstoss in Tore ummünzt.

Im Gegensatz zu den Dänen ist bei den Deutschen jeder Treffer Schwerstarbeit. Bislang führten jedoch beide Wege zum Ziel: Deutschland hat sich bereits für den Halbfinal qualifiziert, für Dänemark liegt er in Reichweite (siehe Kasten).

Hinweis: TV24 überträgt am Freitag 25. Januar das Halbfinale Dänemark - Frankreich um 17.20 Uhr live!

Trailer HANDBALL_WM_2019_DEN_FRA_HALBFINALE KW04

Halbfinale Handball-WM 2019