Markus Brütsch, Mailand

Das Spiel lief schon weit in der Nachspielzeit, doch dem FC Zürich wurde nichts geschenkt. 1:0 führte er seit der 10. Minute und dem Tor von Tihinen, als die AC Milan mit Zambrotta zum Verzweiflungsschuss ansetzte. Doch der Ball prallte an den Pfosten - welch ein Glück für den FCZ - und dann war Schluss. Der FC Zürich hatte die Sensation geschafft, wie 1995 Lugano gegen Inter im San Siro gewonnen und für den Schweizer Klubfussball einen der grössten Erfolge errungen.

Es war ja durchaus bekannt gewesen, dass die AC Milan bisher in dieser Saison überhaupt noch nicht auf Touren gekommen ist, sieht man einmal vom Sieg in der Champions League bei Olympique Marseille ab. Weil aber der FC Zürich seinerseits in den letzten Wochen in ein Formtief gefallen ist, musste es gleichwohl sehr überraschen, was sich während 90 Minuten im mit 32 400 Zuschauern mässig besetzten Stadion zutrug. Und diese Partie lieferte wieder einmal die Bestätigung dafür, wie sehr ein einziges Erfolgs- oder Negativerlebnis Einfluss auf das Leistungsvermögen einer Mannschaft haben kann. Nachdem dem Finnen Tihinen nach einem Corner von Gajic in seinem 20. Champions-League-Spiel mit der Hacke ein technisches Kabinettstücklein gelungen war, hatten die Zürcher nach zehn Minuten nicht nur die Führung inne, sondern mit einem Schlag war das Selbstverständnis eines Meisters zurückgekehrt.

Weil beim kriselnden Milan dieses 0:1 genau das Gegenteil bewirkte, selbst ein Weltmeister wie Pirlo oder der erfolgreichste Champions-League-Spieler Seedorf total von der Rolle fielen und überaus verunsichert wirkten, bekam der FCZ das Spiel immer besser in den Griff. Es war erstaunlich, wie die Italiener die ballsicheren Zürcher im Mittelfeld gewähren liessen. Die Massnahme von Trainer Bernard Challandes, mit Gajic einen dritten eher defensiv orientierten Aufbauer neben Aegerter und Okonkwo zu stellen, erwies sich als clever. Die beiden hängenden Flügel Margairaz und Djuric trugen mit eifriger Störarbeit das Ihrige dazu bei, dass Milan nicht ins Spiel fand. Wobei es festzuhalten gilt, dass Inzaghi nach einer Hereingabe von Jankulovski eine hundertprozentige Ausgleichschance vergab (15.). Aber auch Margairaz hätte nach Vorarbeit von Vonlanthen freistehend aus 16 Metern den zweiten Zürcher Treffer erzielen können.

Leonis Glanzparaden

So war fast eine Stunde gespielt, als der FCZ so richtig unter Druck geriet. Nach einer Freistossflanke von Pirlo schien denn auch der 1:1-Ausgleich perfekt. Inzaghi kam zum Kopfball - und scheiterte am hervorragend reagierenden Leoni. Und nachdem Pato von Ronaldinho bedient worden war, hatten die Gäste das Glück, dass der junge Brasilianer die Riesenchance nicht nützte. Eine Minute später trieb dann Leoni Inzaghi endgültig zur Verzweiflung, als er dessen Schuss wundersam unschädlich machte. In diesen Minuten war aus dem im Real-Spiel zum Unglücksraben gewordenen Goalie der grosse Held eines denkwürdigen Abends geworden.