Auch hier hilft bei der Zielsetzung die Statistik. In Lettland soll eine Quote seine Fortsetzung finden, die im Schweizer Sport wohl einzigartig ist. In 45 WM-Rennen stand «Chlöde», wie sie ihn in OL-Kreisen nennen, 24-mal auf dem Podest. Entsprechend definiert er bei vier WM-Einsätzen zwei Medaillen als persönliche Vorgabe. «Mindestens eine davon darf auch golden sein», sagt Hubmann.

Von Altersmüdigkeit ist beim Senior im Schweizer Team keine Spur. «Ich bin in einer erfolgreichen Phase meiner Karriere», sagt er. «Und für die WM bestens gerüstet.» Als Titelverteidiger im Sprint, als Gesamtweltcupsieger und als frisch gebackener Europameister wird der 35-Jährige morgen im Stadt-Sprint von Riga die erste von vier möglichen Medaillen anpeilen. An Selbstvertrauen mangelt es dem siebenfachen Weltmeister nicht. Daran haben auch zwei eher magere Resultate an der Heim-EM im Tessin nichts geändert.

«Der siebte Platz über die Mittel- und der fünfte Platz über die Langdistanz entsprechen nicht meinen Ansprüchen», sagt der gelernte Schreiner, der seit 2007 OL-Profi ist. Er weiss aber auch, dass in beiden Rennen ein einzelner Fehler Grund für die Rückschläge war. «Ohne diesen Fehler hätte ich die Langdistanz gewonnen», sagt der Familienvater ohne Anflug von Arroganz, «die Mitteldistanz vielleicht auch.»

Daniel Hubmann: Beim Senior des Schweizer Teams ist von Altersmüdigkeit keine Spur.

  

Zweites Kind im Oktober

Daniel Hubmann wäre längst ein Schweizer Sportstar, wenn seine Sportart olympischen Status geniessen würde und wenn das beschränkte mediale Scheinwerferlicht einer Randsportart viele Jahre lang nicht vornehmlich auf Simone Niggli, Inbegriff des Schweizer OL-Sports schlechthin, gerichtet gewesen wäre. Hubmann kann damit leben, schliesslich habe es auch Vorteile, «wenn man beim Einkaufen nicht von allen erkannt und angesprochen werde».

Nur ab und zu beneidet er jene erfolgreichen Athleten, sie sich und der Familie dank ihrer sportlichen Darbietungen die eine oder andere Annehmlichkeit leisten können und die «nach dem Ende der Karriere für eine ziemliche Weile ausgesorgt haben». Im Wissen, dass seine Leistungen kaum einen Vergleich scheuen müssen. «Aber wenn es für mich so nicht stimmen würde, wäre ich mit 35 Jahren nicht immer noch mit dieser Leidenschaft dabei.»

Wie lange er weiter auf Topniveau laufen will, weiss Daniel Hubmann noch nicht. «Ich muss nicht immer einen fixen Plan haben», sagt der sechsfache Gesamtweltcupsieger. Zumal er in den vergangenen Jahren nicht nur sportlich, sondern auch gesundheitlich einen Lauf hatte. «Bei meinem Achillessehnenriss 2012 nannten es viele eine Folge von Alter und Verschleiss. Doch seither folgte die längste verletzungsfreie Phase meiner Karriere.»

Wie lange er weiter auf Topniveau laufen will, weiss Daniel Hubmann noch nicht. «Ich muss nicht immer einen fixen Plan haben», sagt der sechsfache Gesamtweltcupsieger.

  

Pragmatischer Ansatz

Gedanken über das mögliche Karriereende macht sich Hubmann gleichwohl. Einerseits erwartet seine Frau Annette im Oktober Zuwachs zur dreijährigen Tochter Lina. «Mit dem zweiten Kind wird die Situation mit mir als Profisportler und meiner arbeitenden Frau zweifellos noch komplexer.» Andererseits hat Hubmann, der wegen seiner Verletzung vor sechs Jahren die Heim-WM verpasste, auch schon ausgerechnet, wie alt er denn 2023 sein wird, wenn die Titelkämpfe voraussichtlich zum nächsten Mal in der Schweiz stattfinden.

Als Konsequenz der verschiedenen Gedanken wählt er den pragmatischen Ansatz: «Vorerst geniesse ich ganz einfach das Profileben, das mir sehr gefällt. Und ich habe nicht das Gefühl, ich müsste bereits mit Suchen beginnen, damit ich in drei Jahren dann wirklich einen Job habe.» Er lässt die Dinge auf sich zukommen.

Einen eigenwilligen Ansatz wählt Hubmann, der mit seiner Frau seit sieben Jahren in Bremgarten bei Bern wohnt, bei der Definition der emotionalsten Momente der Karriere. «So seltsam es klingen mag, es sind die zweiten Plätze. Soll man sich nun über die Medaille freuen oder über den verpassten Sieg ärgern? Wenn man Vierter wird, ist es viel einfacher, enttäuscht zu sein», sagt er.

Daniel Hubmann über die emotionalsten Momente: «So seltsam es klingen mag, es sind die zweiten Plätze. Soll man sich nun über die Medaille freuen oder über den verpassten Sieg ärgern? Wenn man Vierter wird, ist es viel einfacher, enttäuscht zu sein.»