Rio 2016
Der Sport leidet, aber er überlebt

Die russische Fahne weht am Eröffnungstag. Weil es das IOC nicht wagte, Russland generell auszuschliessen. Es ist das Eingeständnis, dass der Kampf gegen Doping gescheitert ist

Klaus Zaugg, Rio de Janeiro
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Die russischen Handballerinnen dürfen in Rio teilnehmen und posieren stolz vor der Jesus-Statue.

Die russischen Handballerinnen dürfen in Rio teilnehmen und posieren stolz vor der Jesus-Statue.

imago/Golovanov + Kivrin

Sport ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Wladimir Putin ist zu mächtig, Russland wird vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) nicht generell von den Sommerspielen in Rio ausgeschlossen. Wer will, kann für den fehlenden Mut zum Ausschluss ehrbare juristische Gründe anführen: Eine Kollektivstrafe (die auch saubere Sportlerinnen und Sportler treffen würde) widerspricht allen rechtlichen Grundsätzen.

Aber es geht um etwas anderes. Das IOC wagt es nicht, eine der mächtigsten Sportnationen der Geschichte zu verbannen. Das hat es seit 1896 nie gegeben und wäre ein Präzedenzfall mit unabsehbaren Folgen. Man ist schon strikte gegen Doping und verurteilt die Machenschaften in Russland aufs Schärfste! Potz Donner! Aber konsequent dagegen vorgehen? Nein, lieber nicht.

Wie denn das?

Die Massnahmen gegen das Staatsdoping der Russen, die das IOC nun ergriffen hat, zeigen die Ohnmacht, die Mutlosigkeit und die Verlogenheit der Funktionäre. Eine Kommission soll die Verstrickungen des russischen Sportministeriums aufklären. Wie denn das? Niemand kann die Russen in ihrem eigenen Land dazu zwingen, buchstäblich «die Hosen herunterzulassen». Es wäre eine Einmischung in die Innenpolitik Russlands. Nur höfliche Fragen sind möglich.

Eine zweite Kommission unter der Leitung des freundlichen Schweizer IOC-Mitgliedes und Anwaltes Denis Oswald soll die Doping-Betrügereien rund um die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi aufklären. Wie denn das? Niemand hat die Macht, in Russland unabhängige Ermittlungen durchzuführen, das wäre eine Einmischung in die Gerichtsbarkeit Russlands.

Ein drittes Gremium – eine Dreiergruppe – entscheidet in Zusammenarbeit mit einem Ausschuss des internationalen Sportgerichtes CAS in Lausanne über die Anträge der Fachverbände auf Ausschluss russischer Sportler für Rio. Weil es das IOC nicht wagt, die Russen generell auszuladen, wird also die Verantwortung für den Ausschluss einzelner russischer Sportler hasenfüssig an die Fachverbände und an das Sportgericht delegiert (wie Pilatus es einst bei der Verurteilung Jesu getan hat). Und schliesslich hat das IOC soeben heftig die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada kritisiert. Weil die es nicht geschafft hat, diesen Doping-Sumpf auszutrocknen.

Die Wada hat versagt, aber ...

Wir erleben also kurz vor Eröffnung der Spiele in einem kläglichen Schauspiel das Scheitern der Dopingbekämpfung. Die 1999 gegründete Wada sollte eigentlich weltweit mit den nationalen Institutionen den Kampf gegen Doping koordinieren. Die IOC-Kritik stimmt: Die Wada hat versagt. Aber sie hatte gar nie eine echte Chance. Wie soll denn in totalitären Regimes, die staatlich den Sport lenken, eine unabhängige Kontrollinstanz aufgebaut werden? Und wie sich längst gezeigt hat, ist die Korruption längst ins internationale Doping-Kontrollsystem eingedrungen.

Lösung gibt es keine. Eine Freigabe des Dopings ist undenkbar. Eine Ahndung des Dopings durch staatliche Gerichte (was in einzelnen Ländern der Fall ist) löst das Problem auch nicht – weil es nie eine Rechtsgleichheit (und damit eine sportliche Chancengleichheit) in allen Ländern geben wird. Sind denn Gerichte in Russland oder China unabhängig? Und das ganze Vorgehen gegen Russland, so berechtigt es aus der Sicht der Gralshüter des Sportes auch sein mag, wird den Schwefelgeruch des politischen Missbrauches nicht los: Die Geister des «Kalten Krieges» sind wieder los und alles ist gut und edel, was gegen Russland gerichtet ist, gegen dieses vermeintliche «Reich des Bösen».

Aber Russland ist stark genug, um sich zu behaupten und nicht ernsthaft zu bessern. Es ist immerhin wahrscheinlich, dass die Russen dopingwissenschaftlich zum Westen aufschliessen, sich nicht mehr so leicht erwischen lassen und es künftig nicht mehr nötig haben, so plump zu betrügen wie (Kontrollen gar nicht machen oder Proben verschwinden lassen) in den letzten Jahren.

Das IOC ist weitgehend machtlos und der olympische Sport muss mit der Geissel Doping leben – und ist am Ende stark genug, um damit leben zu können. Das Charisma der Athletinnen und Athleten ist seit dem Anbeginn der Zeiten so wirkungsmächtig – «Something like the Gods» wie es Stephen Amidon einmal schrieb –, dass alle Missstände überstrahlt werden. Auch in Rio.

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