Die beiden Mocken stehen breitbeinig im Ring, neigen sich einander zu und fassen sich gegenseitig an den Hosenwülsten. Die Griffe und Mittel, um den Gegner auf den Boden zu werfen, heissen anders. Aber sie sind verblüffend ähnlich.

Auch die spektakulärste Methode. Hier sieht sie vielleicht noch turnerischer aus: Den Gegner von hinten zu umklammern, um ihn dann wie auf einem Katapult hochzuheben und ihn, indem man selber rückwärts stürzt, über sich hinweg auf den Boden zu schleudern – einen Sekundenbruchteil, bevor man selber fällt, jenen Bruchteil, der entscheidet über Sieg und Niederlage. Das ist Kunst mit Kraft, so sehr, dass man hier das Meisterstück gern am Strand fotografiert, vor dem blauen Ozean.

Meist beginnen die «Mägerlimucki», die «Fätzen» schliessen ab: Schwingen ist Heimatmanifestation auf allen Kanarischen Inseln, nicht nur wie hier, in El Hierro. Eduardo Grund/Prisma

Meist beginnen die «Mägerlimucki», die «Fätzen» schliessen ab: Schwingen ist Heimatmanifestation auf allen Kanarischen Inseln, nicht nur wie hier, in El Hierro. Eduardo Grund/Prisma

Wie bitte – Sand und Ozean? Nicht Sägemehl und Enzian? Schwingen gilt als ur-schweizerisch. Das darf jeder glauben, sofern er wenig reist – oder auf Reisen die Augen verschliesst. Zum Beispiel auf den Kanarischen Inseln. Der Volkssport hier sieht fast so aus wie Schwingen, die Lucha Canaria. Das Kampfspiel ist so populär wie Schwingen in der Schweiz. Auch Kanaren empfinden es als aufmüpfige Exklusivität, als archaische Manifestation gegen den Eroberer aus dem Norden, Spanien. Dabei wäre die Lucha Leonesa auf dem spanischen Festland ebenfalls damit verwandt. Und natürlich das Schwingen auf der Schwägalp oder auf dem Brünig.

Allerorten zelebrierte Unikate – alle beinahe gleich.

Vom alpinen Schwingen habe er noch nie gehört, räumt Juan Carlos Suarez ein. Der kanarische Radioreporter erläuterte uns am Telefon das Schwingen seiner Heimat.

Gleich ist das Kampfrund. Anders der Boden (Sand), der allerdings ebenfalls gegen das Stäuben bewässert wird. Gleich ist die «unvergleichliche» Fairness der Schwinger. Der Schweizer klopft dem Verlierer das Sägemehl vom Rücken, der Kanare begleitet ihn zurück an den Platz. Gleich ist der Siegerpreis, ein Muni; der Kanare bekommt indes ab und zu auch einen schönen Fisch.

Und die Unterschiede? Der grösste: Kanaren kämpfen als Gruppe, verlieren und siegen als Mannschaft. Und sie siegen schneller.

Es genügt auf den Inseln, einen Gegner so aus dem Gleichgewicht zu ringen oder zu schwingen, bis er mit einem anderen Körperteil als mit Füssen den Boden berührt. Der Schweizer muss den Gegner sauber auf den Rücken drücken. Schiedsrichter beobachten den Kampf, hier wie dort.

Auf den Kanarischen Inseln betreten zwei je zwölfköpfige Mannschaften die Arena, das Terrero, und begrüssen sich mit Handschlag. Die Luchaderos tragen ein T-Shirt und über Knie lange Hosen, welche wie bei den hiesigen Schwingern über die Oberschenkel gekrempelt werden für eine griffige Kleiderwulst. Kanaren kämpfen barfuss. Die Coaches bestimmen die Reihenfolge innerhalb ihrer Mannschaft, welche zum Wettkampf antreten. Meist beginnen die «Mägerlimucki», die Unerfahrenen. Die «Fätzen» schliessen ab. Ein Kampf dauert maximal zwei Minuten; das Ganze vollzieht sich also ungleich schneller.

Wie beim Schwingen beziehen die Kämpfer Schulter an Schulter Stellung, fassen jedoch zuerst nur mit der rechten Hand am Hosenwulst des Gegners. Die Kämpfer berühren sich dann mit den Handflächen der linken Hand gegenseitig und senken die Hände langsam gegen die Sandfläche. Sobald diese die Sandfläche berührt, gibt der Schiedsrichter den Kampf mit einem Pfiff frei. Treten, Schlagen, Würgen sind verboten. Der Ehrenkodex ist ebenfalls hoch.

Einen Schwingerkönig kennen die Canarios nicht, wegen des Kollektivs der Kämpfer. Aber sie kennen regionale Sieger, wie in der Schweiz. Jede Insel bzw. jedes Tal hat ihre Helden. Überregional wird dann aus allen Inselsiegern die Mannschaft des Archipels gekürt.

Die Lucha Canaria erlaube eine Vielzahl von Techniken, erzählt Radioreporter Juan Carlos Suarez, er nennt sie «Mañas»: Mañas de agarre (Angrifftechniken), Mañas de bloqueo (Blocktechniken) und Mañas de desvio (Ausweichtechniken). Ein Griff erinnert an Judo und heisst «Pardelera».

Aber jetzt auch noch Japan beizumengen, wäre vielleicht zu viel der Mélange.

Eine letzte amüsante Verwandtschaft sei aber nicht verschwiegen: Wenn eins der ersten Regelwerke übers Schwingen in der Schweiz nicht von einem Brauchtums-Chronisten verfasst worden ist, sondern vom Chef einer Psychiatrischen Anstalt in Bern, dann entstand auch das Regelwerk übers kanarische Schwingen sozusagen hors-sol: Kanarische Auswanderer hatten es 1872 niedergeschrieben, vielleicht heimattümelnd oder heimwehkrank – in Kuba. Und: Erst im Jahr 2009 wurde die Lucha Canaria in Spanien als offizielle Sportart anerkannt.

Wann steigt der Schwingerkönig von Burgdorf – in seinen Ferien – zum Plausch mal auf den Kanarischen in den Ring? Wann kommt’s zum transozeanischen Bruderduell? Wer gewinnt – bedächtige oder explosive Kraft?

Uf wer wettisch?

Oder spanisch, Kollege vom Radio: «Cual es tu apuesta?»