Dieser Mann ist erst 29-jährig, und man kann es kaum glauben: Michael van Gerwen spielt seit bereits 17 Jahren professionell Darts. Der Niederländer ist seit fünf Jahren die Nummer eins der offiziellen Weltrangliste «PDC Order of Merit», die nicht nach Punkten, sondern nach Preisgeldern ermittelt wird. 2014 gewann er als jüngster Spieler die Weltmeisterschaft, 2017 doppelte er nach.

Am 26. April dieses Jahres und einen Tag nach seinem Geburtstag wurde ihm zudem eine besondere Ehre zuteil: Van Gerwen liess sich vom niederländischen König Willem-Alexander zum Ritter im Orden von Oranien-Nassau schlagen. In den Niederlanden geniesst Darts einen hohen Stellenwert, den wohl höchsten ausserhalb Grossbritanniens. «Mighty Mike» (Mächtiger Michael) ist Van Gerwens Nickname im Dartssport.

Der mächtige Ritter Michael geht denn auch mit seinen Gegnern meist nicht zimperlich um. Keiner wirft die drei Darts derart schnell auf das Board, wie er. Mit einer traumwandlerischen Sicherheit trifft er die maximalen 180 Punkte wie kaum ein anderer.

2018 war zwar mit vier Siegen an Major-Turnieren nicht sein bestes Jahr, und trotzdem gilt er auch diesmal als Hauptfavorit auf den WM-Titel im Alexandra Palace «Ally Pally» im Norden Londons, die derzeit bis zum 1. Januar stattfindet.

Als Jugendlicher gemobbt

Will man einen Spieler ärgern, muss man ihn bloss fragen, ob Darts eine Sportart sei. Eine Frage, die auch deshalb oft gestellt wird, weil die Akteure oftmals nicht den Gardemassen des Body-Mass-Indexes entsprechen. Für Michael van Gerwen ist die Antwort klar: «Ich sage immer: Dann ist Golf auch kein Sport, die lassen sich sogar im Buggy über den Platz chauffieren. Aber Golf ist Sport, genau wie Darts. Es braucht spezielle Fähigkeiten, um erfolgreich zu sein.»

Nicht mit Darts, sondern zuerst mit Fussball versuchte es der Niederländer in seinen jungen Jahren. Mit elf Jahren kickte er in einer Jugendmannschaft in seiner Heimat Brabant. Aufgrund seines Körperumfangs wurde er als Abwehrspieler eingesetzt. Er gibt heute ohne Umschweife zu: «Ich war grottenschlecht. Ich hätte 24 Stunden am Tag trainieren können, es hätte nichts gebracht. Ebenso erging es mir beim Judo, das ich im Anschluss einige Zeit betrieb.»

Auch musste er Mobbing über sich ergehen lassen. Über die düstere Zeit seiner Jugend äussert er sich drastisch: «Ich wurde gemobbt, weil ich dick war. Das hat mich schwer getroffen und ich wusste mir damals nicht besser zu helfen, als zuzuschlagen und mir so vermeintlich Respekt zu verschaffen. Heute weiss ich natürlich, dass körperliche Gewalt keine Lösung ist. Aber damals ging es nicht anders. Irgendwann wurde ich in Ruhe gelassen.»

Keine Lust auf Autowaschen

Es war nicht die notorische Erfolglosigkeit des Jugendlichen im Sport, die Van Gerwen zum Darts brachte. «Das war nicht geplant. Als ich zwölf war, bekam ich in der Schule eine Einladung zu einem Jugendturnier. Ich nahm sie an, obwohl ich zuvor nur zu Hause mit Vater und Bruder Pfeile geworfen hatte.» Doch dann ist die Geschichte schnell erzählt. Er brachte einen Pokal mit nach Hause. «Das war ein ganz neues Gefühl für mich. Zum ersten Mal bekam ich so etwas wie Anerkennung im Sport, das war für mich die beste Motivation.»

Fortan verbrachte van Gerwen jeden Samstag im Lokal «De Buur» beim Jugenddarts. «Ich wurde besser und wollte bald bei jedem Turnier dabei sein.» Das kostete etwas Geld, schwierig für einen, der aus bescheidenen Verhältnissen kommt. Der Vater war Kraftfahrer und die Mutter arbeitete in der Kantine einer Metallbaufirma.

«Viel Geld hatten wir nie. Trotzdem hat mein Vater mich an Wochenenden immer übers Land gefahren», verrät van Gerwen. Bald gewann er jedes Jugendturnier in Holland. Bereits kamen die ersten Klein-Sponsoren.

«Darts ist ja kein kostspieliger Sport, du brauchst drei Pfeile und ein Trikot, nur die Fahrten zu den Turnieren gingen ins Geld.»

Trotzdem musste er damals sein Taschengeld aufbessern. «Ich hatte aber keine Lust zum Zeitungsaustragen oder Autowaschen. Also fragte ich meine Eltern, ob ich in dem örtlichen Dartslokal als Schreiber aushelfen dürfe. Ich verdiente pro Spiel fünf Euro. Am Ende ging ich mit über hundert Euro nach Hause.»

Das geschätzte Vermögen des inzwischen mit Daphne Govers Verheirateten beträgt rund fünf Millionen Franken. Im August 2017 kam Tochter Zoe zur Welt.

Über den Trainingsaufwand eines Darts-Champions ranken sich viele Gerüchte. Van Gerwen war es ein Anliegen, damit aufzuräumen, und legte sich sogar mit der Legende Phil Taylor (58) an, der nach der letzten WM zurückgetreten war. «Ich weiss, dass Phil Taylor gern erzählt, dass er acht Stunden täglich am Board steht. Aber er lügt. Eineinhalb Stunden pro Tag reichen», sagte er gegenüber der «Welt».

Wie dem auch sei, van Gerwens Anspruch ist es, am Neujahrstag 2019 seinen dritten Weltmeistertitel zu holen. An der letzten WM schied er in einem Herzschlaghalbfinal gegen den späteren Weltmeister Rob Cross mit 5:6 aus.

Der Engländer schaffte den Titel als erster WM-Neuling bei der PDC. Sein Gegner im Final war Altmeister Phil Taylor, der als letzte Karriere-Handlung dem inzwischen 28-Jährigen gratulieren durfte.

Seit dem WM-Titel lief es Cross nicht mehr gut, ein Wettanbieter rechnet ihn deshalb nicht zu den WM-Topfavoriten (1:21). Als Hauptfavorit wird Michael van Gerwen gehandelt (1:2,5). Der «Mächtige» holt zu seinem nächsten Ritterschlag aus. Zumindest ist ihm das in der ersten Runde eindrücklich gelungen: Van Gerwen zieht mit einem ungefährdeten 3:1-Sieg in die nächste Runde ein.