Der «Iceman» zeigt Gefühle

Carlo Janka hat seit dem Sturz von Daniel Albrecht in Kitzbühel vor einem Jahr eine emotionale Achterbahn erlebt. Jankas Tagebuch von Kitz bis Kitz.

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Carlo Janka

Carlo Janka

Keystone

Richard Hegglin, Kitzbühel

Das Schicksal wollte es, dass die Karriere von Janka begann, als jene seines Freundes und Markenkollegen Dani Albrecht einen abrupten Unterbruch erfuhr. «Ich habe Dani sehr viel zu verdanken», sagt der drei Jahre jüngere Bündner. «Ich profitierte von seiner Erfahrung wie auch vom Material.» Albrecht war Testpilot Nummer 1 der sagenumwobenen «Doppeldecker»-Ski von Atomic, die Janka später zum WM-Titel trugen.

Bei Saisonbeginn kündigte Albrecht an: «Carlo wird sehr stark fahren.» Janka dämpfte: «Das sagt Dani nur, um von sich selber abzulenken.» Das Jahr nahm dann einen völlig konträren Verlauf, tragisch für den einen, aussergewöhnlich erfolgreich für den andern.

Ausfall nach Albrechts Sturz

2009 wohnten die beiden in Kitzbühel letztmals zusammen im selben Zimmer, als Albrecht den fatalen Unfall erlitt. «Ich habe zwar die Sachen von Dani in unserem Zimmer nicht selber zusammengepackt», sagt Janka, «das Ganze ging mir sonst schon nahe genug. Ich stand kurz vor einem Forfait. Danis Sturz hatte ich am Start live am Fernsehen gesehen, mir diesen aber nie mehr angeschaut.» Trotzdem nahm er am folgenden Tag am Super-G teil, schied dann aber aus. Das war der erste Ausfall in einem Speedrennen überhaupt!

Cuche: Bestzeit – und Philosphieren

Wie schon in Wengen fuhr Didier Cuche auch in Kitzbühel, wo er 1998 und 2008 gewann, im ersten Training Bestzeit. Zentrales Thema war indessen die Piste und der Zielsprung, der gegenüber dem Vorjahr, als Daniel Albrecht dort schwer stürzte, entschärft wurde.
«Wir haben ihn dem Gelände angepasst», sagt Rennleiter Peter Obernauer. Im Klartext: So belassen, wie die Natur ihn schuf. «So ist auch nicht optimal», findet Cuche, «aber es ist sehr schwierig, das richtige Mass zu finden. Wenn wir im Rennen mit zwei, drei Kilometer mehr Tempo auf diese Passage zufahren, heben wir vielleicht wieder ab.»
So schleichen die Skirennfahrer quasi über diesen legendären Zielsprung, der neben Daniel Albrecht schon andere prominente Opfer forderte. Da die vorausgehende Kompression praktisch planiert wurde, hob von den 63 Athleten im Training kaum einer ab.
Altmeister Marco Büchel, der am Samstag seine Abschiedsvorstellung geben wird, meinte mit der Abgeklärtheit eines 38-Jährigen: «Ich hätte lieber einen Sprung. Aber man kann es nie allen Leuten recht machen.» Generell befindet sich die Piste in einem Zustand, der zumindest keinen Anlass zu abenteuerlichen Horrorgeschichten gibt - im Moment.
Didier Cuche schrieb die Bestzeit seiner Erfahrung zu: «Ich weiss, wo ich dosieren muss. Eine Bestzeit ist immer gut fürs Selbstvertrauen.» Carlo Janka begnügte sich wie angekündigt mit einer lockeren Trainingsfahrt. (he)

Das Jahr von den Hahnenkammrennen 2009 bis zu den Hahnenkammrennen 2010 stellte selbst für den so coolen Überflieger Janka eine emotionale Achterbahn dar, die nicht spurlos an ihm vorbeiging. Carlo Jankas Tagesbuch der aufwühlendsten Ereignisse:

Jankas Tagebuch von Kitz bis Kitz

DER SCHOCK. Danis Sturz war etwas vom Schwierigsten, was ich bisher zu verarbeiten hatte, auf jeden Fall an der Grenze. Ob ich für die Rennen parat war oder nicht, ist schwer zu sagen. Ich habe mir lange überlegt, ob ich Forfait geben soll. Jetzt bin froh, dass ich die Herausforderung angenommen habe und trotzdem gefahren bin. Sonst wäre ich heuer zum ersten Mal auf dieser Piste. (Im Super-G schied Carlo Janka aus, in der Spezialabfahrt wurde er 20.; die Red.)

FREITAG, DER 13.FEBRUAR. Zuerst wurde ich Weltmeister, und nach dem Rennen erhielt ich die Nachricht, dass Dani aufgewacht ist - ein eindrücklicher Moment. Dass das am gleichen Tag passierte, ist vielleicht Schicksal. Oder Zufall. Ich weiss es nicht. Auf jeden Fall werde ich den 13. Februar nie vergessen.

ERSTE BEGEGNUNG. Vor dem Besuch im Inselspital nach dem Weltcupfinale in Are fragte ich mich: Wie gehts ihm wohl, wie sieht er aus - kennt er mich überhaupt? Ich hatte einiges gehört, aber nicht genau gewusst, wies um ihn wirklich steht. Jetzt konnte ich mir selber ein Bild machen. Ich war beeindruckt, wie er schon wieder nach vorne schaute. Die Verwechslungen und Wortwiederholungen, die er damals beim Sprechen beging, haben mich nicht weiter beunruhigt. Ich war informiert, dass das bei der Schwere seiner Verletzungen normal ist und sich wieder einrenken wird.

ERSTES GEMEINSAMES TRAINING. Es war fast wieder wie früher. Dani trainierte zwar noch nach einem anderen Programm, machte aber enorm schnell Fortschritte. Es war wichtig für ihn und für uns, dass er wieder Teil des Teams war.

DIE ZUKUNFT. So krass, dass ich ein Vermögen wette, dass Dani wieder Rennen gewinnen wird, habe ich mich zwar nie ausgedrückt. Doch bin ich überzeugt, dass er wieder zurückkommen wird, wahrscheinlich nicht heuer, aber nächste Saison. Dann wird er auch wieder relativ weit vorne mitmischen.

HAHNENKAMM 2010. Im ersten Training absolvierte ich mehr oder weniger eine Besichtigungsfahrt (29. mit 3,22 Rückstand; die Red.). Die Einfahrt in den Hausberg habe ich verpasst, danach musste ich schauen, dass ich noch die Richtung noch erwischte - aber wie gesagt: Es war ein Training, ein Herantasten. Ich werde jetzt das Video analysieren und beim zweiten Mal besser fahren.

PS. Heute Donnerstag informiert Dani Albrecht an einer Medienkonferenz in Kitzbühel 364 Tage nach dem Unfall über seine Pläne.