Fechten

Der Gold-Coup der Schweizer Degenfechter

Das Schweizer Goldquartett von 2018: Benjamin Steffen, Lucas Malcotti, Max Heinzer und Michele Niggeler (von links)

Das Schweizer Goldquartett von 2018: Benjamin Steffen, Lucas Malcotti, Max Heinzer und Michele Niggeler (von links)

Die Schweizer Degenfechter holen an Weltmeisterschaften zuletzt fünf Mal in Folge eine Team-Medaille.

Höhepunkt der Erfolgsserie war der erste Mannschafts-WM-Titel der Schweizer Fechtgeschichte vor zwei Jahren im chinesischen Wuxi.

Das Schweizer Goldquartett in China bildeten Max Heinzer, Benjamin Steffen, Michele Niggeler und Lucas Malcotti. Im Final gegen Südkorea triumphierten die Schweizer mit 36:31. Teamleader Heinzer (33), der demnächst zum zweiten Mal Vater wird, erinnert sich: "Gegen Südkorea war es eine besonders starke Teamleistung. Wir begannen mit unserem vierten Mann, Lucas Malcotti. Und überraschten die Südkoreaner dadurch prompt."

Dabei war der erste Tag in der Qualifikation auf dem Weg zum Titel noch ein Klippen-Lauf mit einem hart erkämpften Achtelfinal-Erfolg über Israel gewesen. Auch am Finaltag verliefen die Gefechte eng. Im Viertelfinal gelang den Schweizern gegen Italien aber eine erfolgreiche Revanche für den verlorenen Olympia-Viertelfinal 2016 in Rio de Janeiro.

Und im Halbfinal wurde der hochfavorisierte Titelverteidiger und Olympiasieger Frankreich besiegt. Ein Jahr zuvor hatte man im WM-Final gegen den gleichen Gegner mit Gold vor Augen noch verloren. Der Faden riss damals, als der mit letztem Einsatz kämpfende Heinzer wegen einer Hirnerschütterung benommen von der Fechtbahn genommen werden musste. Nach der 32:29-Führung zog die Schweiz noch knapp den Kürzeren (43:45).

"Dass wir ein Jahr lang den Frust jener Finalniederlage verdauten und noch besser werden konnten, machte das Ganze noch spezieller. Es war ein emotional enorm berührender Titelgewinn, auf den wir lange hingearbeitet hatten", so Heinzer. Der Gold-Coup gelang trotz des vermeintlichen Qualitätsverlusts in der Team-Besetzung nach Olympia 2016, als Fabian Kauter und Peer Borsky ihren Abschied aus dem Nationalteam gaben.

In Rio waren die vier Schweizer (damals Heinzer, Steffen, Fabian Kauter und Borsky) in der Einzel-Weltrangliste deutlich weiter vorne als das Team-Weltmeister-Quartett von 2018 klassiert, dafür ist die aktuelle Equipe eher kompakter und für die Gegner unberechenbarer.

Detaillierte Inputs von Video-Coach Fernandez

Heinzer beschreibt seine Teamkollegen so: "Team-Routinier Steffen ist ein ausgewogener Fechter, kann defensiv sehr gut agieren, aber auch offensiv Akzente setzen. Als Linkshänder ist er für viele Gegner unbequem. Niggeler ist ein sehr starker Defensiv-Fechter, der vor allem bei einer Führung von uns mit Kontern seine Stärken ausspielen kann. Unser Team-Benjamin Malcotti wiederum ist ähnlich wie ich. Er ist sehr offensiv orientiert und nimmt viel Risiko. Er fechtet auch noch sehr unbeschwert."

Die Abgänge von Fabian Kauter und Peer Borsky wurden auch durch neue Impulse aufgefangen. "So detailliert wie unter dem neuen Video-Coach Silvio Fernandez hatten wir die Gegner früher nicht analysiert. Das zahlte sich beim WM-Titelgewinn in China auch aus. Wir waren absolut top vorbereitet", betont Heinzer.

Im luftleerem Raum

Aktuell befindet sich Heinzer wie andere Olympia-Kandidaten aus allen Sportarten und Kontinenten in einem luftleeren Raum. Eine vordergründige Gewissheit ist zumindest vorhanden. In der Olympia-Qualifikation bleiben alle sechs bisherigen Events in der Wertung, wodurch die Qualifikation für das Schweizer Männerdegen-Team, der aktuellen Nummer 2 der Welt hinter dem bereits für Tokio 2021 qualifizierten Frankreich, nur noch Formsache sein sollte. Ausstehend für die Olympia-Qualifikation ist noch der Weltcup in Buenos Aires, der im April 2021 nachgeholt werden soll.

Vorgesehen ist, dass ab Mitte November der Weltcup-Saisonstart erfolgt. Am 1. September soll der Entscheid fallen, ob dies der Fall sein wird. "Ich persönlich bezweifle, ob bereits dann grünes Licht gegeben wird. Andernfalls wird jeden Monatsanfang neu entschieden", sagt Heinzer. Es ist kaum davon auszugehen, dass der internationale Reiseverkehr schon Anfang September uneingeschränkt möglich ist. Vor allem werden Quarantäne-Pflichten bei Ein- und Rückreisen global noch kaum aufgehoben sein.

Heinzer plante ursprünglich bis Paris 2024

Vor Beginn der Corona-Krise hatte Heinzer den Plan, bis Paris 2024 weiterzumachen. Doch je länger die längste Wettkampfpause seiner Karriere dauert, umso mehr sieht er auch seine wirtschaftliche Existenz als Profifechter gefährdet. "Man muss sich schon fragen, ob es überhaupt möglich ist, dass ich weitermachen kann." Ob die Sponsoren auch ohne Wettkämpfe mittelfristig ihr Engagement beibehalten (können), sei ungewiss. "Ich bin jetzt dankbar, dass sie überhaupt schon ein Jahr weitermachen."

Mit der Ausarbeitung eines Schutzkonzeptes mit Spezialmasken im Fechten rechnet Heinzer nicht. "Dazu ist der Weltverband wohl zu wenig professionell aufgestellt." Heinzer geht davon aus, dass noch vor Jahresende entschieden sein wird, ob und in welcher Form Olympia 2021 im Programm verbleibt.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1