Schwingen
Der Fluch des Schlussgangs am «Eidgenössischen»

Auf der finalen Niederlage bei einem Eidgenössischen Schwingfest liegt ein Fluch. Die Kämpfe in der Vergangenheit zeigten nämlich: Wer im Schlussgang unterliegt, wird nie mehr Schwing-König.

Klaus Zaugg
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Adrian Käser (oben) bodigt 1989 in Stans im Schlussgang den haushohen Favoriten Eugen Hasler.

Adrian Käser (oben) bodigt 1989 in Stans im Schlussgang den haushohen Favoriten Eugen Hasler.

Keystone

Zwischen 1937 und 1950 fällt nur gerade an zwei «Eidgenössischen» im finalen Hosenlupf eine Entscheidung. Viermal wird gestellt (unentschieden). Am 23. Juli 1950 endet der Sägemehl-Finale zum bisher einzigen Mal gar im Skandal. Der Kampf zwischen den jahrelangen Erzrivalen Vogt Peter und Flach Walter wird nach 35 ereignisarmen Minuten unentschieden abgebrochen.

Die Krone wird wegen «mangelndem Kampfgeist» (so der Chronist) nicht vergeben. Was bei Vogt einen Wutausfall auslöst. Zeitzeugen berichten, der bärenstarke Böse sei richtig böse geworden und habe im Zorn den Kranz zerrissen. Eine Ungeheuerlichkeit, die nicht ohne Folgen bleibt: Er wird dafür ein Jahr lang für sämtliche Schwingfeste gesperrt.

Nach dem Skandal von Grenchen wird das «Eidgenössische» 51 Jahre lang vor missglückten Schlussgängen verschont. Erst 2001 in Nyon kommt es wieder zu einem Kampf ohne Ergebnis: Forrer Arnold und Abderhalden Jörg stellen nach 20 Minuten. Der Zentralvorstand des Verbandes entscheidet, ob nach einem Gestellten im Schlussgang der Königstitel trotzdem vergeben wird. Anders als 1950 wird nach einem ergebnislosen Schlussgang ein König ausgerufen: Arnold Forrer. 2004 in Luzern fällt wieder keine Entscheidung: Abderhalden Jörg wird nach einem Gestellten gegen Sutter Thomas trotzdem zum König gekrönt.

Und welches ist der beste Schlussgang der Geschichte (seit 1895)? Keine Frage: Käser Adrian gegen Hasler Eugen am 20. August 1989 in Stans. Ein Höhepunkt nicht nur der Schwinger-, ja der internationalen Geschichte des Zweikampfsportes. Es ist ein glühend heisser Sonntag. Der krasse Aussenseiter Käser, erst kürzlich 18 geworden, steht aussichtslos im Schlussgang. Und gewinnt.

Die Warnung für Kilian Wenger

Es lohnt sich, vor Burgdorf 2013 noch einmal die Erinnerung an Stans 1989 aufzufrischen. Als Warnung für die Titanen wie Wenger Kilian, Stucki Christian oder Sempach Matthias. Der junge Käser, ein risikofreudiger Schwinger, unbekümmert, gelassen, beherrscht, ruhig und selbstsicher, hat nichts zu verlieren.

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Fotoshooting zum Kalender «Die Bösen 2013»

Matthias Sempach auf dem Titelbild für den Kalender «Die Bösen»

dieboesen.ch/Thomas Buchwalder

Er ist seinem um sechs Jahre älteren Gegner Hasler Eugen an Gewicht, Grösse, und Erfahrung weit unterlegen. Einzige Pluspunkte: seine jugendliche Unbeschwertheit und seine relative Frische am Ende eines heissen Tages. Er wird nicht mit einer technischen Finte oder dank grösseren Kraftreserven gewinnen. Sondern, weil er das Selbstvertrauen eines Königs hat und seinen Gegner mental «zerstört».

Käser hat den wuchtigen ersten Angriffsversuchen des haushohen Favoriten getrotzt. Mitten im Schlussgang legt Eugen Hasler, leicht am Mund verletzt, eine taktische Kampf- und Verschnaufpause ein und begibt sich zur Erfrischung an den Brunnen am Rande des Kampffeldes. Käser macht in dieser psychologisch alles entscheidenden Phase instinktiv und mit erstaunlicher Nervenkraft das Richtige: Auch er geht, unbeeindruckt und gemessenen Schrittes stolz und zielbewusst, als wäre er der König, zum Brunnen, an dem sich sein Gegner eben retabliert, kühlt sich ab und begibt sich, ohne den Kontrahenten eines Blickes zu würdigen, als Erster wieder in den Sägemehlring zurück.

Dort wartet er in provozierender, herausfordernder Haltung auf Hasler. In diesen Sekunden gewinnt Käser den Schlussgang. Denn in diesem Augenblick hat er seinem Gegner signalisiert, dass er Herr der Lage, König des Sägemehlringes ist. Käser gewinnt in der
10. Minute durch Gammen und Überdrücken.

Erst im Schlussgang eines «Eidgenössischen» kann einer ein Titan werden, dessen Heldentaten von Generation zu Generation überliefert werden. Ja, die ungeschriebenen Gesetze des Schwingens wollen es inzwischen so, dass einer, der einen Schlussgang verliert, mit einem Fluch belegt wird und nie mehr König werden kann.

Den Thron haben viele verteidigt: beispielsweise Meli Karl (König 1961 und 1964), Hunsperger Rudolf (1966, 1969 und 1974), Schläpfer Ernst (1980 und 1983) oder Abderhalden Jörg (1998, 2004 und 2007). Aber wer im Schlussgang unterliegt, kehrt nie mehr auf den Thron zurück. Meli Karl erholte sich von der Schlussgangniederlage von 1966 ebenso wenig wie Schläpfer Ernst (1986 gegen Knüsel Harry). Hasler Geni, einer der Bösesten aller Zeiten, konnte nie König werden. Er verlor den Schlussgang 1989 und 1995. Abderhalden Jörg kehrte zurück auf den Thron, weil er 2001 den Schlussgang eben nicht verloren, sondern den Titel durch einen Gestellten vorübergehend verloren hatte.

Die Tragödie mit Jörg Schneider

Die Geschichte von Schneider Jörg, dem Schlussgangverlierer von 1992, endete gar in einer Tragödie. 1977 wird der Basler mit 15 Jahren in Basel der jüngste Schwinger, der je beim «Eidgenössischen» einen Kranz gewinnt.

Es ist der Beginn einer grossen Karriere. 1992 greift er in Olten im Schlussgang gegen Rüfenacht Silvio nach der Krone und verliert. Am 29. März 1998 scheidet er im Alter von 37 Jahren nach einem Familienfest freiwillig aus dem Leben. Die Titanen, die Bösen, das zeigt sich hier, sind eben nicht einfach gross und stark und unbekümmert.

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