Ist das noch professionell oder ist es schon pathologisch? Ole Einar Björndalen führt ein Leben im Grenzbereich. Seit Jahren reist der Hygienefanatiker aus Norwegen mit dem Staubsauger von Rennen zu Rennen und lässt die Hotelböden im Zweifelsfall mit einer Plastikfolie abkleben – aus Angst, irgendwelche Krankheitskeime aufzulesen und so seinen sportlichen Erfolg zu gefährden.

Sein Palmarès gibt Björndalen recht: Mit acht Olympiasiegen ist der Biathlet erfolgreichster Wintersportler der Geschichte. Mit 19 WM-Titeln und 95 Einzel-Weltcupsiegen – davon einem im Langlauf – hält er zudem weitere Bestmarken, die ihm nicht so rasch zu nehmen sind. Sein unbändiger Siegeshunger und seine gnadenlosen Aufholjagden in der Loipe trugen Björndalen in seiner Heimat einst den Übernamen «der Kannibale» ein.

Inzwischen ist seine Zeit als Dominator der Biathlon-Szene zwar vorbei, für Siege aber ist er immer noch gut. Im Alter von 40 Jahren gewann Björndalen bei den Olympischen Spielen in Sotschi nochmals zwei Goldmedaillen, und zu Beginn der laufenden Saison triumphierte er nochmals im Weltcup. Bei seinem ersten WM-Einsatz in Oslo gewann er gestern Silber hinter dem Franzosen Martin Fourcade, der Björndalen als überragenden Biathleten abgelöst hat und auf der Jagd nach dessen Rekorden ist.

Die Konkurrenz traut dem Rücktritt nicht

Nun soll aber auch beim nimmermüden «Mister Biathlon» Schluss sein. Bei den Weltmeisterschaften in Oslo gibt Björndalen seine Abschiedsvorstellung vor heimischem Publikum. Ende Saison will der 42-Jährige, der eigentlich bereits nach den Olympischen Spielen in Sotschi hatte zurücktreten wollen, seine Karriere beenden.

Viele Konkurrenten zweifeln allerdings auch diesmal daran, dass der letzte Schuss des Doyens noch in diesem Winter fallen wird. «Ich glaube irgendwie nicht, dass er nach dieser Saison aufhören wird», sagt etwa Fourcade. Der Franzose geht von weiteren Duellen aus – möglicherweise bis zu den nächsten Winterspielen 2018 in Südkorea: «Vielleicht liege ich falsch, aber ich glaube, dass er weitermacht.»

Ole Einar Björndalen spricht über seine Karriere und den Biathlon im Allgemeinen

Ole Einar Björndalen spricht über seine Karriere und den Biathlon im Allgemeinen

Björndalen selber lässt sich ein Hintertürchen offen. Ein erneuter Rücktritt vom Rücktritt sei zwar derzeit «absolut ausgeschlossen», wie er sagt. «Ich beende nach der Saison meine Karriere. Ich habe das Gefühl, dass es der richtige Zeitpunkt ist.» Viel zu bedeuten hat das allerdings nicht. «Wenn man aufhört, kommen viele neue Situationen auf einen zu», sagt Björndalen, «Und wenn ich dann nicht zufrieden bin, werde ich vielleicht doch weiterlaufen.» Ein entschlossenes Nein klingt anders.

Björndahlen muss auf keine Familie Rücksicht nehmen

Auf eine Familie braucht der Norweger mit Wohnsitz im österreichischen Obertilliach jedenfalls nicht Rücksicht zu nehmen. Seine Ehe mit der ehemaligen Südtiroler Biathletin Nathalie Santer ging 2012 in die Brüche, inzwischen ist Björndalen mit der weissrussischen Olympia- und Gesamtweltcupsiegerin Daria Domratschewa liiert.

Für eine Fortsetzung der Karriere spricht der Luxus-Truck, mit dem Björndalen seit diesem Winter unterwegs ist. Das 21 Tonnen schwere Gefährt, das ihm ein russischer Sponsor für geschätzte 1,5 Millionen Euro ermöglicht hat, ist mit einer Küche, King-Size-Betten und einem Fitnessraum ausgestattet. Auf einem riesigen Laufband kann der Ausnahme-Athlet dort in den eigenen vier Wänden joggen, Velo fahren oder mit Rollski trainieren.

Die Motivation ist immer noch gross

Mit seinem fahrbaren Trainingszentrum setzt der Einzelgänger, der seit einem Rausch mit 12 keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken hat und sein Umfeld so konsequent wie kein Zweiter auf sportliche Höchstleistung ausrichtet, im Herbst der Karriere noch einmal neue Massstäbe. «Ich habe immer noch eine grosse Motivation und Ziele, fühle mich vom Kopf her immer noch sehr jung», sagt Björndalen. Auch mit 42 wirkt er noch kein bisschen trainingsmüde. Eher wie ein Getriebener, der nicht ganz mit sich zufrieden ist. «Mein Drang nach Perfektionismus ist meine Stärke, aber auch meine Schwäche», sagt er.

Auch beim ihm kann schliesslich nicht immer alles nach Plan laufen. Das musste er zuletzt im Dezember erfahren, als er wegen der schlechten Schneeverhältnisse in Mitteleuropa nach besseren Trainingsbedingungen suchte. Erstmals seit 22 Jahren verbrachte er Weihnachten in seiner Heimat – und wurde prompt krank.