In Deutschland hat sich letzte Woche ein absolutes Novum ereignet. Die Staatsanwaltschaft Köln klagt den früheren Boxweltmeister Felix Sturm im Zusammenhang mit seinem Dopingvergehen bei einem WM-Kampf 2016 zusätzlich wegen gefährlicher Körperverletzung an. Sollte es zu einer Verurteilung kommen, drohen dem Profikämpfer bis zu zehn Jahre Haft.
Noch ist es lange nicht so weit. Zuerst muss das Gericht entscheiden, ob es diese neuartige Anklage zulassen will. Falls das passiert, stünde der Kampf gegen Doping vor einem weltweiten Präjudiz: Macht sich ein durch Dopingmittel manipulierter Kampfsportler eines Gewaltverbrechens schuldig?

Im Boxen willigt der Gegner zwar ein, mit Schlägen eingedeckt zu werden. Aber nur so weit, wie es die Regeln erlauben. Der Gebrauch von Doping ist ein klarer Regelverstoss und beraubt den Gegner der Chancengleichheit, heisst es in der Argumentation der Staatsanwaltschaft. Dazu habe der Gegner nicht eingewilligt.

Initiant dieser Klage ist die nationale Anti-Doping-Agentur (Nada), die darauf drängt, die Frage der Körperverletzung zu klären. In der Welt des Kampfsports macht sich die Nada damit keine neuen Freunde. Der Präsident des deutschen Profiboxverbandes nannte die Anklage «absurd». Möglich wird das Vorgehen durch das im Dezember 2015 in Kraft getretene Anti-Doping-Gesetz in Deutschland. Seither können gedopte Athleten neben einer Sperre durch die Sportgerichtsbarkeit auch von einem zivilen Strafgericht belangt werden. Zu einer rechtskräftigen Verurteilung im Leistungssport kam es bislang noch nicht. Der Strafbefehl gegen zwei gedopte süddeutsche Ringer wurde von diesen an die nächste Instanz weitergezogen.

In der Schweiz wäre eine solche Anklage wie in Deutschland nicht möglich. Zwar gibt es auch im neuen Sportfördergesetz erstmals Anti-Doping-Bestimmungen. Aber diese richten sich vor allem an das Umfeld – Betreuer, Ärzte, Hintermänner. Ein gedopter Athlet wäre nach Gesetzbuch nur dann zu packen, wenn er gleichzeitig auch Dopingmittel vertreibt.

Trotzdem blicken auch die Schweizer Dopingjäger mit grossem Interesse nach Deutschland. Kommt es wirklich zu diesem juristisch bisher einzigartigen Prozess? Als nächster Schritt kann sich Felix Sturm zur Anklage äussern. Anschliessend entscheidet das Gericht, ob und mit welchen Anklagepunkten das Hauptverfahren eröffnet wird. Was aber soll man davon halten? Den Druck auf Betrüger im Sport zu erhöhen, ist ein probabler Weg. Dass ein Boxer punkto möglicher Strafe aber ein ungleich höheres Risiko eingeht als ein Radfahrer oder Leichtathlet, bleibt diskutabel.