Das Australian Open bietet Schweizer Besonderheiten. Seit einer Woche stiehlt Stanislas Wawrinka seinem berühmteren und erfolgreicheren Kollegen Roger Federer mit verblüffender Regelmässigkeit die Aufmerksamkeit Down Under, seit einer Woche wundern sich Fans und Fachwelt über eher magere Handwerkskost von Maestro Federer – und über glanzvolle Tennis-Galas von Wawrinka, dem Mann, der in der weiten Welt des Wanderzirkus bisher immer nur als Juniorpartner und Schattenmann Federers wahrgenommen wurde.

Und nun, nach sieben aussergewöhnlichen Tagen im Melbourne Park, steht die nächste Extravaganz beim Major-Wettbewerb am anderen Ende der Welt fest: der erste innerschweizerische Grand-Slam-Viertelfinal in der Tennisgeschichte, der Fight zwischen Federer und Wawrinka am Dienstag, das Duell der beiden Doppel-Olympiasieger von Peking. «Das ist wirklich ein grosser Moment, nicht nur für uns Spieler, sondern auch für das Tennis in der Schweiz», meinte Federer, der am Sonntag den Spanier Tommy Robredo mit 6:3, 3:6, 6:3 und 6:2 bezwungen hatte.

Allerdings gehörte Federer damit nur periphere Aufmerksamkeit an einem Wettbewerbstag, der von Wawrinka mit formvollendeter Dynamik und Ästhetik beim 6:3, 6:4, 6:4-Sieg über den amerikanischen Ballermann Andy Roddick abgeschlossen wurde. «Das war einfach unglaublich», sagte Wawrinka und hatte nur zu recht, denn selten wurde der US-Star so auf einem Centre-Court vorgeführt wie an diesem Abend des 23. Januar 2011. 67 Winner, davon 24 Asse, produzierte Wawrinka in 2:22 Stunden Spielzeit, ein Mann, der in einer ganz eigenen Sphäre an der Arbeit war, konzentriert und doch beschwingt, energisch und doch locker in seiner ganzen Attitüde. «Ein Stück Perfektion» sei das gewesen, sagte Coach Peter Lundgren, der sich nur ärgerte, dass Wawrinka einmal länger ins Diskutieren mit dem schwachen Schiri Bernardes geraten war.

Gesprächsthema Warinka

Federer mag zwar sechs von sieben Duellen gegen seinen jüngeren Landsmann gewonnen haben, darunter auch das bisher einzige Grand- Slam-Spiel beim letztjährigen French Open. Aber nach dem Turnierverlauf muss der Schweizer Vergleich als ziemlich offen gelten, als Spiel, das in jeder Beziehung auf Augenhöhe geführt wird. Federer jedenfalls erwartet nichts anderes als einen Kampf auf Biegen und Brechen, nicht zuletzt, weil Wawrinka nun wisse, «dass er mit den Grossen mithalten kann»: «Man spürt, dass er in der Liga der Champions angekommen ist. Die Leute reden inzwischen über ihn. Und nicht mehr über die, die er schlägt.» Gegen Wawrinka spiele es sich für ihn immer noch ein bisschen leichter als gegen seine ganz alten Tennis-Kumpel Marco Chiudinelli und Michael Lammer, sagte Federer: «Die kenne ich schliesslich seit ganz früher Kindheit. Da ist stets eine Beklemmung da.» Nicht so beim Duell mit «Stan, the Man»: «Eigentlich ist das kein Problem.»

Wawrinka um Klassen besser

Wohl auch nicht für Wawrinka, den Spieler, der sich in der Zusammenarbeit mit dem leichtlebig daherkommenden, aber akribisch arbeitenden Schweden Peter Lundgren um Klassen verbessert hat. Vor allem deshalb, weil er seine «falsche Nettigkeit», so Lundgren, auf dem Platz abgelegt und stattdessen eine kühle Erfolgsorientiertheit entwickelt hat: «Meine Mentalität hat sich von Grund auf verändert», sagt Wawrinka, der diese Feststellung aber ausdrücklich aufs Tennis bezogen wissen will, «die privaten Ereignisse haben nichts damit zu tun.» Er habe Stanislas gesagt, er solle aufhören, nett zu sein.

Gegen Roddick zeigte Wawrinka einmal mehr, dass er aus ganz neuem Holz geschnitzt ist. Es imponierte von der ersten Minute an, wie selbstverständlich furchtlos der Schweizer seinen Gegenspieler Roddick attackierte und früher oder später ausspielte. In Wirklichkeit bekam der Amerikaner nie Boden unter den Füssen, wurde von einer Serie härtester Punchs aus Wawrinkas Hälfte erschüttert. Auch 24 Asse knallte ihm der sportlich gar nicht liebenswerte Stan vor die Füsse in dieser einseitigen Angelegenheit. «Aggressiv zu sein, die Punkte zu dominieren, war das Ziel. Und dieser Plan ist hundert Prozent aufgegangen», sagte Wawrinka später.

Federers durchwachsener Auftritt

Federer hatte Stunden zuvor die Reihe eher durchwachsener Gastspiele fortgesetzt und Robredo unspektakulär auf die Heimreise geschickt. Erst nach dem 1:1-Satzausgleich des Spaniers rappelte sich der viermalige Melbourne-Champion auf und steigerte seine Performance in einem Schlussspurt. «Jetzt bin ich wirklich gespannt, was bei dem Match mit Stan herauskommt», gab Federer dann später zu Protokoll. Mit ihm rätselt dabei die ganze Tenniswelt. Und die ganze Schweiz.