Triathlon
Daniela Ryf: «Ich habe im falschen Sandkasten gespielt»

Die 27-jährige Solothurner Triathletin Daniela Ryf spricht im Interview über ihre famose Renaissance als Topathletin, den Ironman Hawaii und ihre Zukunft.

Michael Schenk
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Daniela Ryf ist diese Saison nach schwierigen Jahren nicht mehr zu bremsen. Nun steht ihr Debüt beim Ironman Hawaii bevor.

Daniela Ryf ist diese Saison nach schwierigen Jahren nicht mehr zu bremsen. Nun steht ihr Debüt beim Ironman Hawaii bevor.

Jarno Schurgers/Red Bull Content Pool

Da wird jeder hyperaktive Turnschuh depressiv, wenn eine Daniela Ryf sagt: «Ich sehe meine Zukunft auf der Ironman-Distanz. Dazu muss ich aber noch etwas fitter werden.» Noch fitter? Die 27-jährige Solothurnerin ist aktuell das Mass aller Dinge punkto Triathlon. Ob auf der olympischen, der halben oder ganzen Ironman-Distanz – Ryf gewinnt.

In dieser Saison ist sie noch ungeschlagen. Ende Juli gewann die U23-Weltmeisterin von 2008 in Zürich auf der olympischen und 24 Stunden später auch der Ironman-Distanz, holte sich in Wiesbaden den EM-Titel und später im kanadischen Mount Tremblant den WM-Titel auf der halben Ironman-Strecke.

Zudem triumphierte sie Anfang Juni in Rapperswil über die halbe und später in Kopenhagen über die ganze Ironman-Distanz. Im Idealfall soll sich diese Serie so auch beim Saisonhöhepunkt, der Ironman-WM am 11. Oktober in Kona (Hawaii), fortsetzen.

Daniela Ryf, hätten Sie nach dem enttäuschenden Olympia-Triathlon 2012 in London gedacht, dass Sie zwei Jahre später eine so überragende Saison haben würden?

Daniela Ryf: Nein, bestimmt nicht. Nach London war ich kurz davor, den Triathlon-Anzug an den Nagel zu hängen. Die Freude am Sport hatte ich, auch durch die vielen Rückschläge mit meiner Gesundheit, kurzfristig verloren. Es war sehr hart, die Motivation nach jedem gesundheitlichen Rückschlag zwischen 2010 und 2012 neu zu finden.

Wie kamen Sie damals aus dem Tief raus?

Zum Glück startete ich 2012 noch an ein paar Rennen mit Windschattenverbot, womit auch meine Leidenschaft wieder zurückkam. Letztes Jahr hatte ich ein gutes Jahr, während dem ich das erste Mal gesund blieb und auch einige gute Resultate liefern konnte. Dass ich aber jetzt gleich so stark zurückkomme, damit habe ich nicht gerechnet.

Aber so mag man das gern?

Es ist natürlich umso schöner, dass nun mein Aufwand wieder belohnt wird. Denn der Aufwand war über all die Jahre der gleiche.

Worauf führen Sie Ihre fast schon unheimliche Erfolgsserie dieses Jahr primär zurück?

Die Zusammenarbeit mit Coach Brett Sutton hat da bestimmt den grössten Einfluss. Er konnte mich über den Winter konstant fitter machen und mir auch im mentalen Bereich sehr weiterhelfen.

Inwiefern hat er Ihnen mental weiterhelfen können?

Ich habe immer gerne hart trainiert; doch er scheint die richtige Balance an Training und Erholung für mich gefunden zu haben. So war ich nie krank, nie verletzt. Dies sind Voraussetzungen, die es braucht, um auf diesem Niveau vorne dabei sein zu können.

Ist es für Sie mental eher erleichternd, dass mit Nicola Spirig die härteste Konkurrentin im eigenen Land, die als Olympiasiegerin ja auch immer viel Aufsehen auf sich zieht, heuer im Triathlon nicht mittut? Sie also quasi die «Bühne» für sich wissen?

Nicola Spirig hat mir vor einem Jahr geholfen, dass ich mit ihrem Coach Brett Sutton trainieren konnte. Da ich nun auf der Langdistanz unterwegs bin und sie auf Weltcup setzt, sind wir nicht einmal mehr direkte Konkurrentinnen. Wir trainieren teilweise zusammen in St. Moritz und ich freue mich für sie, wenn es ihr gut läuft, wie auch umgekehrt. Der Sportteil in der Zeitung ist genügend gross, um über mich und Nicola Spirig zu berichten.

Gab es heuer einen Sieg, der Ihnen den besonderen Kick und die Extra-Portion Selbstvertrauen verliehen hat? Einen Moment, der Ihnen gezeigt hat: Hey, da geht ja noch viel mehr, als ich mir bis dahin selbst zugetraut habe?

Zum einen der Sieg in Rapperswil, als ich über die halbe Ironman-Distanz vermutlich das perfekte Rennen hatte. Dort sah ich zum ersten Mal, dass ich wirklich in Form bin, da ich vorher viel allein trainiert habe und somit noch keinen Anhaltspunkt hatte. Der Ironman in Zürich war für mich dann der Turnaround. Ich begann zu begreifen, was mir mein Coach bereits seit Monaten zu erklären versuchte. Nämlich, dass ich bisher im falschen Sandkasten gespielt hatte und auf der Langdistanz noch sehr viel Potenzial habe.

Sie gewinnen in dieser Saison schlicht alles – bekommen Sie bald ein Problem, einen Schwerpunkt zu setzen?

Mir gefallen alle Rennen, welche mit dem Zeitfahrrad absolviert werden. Das heisst ohne Windschatten fahren, denn da kann ich meine Radstärke voll ausspielen. Das Wechseln der Distanzen ist kein Problem. Je kürzer, desto schneller. Die olympische Distanz und der Halb-Ironman haben ihren Reiz, weil man von Beginn an voll gehen kann.

Wo sehen Sie Ihre Zukunft?

Momentan auf der Ironman-Distanz. Dafür muss ich noch etwas fitter werden, damit ich dann auch die 180 km auf dem Velo voll durchziehen kann. Dies schliesst jedoch nicht aus, dass man auch kürzere Rennen bestreiten kann, denn genau diese geben einem wieder den Speed und die Härte.

Haben sich die diesjährigen Erfolge z.B. in Bezug auf neue Sponsoren, Einladungen zu Wettkämpfen respektive Promotions-Auftritten ausgewirkt?

Ich hatte bereits einige Anfragen von verschiedenen Sponsoren, bin jedoch mit meiner jetzigen Situation schon sehr zufrieden. Während der nächsten vier Wochen bis Kona konzentriere ich mich nur auf das Training. Die Verhandlungen führe ich jedes Jahr im Oktober, wenn die Saison vorbei ist.

Wie sieht Ihr Programm bis Kona, also Hawaii, am 11. Oktober aus?

Ich bin noch bis zum 7. Oktober in Cozumel (Mexiko) mit der Gruppe und meinem Coach in der Hitze am Trainieren. Dann fliege ich direkt nach Kona.

Stellen Sie sich manchmal vor, wie es wäre, in Hawaii als Siegerin einzulaufen? Genug PS, um zu gewinnen, stecken ja definitiv in Ihnen ..?

Seit diesem Jahr war es bei jedem Rennen mein Ziel, zu gewinnen. Ich fokussiere mich aber nicht auf den Sieg, sondern drauf, was zu tun ist. Mein Ziel ist, meine Stärke auf dem Rad voll auszuspielen und den Marathon so schnell wie möglich zu laufen. Dann werden wir sehen, zu welchem Resultat das reichen wird.