Col du Tourmalet: Der «üble Umweg» entscheidet

Col du Tourmalet: Der «üble Umweg» entscheidet

Heute müssen Contador und Schleck an diesem Berg leiden - genau wie Armstron 2003.

Hier entscheidet sich die Tour

Heute müssen Contador und Schleck an diesem Berg leiden - genau wie Armstron 2003.

In diesem Jahr feiert die Tour de France ihr hundertjähriges Pyrenäen-Jubiläum. Auf dem Col du Tourmalet dürfte heute im Duell zwischen Alberto Contador und Andy Schleck die Vorentscheidung um den Gesamtsieg fallen – voraussichtlich mit Blitz und Donner.

Marcel Kuchta

Genau 18,6 Kilometer lang ist die Schlusssteigung der heutigen, 17. Etappe der Tour de France. Die Westrampe des berühmt berüchtigten Col du Tourmalet, was im lokalen Dialekt übersetzt so viel heisst wie «übler Umweg», wird mit grösster Wahrscheinlichkeit Schiedsrichter spielen im packenden Zweikampf um den Gesamtsieg zwischen dem Spanier Alberto Contador und dem Luxemburger Andy Schleck.

Acht Sekunden trennen die beiden Rivalen vor der vierten und letzten Pyrenäen-Etappe der Tour de France 2010. Am Ende der durchschnittlich 7,5 Steigungsprozent steilen Passstrasse, welche auf 710 Metern in Luz-Saint-Sauveur beginnt und auf 2115 Metern auf dem Kulminationspunkt endet, werden die Abstände nicht mehr in Sekunden, sondern vermutlich in Minuten gerechnet werden.

Erst zum zweiten Mal in der hundertjährigen Geschichte der Pyrenäen in der Tour de France endet eine Etappe auf dem höchsten Pass des Gebirgszugs zwischen Frankreich und Spanien. 1974 gewann der Franzose Jean-Pierre Danguillaume. Damals mussten die Fahrer allerdings die etwas kürzere und weniger steile Ostrampe bewältigen.

Die Platzverhältnisse auf der Passhöhe sind eng. Die Zuschauermassen werden wie immer enorm sein. Auch deshalb wird ein Teil des riesigen Tour-Trosses nach La Mongie, einer Skistation 4 Kilometer unterhalb des Ziels, verlegt.

Und das alles zu Ehren eines Bergs, der in den vergangenen 100 Jahren für viele Heldengeschichten und Dramen gesorgt hat. Raymond Poulidor, die französische Tour-Legende, beschreibt den Reiz der Pyrenäen im Allgemeinen und des Tourmalets im Speziellen folgendermassen: «Die Steigungen sind schrecklich, die Abfahrten ebenso. Dazu kommen die Wetterkapriolen: meistens Hitze, manchmal Regen und Nebel. Das Ganze ist oft dramatisch, meistens aber wunderschön.»

Das Wetter könnte auch heute eine Hauptrolle spielen: Nach einer bisher mehrheitlich von grosser Hitze geprägten Tour de France erwartet die Fahrer gemäss Prognose sogar ein echter Kälteschock. Heftige Gewitter und Regen bei Temperaturen im einstelligen Bereich werden den nach einer fast dreiwöchigen Tortur sowieso schon geschundenen und müden Körpern der Fahrer weiter zusetzen und das Letzte abverlangen.

Kommt erschwerend dazu, dass für die verbliebenen 172 Profis im Feld heute nicht nur der Col du Tourmalet als Krönung auf dem Programm steht, sondern vorher auch noch die kaum minder anspruchsvollen Col de Marie-Blanque (9,3 km Steigung mit durchschnittlich 7,6 Steigungsprozenten) und Col du Soulor (11,9 km/7,8 Steigungsprozent).

Erfüllt sich das Wunschszenario, dann werden Andy Schleck und Alberto Contador in den Rampen des Tourmalets den Tour-Sieger im epischen Duell Mann gegen Mann unter sich ausmachen. Angetrieben von Abertausenden von Zuschauern und möglicherweise begleitet von Blitz und Donner.

Die Chancen stehen gut, dass dem Mythos «Col du Tourmalet» ein weiteres denkwürdiges Kapitel hinzugefügt wird.

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