Markus Brütsch, Maribor

Er hatte sich zur Feier des Tages noch ein Dessert am Buffet geholt, dann aber zog sich als allerletzter Spieler auch Adrian Nikci aufs Zimmer zurück. Der Youngster hatte drei Stunden zuvor gegen Maribor mit dem Kopf zum 3:0 getroffen. «Es war die Erlösung», sagte Nikci.

Nicht für Bernard Challandes. «Ich war mir erst beim Schlusspfiff sicher, dass wir es geschafft haben», sagte der Trainer des FC Zürich. Er hatte es sich nicht verkneifen können, beim späten Nachtessen im Hotel Habakuk seiner Genugtuung Ausdruck zu verleihen. Um zehn Minuten vor Mitternacht hatten die Verantwortlichen ihre Rotweingläser gehoben und Challandes gesagt: «Auf die FCZ-Zwergli!»

Der «Blick» hatte ihn und den Verein nach dem 2:3 im Hinspiel gnadenlos zusammengefaltet und als Zwergli hingestellt. Challandes hatte daraufhin die Gelegenheit ergriffen, ein Zwergli-Poster herstellen zu lassen, und dieses bei der Mannschaftsitzung als Motivationsspritze eingesetzt. «Ich bin mir sicher, Ottmar Hitzfeld hat dies mit den Luxemburgerli damals auch so gemacht. Es war ein Mosaiksteinchen zum Erfolg», sagte Challandes. Genau wie die Aktion von Präsident Ancillo Canepa und Sportchef Fredy Bickel, das Team eine Woche lang mit Nichtbeachtung zu strafen.

Wer denken würde, die Stimmung im riesigen Speisesaal des unmittelbar beim Zielraum des Mariborer Skiweltcuphanges gelegenen Hotels sei ausgelassen gewesen, der täuscht sich. Vielleicht war die Mannschaft nach der kämpferisch exzellenten Vorstellung viel zu müde, um mehr als gedämpfte Freude zu verbreiten. Möglicherweise aber war sie sich auch bewusst, dass der entscheidende Schritt in den Playoffs am 19. und 26. August erst noch getan werden muss, um das grosse Ziel Champions League tatsächlich zu erreichen.

Immerhin: Die Gruppenphase in der Europa League haben die Zürcher bereits im Sack. «Und damit einen siebenstelligen Betrag», sagte Canepa. Doch damit wie auch mit der Aussicht, in der Königsklasse 12 Millionen Franken auf sicher zu haben, wollte sich Canepa gar nicht befassen. «Was soll ich rechnen, wenn noch nichts definitiv ist?», fragte er. Es sei ihm auch egal, wer dem FCZ heute in der Auslosung der Playoffs zugeteilt werde. Ob die Österreicher aus Salzburg, die Zyprioten von Apoel Nikosia, die Letten von Ventspils, die Ungarn aus Debrecen oder die Moldawier von Tiraspol. «Das Wichtigste ist, dass nach dem Spiel in Maribor der Champions- League-Traum noch leuchtet», sagte Canepa. Zeit zum Träumen hatte er. Weil der FCZ-Tross erst am Abend in die Schweiz zurückflog, war gestern Morgen ausschlafen angesagt.

Verdient hatten es sich die Zürcher, die am Sonntag im Spitzenspiel in der Super League beim FC Basel antreten, gewiss. Im sechsten Pflichtspiel dieser Saison war ihnen erstmals eine gute Leistung gelungen. Sie waren giftig in den Zweikämpfen und endlich mal effizient im Abschluss gewesen. Mit Leoni stand diesmal ein starker Goalie zwischen den Pfosten, Tihinen und Rochat waren in der Innenverteidigung überragend, Aegerter und Gajic im Mittelfeld sehr gut und Vonlanthen superb.

Abheben wollte Challandes deswegen nicht gleich: «In der zweiten Halbzeit waren wir zu wenig souverän.» Canepa sagte: «Das Hinspiel gegen Maribor hat gezeigt, dass wir noch lernen müssen, während des Spiels zu reagieren.» Die Zürcher gaben sich alle Mühe, nach dem Triumph von Maribor den Ball flachzuhalten. «Auf dem Papier haben wir eine so grosse Chance auf die Champions League wie noch nie», sagte Canepa. Und schob gleich nach: «Auf dem Papier.» Wird das Ziel erreicht, hätte der FCZ während zweier oder dreier Jahren Luft, um zu atmen. Sagte Canepa.