Fabian Cancellara

Cancellara: «Viele Augen werden auf mich gerichtet sein»

Heute in einer Woche steht für Fabian Cancellara der erste Saisonhöhepunkt auf dem Programm: die Flandern-Rundfahrt. Sie fehlt dem 29-Jährigen noch im Palmarès. Seine gute Form unterstrich er am Samstag mit dem Sieg beim GP E3.

Von Marcel Kuchta

An der Rad-WM in Mendrisio erreichten Sie statt des angestrebten Titels «nur» Platz 5. Brauchten Sie lange, um diese Enttäuschung zu verarbeiten?
Fabian Cancellara: Eine Enttäuschung war der fünfte Platz für mich nicht. Ich war mit dem Rennen eigentlich zufrieden und erhielt ausserdem einige wertvolle Erkenntnisse.

Welche?
Dass ich in gewissen Situationen cooler sein und weniger auf Angriff fahren muss. Lieber einmal attackieren, dafür richtig. Und ganz allgemein weniger Stärke zeigen.

Wie verlief bisher die Saisonvorbereitung? Im Vorjahr machten Ihnen ja Unfälle und Krankheiten einen dicken Strich durch die Rechnung.
Bis jetzt ist alles sehr gut gelaufen. Im Januar war ich mal kurz krank, seither verläuft alles nach Plan.

Wie war Ihr Gefühl am Tirreno-Adriatico und bei Mailand-Sanremo?
Mit dem Tirreno war ich zufrieden, mit Mailand-Sanremo nicht so.

Wieso nicht?
Ich bin dort mitgefahren, war aber irgendwie gar nie richtig im Rennen. Generell hatte ich in den bisherigen Rennen viele Hochs und Tiefs, die mir wichtige Anhaltspunkte über meinen Formstand gegeben haben.

Die Flandern-Rundfahrt ist Ihr erstes grosses Saisonziel. Was ist für Sie das Faszinierende an diesem Rennen?
Es ist ganz einfach ein Monument des Radsports. Und einerseits fehlt mir der Sieg dort noch in meinem Palmarès. Andererseits ist die Leidenschaft der Zuschauer am Strassenrand unvorstellbar. Das ist wie an der Tour de France in Frankreich. Das ganze Land steht still, wenn das Rennen läuft.

Ihr Problem ist aber: Alle wissen, dass Cancellara gewinnen will. Sie werden also keinerlei Freiheiten haben.
Daran habe ich mich gewöhnt. Es ist klar, dass viele Augen auf mich gerichtet sein werden. Aber ich mache einfach das, was ich kann. Mich zu verstecken, bringt ja auch nichts. Das geht den anderen Favoriten gleich wie mir.

Und wie ist Ihr Gefühl, eine Woche vor dem Rennen?
Sehr gut. Ich habe am Mittwoch (im Eintagesrennen Dwars door Vlaanderen, Anm. der Red.) den Champion gezeigt, als ich eine ganze Gruppe an die Spitze heranführte. Ich habe von meinem Team viel gutes Feedback erhalten. Das war wichtig für mich.

Das tönt sehr selbstbewusst.
Ja. Ich habe das Gefühl, dass ich nichts mehr falsch machen kann. Wenn sich das Rennen für mich günstig entwickelt, dann sieht es gut aus. Ich muss einfach möglichst locker bleiben.

Im letzten Jahr sind sie nach einem Kettenriss am berühmten Koppenberg ausgeschieden. Montieren Sie in diesem Jahr eine besonders starke Kette?
Nein, das war ganz einfach nur Pech nach dem Motto: «Shit happens.»

Sie sind in Belgien extrem populär und haben auch einen eigenen grossen Fanklub. Gibts eine Erklärung dafür?
Ich denke, dass den Leuten ganz einfach mein Stil und meine natürliche Art gut gefällt. Und das, obwohl ich in Flandern bisher noch nie ein grosses Rennen gewonnen habe.

Was wäre für Sie bedeutender: ein Sieg bei Paris-Roubaix (Cancellara gewann dort 2008, Anm. der Red.) oder bei der Flandern-Rundfahrt?
Darüber mag ich nicht spekulieren, solange ich Flandern noch nicht gewonnen habe. Da bin ich abergläubisch.

Also gut, welches der beiden Rennen ist schwieriger?
Ich denke schon die Flandern-Rundfahrt. Dort gibt es mehr als nur Kopfsteinpflaster-Passagen zu bewältigen. Und die Taktik spielt eine viel grössere Rolle. Man muss jede Steigung, jede Ecke kennen, wenn man gewinnen will.

Sie stehen nur in Ihrem zehnten Profijahr. Wie haben Sie sich in dieser Zeitspanne entwickelt?
Ich bin als Rennfahrer sicher stärker und routinierter als früher. Durch meine vielen Erfolge konnte ich wahrscheinlich schneller mehr Erfahrung sammeln als andere Profis. Alles in allem denke ich, dass ich ein gutes Mittelmass gefunden habe. Es gibt für mich nicht nur den Radsport. Ich kann zwischendurch auch einfach mal das Velo ins Eck stellen und zwei Tage lang nichts tun. Das tut meinem inneren Gleichgewicht gut.

Haben Sie mehr erreicht, als Sie sich erträumt haben?
Ja, sicher. Ich habe damals zwar auch von einem Sieg an der Tour de France geträumt. Aber das wird für mich immer ein Traum bleiben. Träume und Ziele sind bekanntlich zwei verschiedene paar Schuhe.

Welche Träume haben Sie für die nächsten zehn Jahre?
Die Hauptsache ist, dass ich gesund bleibe. Und solange die Motivation und die Opferbereitschaft weiterhin vorhanden sind, werde ich Rennen fahren. Das braucht es.

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