WM-Zeitfahren
Cancellara sucht den Eintrag in die Geschichtsbücher

Der Berner gilt als Kronfavorit für das morgige WM-Zeitfahren

Toni Nötzli, Geelong
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Cancellara sucht den Eintrag in die Geschichtsbücher

Cancellara sucht den Eintrag in die Geschichtsbücher

Morgen um 5 Uhr Schweizer Zeit bestreitet Fabian Cancellara an der WM im australischen Geelong einen Einsatz für die Geschichte. Der Berner will als erster Fahrer in der seit 1996 ausgetragenen Disziplin Zeitfahren den vierten Titel holen. Und die Aussichten Cancellaras sind günstig. Die Gegner sind rar gesät.

Michael Rogers ist zusammen mit Cancellara Rekordhalter mit drei Titeln. Der erste Titelgewinn des Australiers kam 2003 erst Wochen nach dem Rennen in Hamilton (Ka) zustande, nachdem dem Briten David Millar der Sieg nach einem positiven Dopingbefund aberkannt wurde. In der Theorie könnte Cancellara längst bei vier WM-Goldmedaillen angelangt sein. Vor zwei Jahren verzichtete er auf die Teilnahme am Titelkampf in Varese (It), weil er nach seinen Triumphen bei den Olympischen Sommerspielen in Peking die Energie für einen weiteren Effort nicht mehr aufbrachte.

In dieser Saison versucht Cancellara das eigentlich Unmögliche, indem er zum dritten Mal innert sieben
Monaten zu sportlicher Höchstform finden will. Die Frühjahrs-Kampagne fiel mit den Erfolgen in der Flandern-Rundfahrt und in Paris–Roubaix erfolgreich aus. Anfang Juli sicherte sich der Berner den Prolog der Tour de France, wonach er das begehrte Maillot jaune während sechs Tagen trug. In der Vuelta versuchte der Schweizer Roller schliesslich, sich mit vielen Rennkilometern erneut in Schwung zu bringen.

Strecke äusserst anspruchsvoll

In Geelong finden Cancellara und seine Gegner allerdings keine Rollerstrecke vor. «Mir fiel der Kinnladen herunter, als ich diese Steigung erstmals erklimmen musste», sagte beispielsweise Tony Martin, der als einer der grössten Konkurrenten Cancellaras eingestuft wird. Der Deutsche weiter: «Es handelt sich um eine Kraftstrecke. Sie ist unrhythmisch, windanfällig und wir müssen auf einem rauen Asphalt fahren.» Cancellara stimmte dieser Einschätzung zu: «Ich betrachte dies als eine der schwersten Strecken der letzten Jahre. Dieser Parcours ist schwieriger als jener des Strassenrennens am Sonntag. Es ist nie richtig flach. Man muss immer Druck auf die Pedale bringen. Ich bin gut aus der Vuelta gekommen und fühle mich wieder gut in Form.»

Warum nicht zwei Titel?

Noch zu Beginn dieser Saison hatte Cancellara durchblicken lassen, dass er nicht an einem weiteren WM-Titel im Zeitfahren interessiert sei: «Das bringt mir nichts.» In der Zwischenzeit hat der Olympiasieger seine Ansicht geändert: «Meine grosse Motivation besteht darin, dass ich Geschichte schreiben will.» Vielleicht spannt der Berner diesen Bogen über das Zeitfahren hinaus. Schon letztes Jahr wollte Cancellara WM-Gold gegen die Uhr und im Strassenrennen holen. Nur siegte in Mendrisio mit Cadel Evans vielleicht nicht der stärkste, mit Sicherheit aber der cleverste Fahrer. Nun will Cancellara auf australischem Boden nachholen, was er vor zwölf Monaten verpasste.

Gegner im Zeitfahren gibt es nur wenige. «Diese WM bildet mein grosses Ziel zum Saisonende. Normalerweise ist Cancellara nicht zu schlagen. Aber wenn er einen schlechten Tag einzieht und ich an einem Supertag starte, könnte es gelingen. Weshalb darf ich nicht von einem WM-Titel träumen?», meinte Tony Martin, der den Berner zum Abschluss der Tour de Suisse in Liestal schlug. Die Australier hoffen auf den jungen Richie Porte sowie den Routinier Michael Rogers. Porte, ein Teamkollege Cancellaras im Team Saxo Bank, verblüffte im Mai, als er im Giro d’Italia die Maglia rosa trug und die Rundfahrt als bester Jungprofi beendete. Der frühere Triathlet wies sich zuletzt in der Eneco-Tour sowie der Grossbritannien-Rundfahrt über eine ansprechende Form aus, indem er jeweils Gesamtvierter wurde.

Nicht nur Cancellara, auch seine Gegner hoffen auf faire Wetterverhältnisse. Starker Wind oder heftige Regenfälle könnten sich in dieser über drei Stunden hinziehenden Prüfung als Spielverderber erweisen.