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Cancellara ist viel mehr als «just a bike-rider»

Mit den Worten «I am just a bike-rider» beschreibt sich Fabian Cancellara auf seinem Twitter-Account selber. Das ist eine pure Untertreibung.

Sandro Mühlebach
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Einer der erfolgreichsten Schweizer Rennfahrer: Fabian Cancellara.

Einer der erfolgreichsten Schweizer Rennfahrer: Fabian Cancellara.

Keystone

Cancellara ist mehr als «nur» ein erfolgreicher Athlet. Zusammen mit Roger Federer, Stan Wawrinka, Simon Ammann und Dario Cologna hat der 35-Jährige den Schweizer Sport seit der Jahrtausendwende geprägt. Insgesamt 74 Mal fuhr er in seiner Profikarriere als Erster über die Ziellinie. Mit seinem Rücktritt per Ende Saison endet deshalb ein Teil Schweizer (Rad-)Sportgeschichte.

Vergleiche mit sportlichen Leistungen aus der Vergangenheit sind heikel. Fest steht aber, dass es hierzulande seit den legendären Ferdy Kübler und Hugo Koblet in den Fünfzigerjahren keinen erfolgreicheren Radrennfahrer mehr gegeben hat als Cancellara. Anders als Kübler/Koblet war der Sohn eines italienischen Einwanderers kein Rundfahrten-Spezialist. Cancellaras Spezialität waren die grossen Eintages-Klassiker im Frühling und die Zeitfahren.

Sieben Siege feierte Cancellara bei den «Monumenten des Radsports» (je dreimal Flandern-Rundfahrt und Paris–Roubaix und einmal Mailand– Sanremo). Nur sechs Fahrer, unter ihnen Eddy Merckx, Roger de Vlaeminck und Fausto Coppi, haben in der Geschichte des Radsports die wichtigsten Eintagesrennen öfter gewonnen als der Berner. Mit vier WM-Titeln und einem Olympiasieg ist Cancellara der erfolgreichste Zeitfahrer der Geschichte. 29 Tage lang trug er an der Tour de France insgesamt das Maillot jaune – als Nummer 12 der ewigen Bestenliste so oft wie kein anderer Fahrer in der Geschichte der Frankreich-Rundfahrt, dem es nie zum Gesamtsieg gereicht hat.

2003 fuhr Cancellara dank seinen Zeitfahrer-Qualitäten erstmals in den Fokus der Öffentlichkeit, indem er mit Prolog-Siegen in der Tour de Romandie und der Tour de Suisse aufwartete. Ein Jahr später trug er, erneut dank einem Sieg im Prolog, erstmals das Maillot jaune – bei seiner ersten Tour-Teilnahme. Es war der Auftakt zu einer glorreichen Karriere, die sich nun dem Ende neigt, der Aufstieg eines aussergewöhnlichen und eigenwilligen Sportlers.

Schon früh hatte Cancellara als «Jahrzehnttalent» gegolten. Zu einem der Stars des internationalen Radsports avancierte er 2006, als er im Alter von 25 Jahren mit einer unwiderstehlichen Solofahrt zum ersten Mal in Roubaix triumphierte – als erster Schweizer seit Heiri Suter 83 Jahre davor. Es war einer dieser Triumphe «à la Cancellara», einer mit Ansage und einer, wie ihn fast nur der mittlerweile zweifache Familienvater erringen konnte.

Nicht zuletzt dank dem heldenhaften Triumph vor zehn Jahren in Roubaix verehren ihn die Radsportbegeisterten jener Region wie einen der Ihren. Anders als auf internationaler Ebene, anders als vor allem in Nordfrankreich und Belgien kam Cancellara in der Schweiz nie an die Beliebtheit von Kübler heran, der als «Ferdy National» 1983 als Schweizer Sportler des Jahrhunderts ausgezeichnet wurde.

Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass Cancellara seine Erfolge in einer Zeit einfuhr, in der fast jeder Radprofi des Dopings verdächtigt wurde. Auch Cancellara sah sich 2006 und 2008 Anschuldigungen ausgesetzt. Beweise oder konkrete Indizien gab es jedoch nie.

Er liess Worten Taten folgen

Cancellara wollte stets der Beste sein. Mit dem Berner verliert der Schweizer Sport einen Perfektionisten auf und neben dem Wettkampf-Terrain, einen Protagonisten, der um klare Worte nie verlegen war. «Alles andere als der Sieg wäre eine Niederlage», sagte Cancellara etwa vor seinem Olympiasieg 2008 im Zeitfahren. Nicht nur in Peking liess er den Worten Taten folgen. Obwohl die Gegner wussten, dass er angreifen würde – verhindern konnten sie es oftmals nicht.

Doch auch für Cancellara wuchsen die Bäume nicht in den Himmel, nicht all seine Wünsche gingen in Erfüllung. Der WM-Titel und der Olympiasieg im Strassenrennen blieben ihm verwehrt. Es sind die grössten Lücken in seinem trotzdem beeindruckenden Palmarès. Beide Siege lagen auf dem Silbertablett bereit. 2009 an der Heim-WM in Mendrisio suchte er jedoch zu früh die Entscheidung, 2012 an den Olympischen Spielen in London stürzte er auf dem Weg zu Gold selbst verschuldet in einer Kurve.

Niederlagen trieben Cancellara umso mehr an. Je länger seine Karriere dauerte und je mehr Siege er einfuhr, umso grösser wurde Cancellaras Antrieb, Radsport-Geschichte zu schreiben. Ein Geheimnis machte er nie daraus, er kannte seinen Status im internationalen Radsport und im Peloton der Fahrer.

Seine vielleicht grösste Leistung taucht indes in keinem Rekordbuch auf. Zwischen seinem Triumph in Flandern 2010 und dem 3. Rang 2014 in Roubaix fuhr Cancellara bei jedem der zwölf «Monumente», die er beendete, aufs Podest. An einen solchen Wert kam nie ein Radprofi vor ihm nur annähernd heran. In einer Sportart, in der nicht immer die Stärksten gewinnen, ist das eine Meisterleistung sondergleichen und ein Beweis, dass Cancellara stets auf den Punkt in Topform war.

Morgen nun macht die Tour de France Halt in Bern. Mit einem Sieg vor dem Stade de Suisse könnte sich Cancellara auch in seiner Heimat noch einmal in Erinnerung rufen. «Spartacus», wie er von seinen Fans in Anlehnung an den aufständischen Sklaven des alten Roms genannt wird, feierte in Baar mit dem Sieg in der ersten Etappe der Tour de Suisse seinen bedeutendsten Erfolg in diesem Jahr auf heimischem Boden.

Mit elf Tagessiegen in der Schweizer Rundfahrt liegt er zudem gleichauf mit Kübler und Koblet – seinen Vorgängern als Aushängeschild und Vorbild im Schweizer Radsport, den zuvor letzten Radrennfahrern unseres Landes, die mehr als einfach «nur» erfolgreiche Athleten waren.

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