Selina Gasparin schmunzelt. Die Idee, nach ihrer Biografie von 2016 erneut ein Buch zu schreiben, bringt die 34-Jährige zum Lachen. Gefragt wäre ein Ratgeber, wie das Comeback nach der Geburt anzugehen ist. «Es stimmt, es gibt kaum eine wissenschaftliche Abhandlung zum Thema», sagt Gasparin, «allgemeine Richtlinien sind sehr schwierig, jede Schwangerschaft verläuft individuell. Man kann nirgends nachlesen, wie man es machen soll.»

An Ideen für Bücher und Lust zum Schreiben fehlt es der gebürtigen Puschlaverin nicht. «Ich könnte auch ein Buch über die Geschichte des Biathlons in der Schweiz verfassen», sagt sie. Immerhin ist die älteste der drei Gasparin-Schwestern seit 2004 im Kader – das Jahr, in welchem sich die Sportart dem Verband Swiss Ski anschloss. Doch es fehlt schlicht an der Zeit, um regelmässig zu Block und Bleistift zu greifen. Schliesslich fühlt sich das Biathlon-Urgestein jung genug, um nach der Geburt der zweiten Tochter erneut mit Konsequenz ein Comeback anzupeilen. Und dieses Mal ist der Zeitplan um einiges ambitionierter als bei der ersten Schwangerschaft vor dreieinhalb Jahren.

Die Tochter als Dolmetscherin

Fünf Wochen sind vergangen, seit Kiana auf die Welt gekommen ist. Und Mami Selina ist längst wieder ins Training eingestiegen. «Ich gebe jeden Tag 100 Prozent von dem, was für mich möglich ist», sagt sie zu ihrem Programm. Im Grunde war sie gar nie weg. Sie habe nur rund einen Monat nicht trainiert, sagt die glückliche Mutter. Noch im achten Monat sah man die Olympia-Zweite von Sotschi mit kugelrundem Bauch in Lenzerheide auf Rollskis unterwegs. «Klar gab es Leute, die sich wegen des Anblicks enervierten. Aber Fakt ist, dass ich mich hochschwanger auf Rollskis besser bewegen konnte als zu Fuss.» Und dank den Erfahrungen mit der ersten Tochter Leila konnte sie abschätzen, was im Training geht und was nicht.

Apropos Leila. Diese übernimmt zuhause inzwischen wichtige familientherapeutische Aufgaben, wie die Mutter ins Training zu schicken oder zwischen Vater und Mutter zu vermitteln. Letzteres vor allem sprachlich. Mit ihrem Ehemann, dem ehemaligen russischen Spitzen-Langläufer Ilja Tschernoussow, unterhält sich Selina Gasparin in englischer Sprache. Da die Tochter aber sowohl deutsch wie russisch spricht, agiert sie bisweilen als Dolmetscherin. Durch die ungarische Nanny, welche die Familie seit Leilas Geburt begleitet, spricht die ältere Tochter auch fliessend ungarisch. Das Sprachtalent liegt in der Familie. Selina Gasparins Muttersprache ist Italienisch. Später kamen Deutsch, Rätoromanisch, Französisch, Englisch und Latein dazu. «Aber in der Schule war ich nicht gerade als Sprachgenie bekannt», sagt Gasparin lachend.

Schmunzeln kann sie auch über das Verhalten von Leila, wenn sich diese über ihre Mutter aufregt. «Mami, geh trainieren», pflege sie dann zu sagen. Überhaupt sei der Spitzensport aus Sicht der Tochter der Beruf ihrer Eltern. «Auch weil ich so oder so arbeiten müsste, war ein Comeback naheliegend, solange ich noch mithalten kann», sagt Gasparin. Als zweifache Mutter sei es aber «organisatorisch und logistisch nochmals ein anderes Level, Sport und Familie unter einen Hut zu bringen. Der Tagesablauf ist ziemlich durchgetaktet.»

Olympia 2022 bleibt ein Thema

Sportlich brillieren will die 34-Jährige mindestens noch bis zur WM 2020 in Antholz. «Dort habe ich 2007 meine erste Weltmeisterschaft bestritten. Da schliesst sich ein Kreis.» Ein Kreis, der nicht unbedingt das Karriereende bedeuten muss. «Ich werde in zwei Jahren die Situation beurteilen und dann entscheiden, ob ich noch bis zu den Olympischen Spielen 2022 in Peking weiterlaufe.» Schliesslich sieht Gasparin nach wie vor Steigerungspotenzial. Die Schiessleistungen in der Olympiasaison waren zum Vergessen. Ein 39. Platz als Bestresultat in Pyeongchang ist weit entfernt von den eigenen Ansprüchen. Im ersten Gespräch mit der neuen Nationaltrainerin Sandra Flunger hat sie denn auch gefordert, mindestens ein Treffer mehr pro Rennen müsse her. «Sandra hat nur gelacht und gesagt, das sei kein Problem.»

Selina Gasparin ist angetan von ihrer neuen Vorgesetzten. Die Zusammenarbeit mit einer Frau ist für sie eine Premiere. «Ich bin der Meinung, man müsse nach einem olympischen Zyklus von vier Jahren den Trainer auswechseln, um den Athleten neue Impulse zu vermitteln. Und ich bin sehr positiv eingestellt, dass dies mit Sandra gelingen wird.» Die Rückkehr in den Wettkampf plant Selina Gasparin Ende Januar – je nach Leistungsstand beim Weltcup in Antholz oder beim IBU-Cup vor der Haustüre in Lenzerheide. Mit einem klaren Ziel: «Ich weiss, dass man dieses kleine, runde Ding da vorne treffen kann.