Basketball
Basketball-Phänomen Boncourt: Wenn der Lärm bis Pruntrut zu hören ist

Die jüngste Basketballeuphorie rund um die Starwings Basel kennt ein Vorbild aus der jurassischen Nachbarschaft: den BC Boncourt. Der jurassische Grenzort zählt nur etwas mehr als 1000 Einwohner. Aber im Schweizer Basketball ist er eine der grossen Ausnahmeerscheinungen. «Sonntag bz» begab sich auf Spurensuche.

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Basketball-Euphorie
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BC Boncourt
Bahnhof Boncourt

Basketball-Euphorie

bz Basellandschaftliche Zeitung

Von Georges Küng, Boncourt

Wer mit der Regio-S-Bahn S3 von Liestal über Basel, Laufen und Delémont nach Boncourt fährt (mit Umsteigen in Porrentruy), glaubt, das Ende der Welt erreicht zu haben. Nach genau zwei Stunden und sechs Minuten Zugfahrt findet man sich vereinsamt in einem 1301-Seelendorf wieder, das gerade noch am nordwestlichsten Zipfel der Eidgenossenschaft hängt.

Eine unheimliche Stille und gleichzeitig wunderbare Landschafts-Idylle begegnet den Fremden. Bahnhofspersonal hat es längst nicht mehr. Früher war Boncourt ein wichtiger Grenzbahnhof für die Eisenbahnlinien nach Paris. Die wenigen Fahrgäste, die heute noch nach Porrentruy fahren, besitzen hingegen Abonnements oder lösen am einzigen Automaten ihre Fahrkarte. Auch auf den Strassen herrscht wenig Verkehr, obwohl die Landesgrenze nur 700 Meter entfernt ist. Ein Discounter, zwei Garagen, drei Restaurants - mehr Treffpunkte existieren hier oben nicht.

Und dennoch gibt es Momente, in denen Boncourt zu einem der lärmigsten und wildesten Orte der Schweiz verkommt. Dann nämlich, wenn die «Red Devils», wie sich der BC Boncourt auch noch bezeichnet, auf Korbjagd gehen. Die Halle der einheimischen Basketballer heisst offiziell «Salle sportive». Doch im Volksmund wird die Spielstätte schlicht «Le Chaudron» genannt, was auf Deutsch mit «Dampf- respektive Heizkessel» übersetzt werden kann. Und dies im wahrsten Sinne des Wortes.

Zu den besten Zeiten des BCB drängten schon mal 1500 Zuschauer in die enge Halle, deren Spielfeld knapp die offiziell erlaubten Minimalmasse aufweist. Dass Boncourt überhaupt jemals in der höchsten Liga spielen würde, war nie geplant. Bis Mitte der 1990er-Jahre war der BC Boncourt ein reichlich unspektakulärer Klub, der dem Basketball-Verband Nordwestschweiz (BVN) angehörte und von etablierten Erstliga-Teams wie dem BC Birsfelden, Uni Basel, Gym Oberwil, BC Pratteln oder CVJM Riehen regelmässig bezwungen wurde. Von diesem Quintett existiert Oberwil längst nicht mehr; die anderen Vereine aus der Region Basel spielen heute in der 2. oder 3.Liga.

Ganz anders die Jurassier: Sie stiegen in einem Zuge von der 1. Liga in die Nationalliga A auf - die Promotion ins Oberhaus erfolgte am 31.März 1998. Und dann war es mit der Ruhe in Boncourt vorbei. Der «Chaudron» kochte alle 14 Tage bei den Heimspielen über, und manche erzählen noch heute, dass die Anfeuerungsrufe, die Pauken, Trompeten und das Stampfen des Publikums zeitweise im 14 Kilometer entfernten Porrentruy zu hören waren. Nicht einmal für die Basketballer auf dem Platz hörbar waren dagegen die Schiedsrichterentscheide (vor allem die gegen Boncourt gerichteten), die jeweils im allgemeinen Volkszorn untergingen.

Die Euphorie war berechtigt: Zwei Meistertitel, ein Cupsieg, zwei Ligapokale und vier Teilnahmen am Europacup zwischen 2002 und 2006 führten dazu, dass der BC Boncourt nicht nur das sportliche Aushängeschild, sondern auch eine Visitenkarte des gesamten Kantons Jura abgab. Die Regierung unterstützte die «Roten Teufel» mit Defizitgarantien bei den europäischen Wettbewerbsspielen.

Boncourts beste Jahre haben nicht zuletzt zahlreiche Baselbieter Basketballer miterlebt und geprägt. Roman Imgrüth, Michel Portmann, die Gebrüder Daniel und Dominic Stark (alle vom CVJM Birsfelden) sowie Christophe Aline, Ivan Ivankovic und Oliver Vogt (alle BC Arlesheim) waren wichtige Stützen der Ajoulots. In der Saison 2001/02 hatte Boncourt mit Aline, Imgrüth, Ivankovic, Portmann und Dominic Stark gleich ein ganzes Baselbieter Quintett unter Vertrag. «Die Begeisterung, die Identifikation mit und die Leidenschaft für den BC Boncourt sind einmalig. Sportlich war es meine geilste Zeit», erinnert sich Christophe Aline (29), der drei Jahre lang für die Jurassier spielte, bevor der Zweimeter-Mann für vier Jahre in die USA an ein College wechselte und im Sommer 2008 bei den Birstal Starwings seine Aktivkarriere beendete.

Derzeit spielt mit Reto Schwaiger (22) nur noch ein Baselbieter für den BCB. Wie erlebt der Münchensteiner diesen Kultverein? «Die Verbundenheit zum Klub ist noch immer einmalig. Wir haben die treusten Anhänger, auch wenn die Zuschauerzahl inzwischen abgenommen hat. Boncourt versteht sich als eine Familie. Der Kontakt zwischen den Fans und den Spielern ist sehr eng», so der Schweizer Nationalspieler.

Kaum ist der Match beendet, werden Stehtische aufs Spielfeld geschoben. Und wo vorgängig noch um den orangenen Ball gekämpft wurde, entsteht eine Beiz, wo Hunderte von Anhängern gemeinsam mit den Aktiven bei Speis und Trank diskutieren und das Spiel Revue passieren lassen. Es ist auch schon vorgekommen, dass auf dem Spielfeld gemeinsam Fondue gegessen wurde. «Mineralwasser gehört da nicht gerade zu den beliebtesten Getränken», verraten frühere Regiospieler schelmisch.

Dass der BC Boncourtmomentan nur auf Platz 9 der Nationalliga A (unter elf Mannschaften) liegt und um einen Playoff-Rang bangen muss, mag die Stimmung im «Chaudron» beeinträchtigen. Aber die dritte Halbzeit hat nichts von ihrer Einmaligkeit verloren. Bestes Beispiel dafür bot der Dreikönigstag. Boncourt hatte gerade gegen die Starwings mit 74:81 verloren - und dennoch blieben an einem Mittwochabend rund 100 Leute in der Halle, um bis spät in die Nacht gemeinsam zu essen und zu trinken. Zum Vergleich: Am vergangenen Mittwoch gewannen die Starwings den Cup-Halbfinal gegen Monthey. Eine halbe Stunde später war die Sporthalle Birsfelden leer. «Nach einem solchen Triumph würde im Chaudron die ganze Nacht durchgefeiert. Das macht uns wohl so einmalig», meint ein BCB-Funktionär. Der Mann arbeitet als Pöstler in Basel und kennt die Mentalitätsunterschiede zwischen den beiden BVN-Vereinen bestens.