An ihm könnte sich die Schweizer Nati die Zähne ausbeissen

Die Torhüterposition ist Englands Achillesferse. Viele versuchten sich im Kasten, doch keiner hielt, was er versprach. Der neue englische Nationalgoalie Joe Hart jedoch dürfte es den Schweizer Nati morgen schwer machen.

Raphael Honigstein, London

Das Spiel war am Freitagabend längst entschieden, als sich Joe Hart eine kleine Kapriole erlaubte. Der Nationaltorhüter nahm eine Rückgabe mit der Schuhspitze auf und jonglierte den Ball auf dem Knie. Im Wembley-Stadion freuten sich 70000 Menschen wie kleine Kinder über den Trick, Hart lächelte zufrieden, und der neutrale Beobachter wähnte sich in einem Fiebertraum. Szenenapplaus für einen glücklichen englischen Goalie. Wann hatte es das zuletzt auf der Insel gegeben?

Hart, 23, schämte sich nach seinem hervorragenden Pflichtspieldebüt ein wenig für die Showeinlage. «In dem Moment, in dem ich das gemacht habe, wusste ich, dass ich ein Problem habe», sagte der Keeper von Manchester City, «ich habe mich von der Atmosphäre mitreissen lassen. Es tut mir leid.» Man wird es ihm verzeihen. Schon in der ersten Hälfte hatte Hart einen verunglückten Rückpass von Glen Johnson mit einem lockeren Grinsen auf der Linie pariert. Normalerweise wird von Torhütern erwartet, dass sie den Übeltäter in so einer Szene herzhaft zusammenstauchen, doch Hart, ein sehr vernünftiger Junge, bedient solche Klischees nicht. Dafür ist er einfach zu gut.

«Joe ist ein junger Kerl», sagt Ray Clemence, der Goalietrainer der Nationalmannschaft. «Er ist noch relativ neu dabei. Drei oder vier Spiele hat er für uns gemacht und jedes Mal sah er dabei sicherer aus. Er verströmt grosses Selbstbewusstsein. Und als er gebraucht wurde, hat er drei oder vier exzellente Paraden gezeigt. So spielt ein internationaler Top-Keeper».

Englands Achillesferse

Seit David Seaman Anfang des 21. Jahrhunderts vom «Safe Hands» zum Unsicherheitsfaktor mutierte, war die Torhüterposition Englands chronische Achillesferse. David James, Paul Robinson, Chris Kirkland, Scott Carson und Robert Green versuchten sich im Kasten; keiner von ihnen hielt, was er versprach. Hart, der vor vier Jahren vom Viertligisten Shrewsbury Town zu Man City wechselte und erst seit dieser Saison die Nummer eins bei dem von Scheichs aus Abu Dhabi kontrollierten Klub ist, erscheint den Briten in diesen Tagen wie eine regelrechte Offenbarung. «Er sieht wie das grösste Torhüter-Talent aus, das England in den vergangenen 30 Jahren gehabt hat», jubelte am Sonntag der «Observer».

Das Lob von Banks

Torhüter-Legende Gordon Banks, der zwischen 1963 und 1972 die nationalen Handschuhe trug, sieht in Hart schon seinen Nachfolger. «Er hätte alle notwendigen Attribute», sagt der 72-Jährige. «Wenn England ihn für die Rolle richtig aufbaut, kann er 20 Jahre lang im Tor stehen.» Hart fühlt sich durch den Vergleich geschmeichelt. «Ich würde liebend gerne in Banks’ Fussstapfen treten, aber seine Fussstapfen sind ja riesig», sagt er bescheiden. «Er ist jemand, den ich sehr bewundere und respektiere. Dass er meinen Namen in den Mund nimmt, betrachte ich als grosse Ehre. Ich will einfach das Beste für meinen Verein und mein Land geben, wenn ich die Chance bekomme.»

Die Chance wird er am Dienstagabend in Basel und darüber hinaus auf längere Sicht bekommen, das steht nicht mehr infrage. Teamcoach Fabio Capello war schon vor dem WM-Auftaktspiel gegen die USA in Rustenburg in Versuchung gekommen, den nominell als Nummer drei nach Südafrika gereisten Hart von Anfang an aufzustellen, hatte sich (fatalerweise) aber dann doch für die Erfahrung von Robert Green entschieden. Englands Turnier wäre unter Umständen ganz anders ausgegangen, wenn Greens schwerer Fehler beim 1:1-Ausgleich durch Clint Dempsey nicht so nachhaltig die Stimmung vermiest hätte.

Kontinentale Spielweise

Das vielleicht Beste, das man über den athletischen, auch mental sehr agilen Jungen aus den Midlands sagen kann, ist, dass er mit seiner technisch ausgereiften Spielweise an Kollegen vom Kontinent erinnert. Das ist kein Zufall. Hart spielte bei City zusammen mit Kasper Schmeichel, dem Sohn des ehemaligen Manchester-United-Keepers Peter Schmeichel. «Ich versuche, mich sehr gross zu machen und lange stehen zu bleiben», sagt Hart, «diese Technik habe ich mir von Kasper abgeschaut.» Der dänische Goalie spielt heute bei Leeds United in der zweiten Liga.

Harts fantastische Form ist der Grund, warum in England trotz der vielen Ausfälle in der Defensive – Rio Ferdinand, John Terry und Michael Dawson sind alle verletzt – der Optimismus vor dem Trip in die Schweiz gross ist. Aber auch die Nati darf hoffen, denn Verteidiger Phil Jagielka ist ja auch mit von der Partie. Der Mann vom FC Everton bezwang beim 2:1-Sieg gegen Ungarn im August Hart mit einem Eigentor – das war der einzige Treffer, den der Keeper bisher in dieser Saison aus dem Spiel heraus zugelassen hat.

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