Rauch liegt über dem Genfersee. Das Casino von Montreux brennt. Wir schreiben das Jahr 1971. Es ist die Geburtsstunde eines der bekanntesten Werke der Rockgeschichte: Deep Purple schreiben den Song «Smoke on the Water» – inspiriert von den Ereignissen am Genfersee.

Inspirieren liess sich auch der Schweizerische Fechtverband. Weniger vom Rauch über dem Genfersee, als vielmehr von seinem 100-Jahr-Jubiläum und einer gut gefüllten Verbandskasse. Vom 5. bis 11. Juni organisiert er in Montreux die Fecht-Europameisterschaften. 1,2 Millionen Franken beträgt das Budget. Über 400 Fechter aus 40 Nationen kreuzen die Klingen im Epizentrum des Jazz. Im Auditorium Stravinski, wo
sonst Musikgrössen wie Eric Clapton, B.  B. King oder eben Deep Purple auf der Bühne stehen, werden 12 Medaillensätze und wertvolle Punkte für die Olympia-Qualifikation vergeben.

Den Heimvorteil nutzen

Die EM ist seit der WM 1998 in La Chaux-de-Fonds der erste Fecht-Grossanlass auf Schweizer Boden. Den Heimvorteil will man nutzen. «Wir wollen unseren Athleten die bestmöglichen Bedingungen bieten. Das ist einer der Gründe, weshalb wir diese EM durchführen», sagt Sophie Lamon, OK-Mitglied und langjährige Spitzenfechterin. Gold liegt besonders für die Schweizer Männer förmlich in der Luft. Dreimal in Serie wurden sie Europameister mit dem Team. In Montreux soll Titel Nummer vier folgen.

So, wie einst der Rauch über dem See aufstieg, ist auch der Weg zum Titel ein Aufstieg. Die Qualifikationswettkämpfe beginnen im Erdgeschoss des Auditoriums, quasi auf Seehöhe. Rund 10 Meter von der Uferpromenade entfernt werden 13 Fechtbahnen aufgebaut. Runde für Runde kämpfen sich die Athleten Stockwerk um Stockwerk in die Höhe. Bis sie zuletzt in der glamourösen Konzerthalle hoch über dem Genfersee stehen. Dort, wo sonst 1800 Musikbegeisterte Platz finden, werden vier Bahnen aufgebaut. Die finalen Medaillen-Duelle finden auf der grossen Bühne statt. Noch höher steigt nur, wer zum Schluss ein, zwei oder drei Stufen auf dem Podium erklimmt.

Die Resultate stimmen

Die Ergebnisse dieser Saison stimmen aus Schweizer Sicht zuversichtlich. Max Heinzer von der Fechtgesellschaft Basel triumphierte beim Weltcup in Heidenheim. Ein erstes Saisonziel hat die ehemalige Weltnummer 1 damit schon erreicht: Heinzer hat in sechs aufeinanderfolgenden Jahren stets mindestens einen Weltcup-Sieg gefeiert. Benjamin Steffen, auch er von der Fechtgesellschaft Basel, wurde vor drei Wochen in Budapest Dritter. Und in Vancouver gab es den Sieg für die Equipe.

Diese Woche nun besichtigten die Schweizer Degenfechter erstmals die traumhafte Kulisse in Montreux. Eine Inspiration, auch für einen weit gereisten wie Heinzer: «Mit Blick auf einen See habe ich während meiner Karriere noch nie gefochten», schwärmte er, «so eine Heim-EM erlebt man nur einmal in seiner Laufbahn.» Und Erinnerungen wurden geweckt. Etwa bei Benjamin Steffen. Als 16-Jähriger fieberte er als Fan an der WM in La Chaux-de-Fonds mit. So sehr, dass er es schaffte, im Hotel der Fechter auf dem Sofa zu übernachten. «Niemals hätte ich mir damals erträumt, einmal in der Schweiz einen internationalen Grossanlass zu bestreiten.»

Falls die EM finanziell und organisatorisch ein Erfolg wird, liebäugelt man beim Verband gar mit der Austragung einer WM. 2019 wäre der nächste freie Termin. Mal schauen, ob Montreux die Inspiration dazu liefert.