Gisler hat sich notabene in einer Sportart erwischen lassen, die nicht zu Swiss Olympic gehört und in den Dopingkontrollen folglich eher Seltenheitswert geniessen. Werden sie trotzdem durchgeführt, dann quasi auf Ansage. Man muss sich also schon ziemlich ungeschickt anstellen, um so geschnappt zu werden. Was folgte, war ein noch unglücklicherer Erklärungsversuch, wie denn die verbotene Substanz Nikethamid in seinen Körper gelangt sein soll. Die Theorie vom verwechselten Spagyrik-Spray hatte von allem Anfang an etwas sehr Unglaubhaftes. Gisler hat behauptet, er habe den Spray seiner Frau gegen Übelkeit in der Schwangerschaft statt seinen, grippevorbeugenden, erwischt. Wie heisst es so schön: Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. Und Landwirt Gisler hat ja wahrlich gewusst, was am Eidgenössischen in Burgdorf punkto Dopingkontrollen auf ihn zukommen könnte.

Verdrehte Spagyrik-Spray-Nummer

Nachdem sich Heidak, die Hersteller-Firma der Sprays, Drogisten und swissmedic zu Wort gemeldet haben, ist klar, dass der dubiose Spagyrik-Spray gar kein Nikethamid enthält. Kommt hinzu, dass Gislers Frau vor Bekanntwerden des Befundes den fachtechnischen Leiter von Heidak telefonisch angefragt hat, ob es möglich sei, dass in ihrem Spray Nikethamid enthalten ist. Die verdrehte Spagyrik-Spray-Nummer hält definitiv nicht dicht. Das einzige in der Schweiz registrierte Produkt, welches das synthetische Nikethamid enthält, ist Gly-Coramin. Diese könnte man immerhin schnell mit einem Sugus verwechseln. Aber was solls? Jetzt allein auf Bruno Gisler rumzuprügeln, als wäre er der Böseste unter den Bösen, ist nicht korrekt.

Letztlich muss man Gisler Bruno sogar dankbar sein. Ja – dankbar. Da, wo einer erwischt wird, sind immer auch die, die nicht erwischt werden. Es wäre völlig naiv zu glauben, dass es im Schwingsport zuletzt keine Dunkelziffer punkto Einnahme verbotener Substanzen gegeben hat. Ausgerechnet in einem Sport, bei dem Maximal- und Schnellkraft sowie blitzschnelles Reagieren und Erfassen von Situationen im Wettkampf, eine absolut zentrale Rolle spielen. Sowohl Anabolika wie eben Psycho-Stimulanzien wie Nikethamid können da gegebenenfalls mächtig hilfreich sein. Leuten, die die Szene seit vielen Jahren verfolgen, ist nicht entgangen, dass da und dort Muskelberge gewachsen sind, die kaum allein von Klimmzügen und Birchermüesli stammen.

Chance, die Glaubwürdigkeit zu wahren

Durch den Fall Gisler erhält der Schwingsport die Chance, seine Glaubwürdigkeit zu wahren. Zudem ist er ein starkes Signal für die kommende Generation, sauber zu bleiben. Vom urchigen Nationalspiel der Vergangenheit, das vorwiegend von Bauern und Knechten betrieben wurde, die sich Kraft und Kondition mit schweisstreibender Arbeit auf Feld und Hof holten, ist nicht mehr viel übrig. Schwingen auf Topniveau ist längst Spitzensport – mit allem was dazu gehört. Damit die heile Welt der Sägemehl-Arenen auch weiterhin ein Stück unverfälschter und wert(e)voller Heimat bleibt, kommt der Verband nicht mehr darum herum, Swiss Olympic beizutreten und die Causa Doping in Profi-Hände zu übergeben. Antidoping Schweiz kann dann die Sache mit der Chemie in Eigenregie kontrollieren.

Seit der Gründung 1895 haben die Mächtigen des Schwingverbandes (ESV) alles dafür getan, sich von keinem reinreden zu lassen und
von niemandem abhängig zu sein. Gut 100 Jahre haben sie das erfolgreich geschafft. Letztlich hat just dieses antizyklische Verhalten in einer sich globalisierenden und immer schneller drehenden Welt wesentlich dazu beigetragen, dass Schwingen zuletzt so trendy und sexy – weil eben anders – werden konnte. Doch die Zeit der mindestens teilweisen Öffnung ist nicht erst seit gestern gekommen.

Profis müssen ran

Wer das grosse Geld von grossen Sponsoren nimmt und die Dienste von internationalen Vermarktern erlaubt, der muss auch Profis zulassen, die dafür sorgen, dass nicht «beschissen» wird. Selbst wenn Letzteres, wie das Leben lehrt, nie gänzlich zu vermeiden sein wird. 2015 will der ESV Swiss Olympic beitreten. Die Karenzzeit soll der ESV haben – selbst wenn es formal schon 2014 möglich wäre. Aber eben – nicht umsonst ist Schwingen Nationalsport.

Schwingen ist die Schweiz und die Schweiz ist Schwingen – beides ein Kosmos mit nostalgischer Sehnsucht nach Souveränität. Wenn schon Neues, dann überlegt man sich die Sache «hübscheli» in neutraler Lauerstellung, checkt woher der Wind wie stark weht, und handelt dann erst. So wird zudem der Anschein gewahrt, dass man nicht per Diktat, sondern aus Eigeninitiative heraus aktiv wird.

Für die Schwinger heisst es auf jetzt, wie auch immer aber auf jeden Fall, einen bilateralen Vertrag mit Swiss Olympic abzuschliessen. Für manch einen Liebhaber des urchigen Brauchtums dürfte das immer noch wesentlich besser klingen, als einen Bilateralen mit der EU.