Es ist früh Morgen, Nebelschwaden hindern die Sonne, ihre volle Wirkung zu entfalten. Als wir um die Ecke der alten Turnhalle in Magglingen biegen, bietet sich uns ein ungewohntes Bild: Auf einem grossen Oval aus Sägemehl duellieren sich nebeneinander je zwei Kontrahenten. Konzentriert verfolgen die anderen Schwinger auf Bänken sitzend und begleitet von vereinzeltem Gemurmel das Kampfgeschehen. Eine Spannung liegt in der Luft und ist förmlich greifbar. An den Fenstern der Turnhalle drängeln sich Schüler einer Primarklasse und bestaunen, mit welcher Intensität die Kolosse zu Werke gehen.

Eine optimale Vorbereitung

Der Hauptgrund für die gebotene Szenerie liegt auf der Hand. Das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest in Estavayer steht vor der Tür. Nur knapp fünf Wochen trennen die auserkorenen Schwinger der einzelnen Verbände von dem Wettkampf um den begehrtesten Titel ihres Sports: Schwingerkönig. Um eine optimale Vorbereitung zu gewährleisten hat der Nordwestschweizer Schwingerverband erstmals überhaupt ein Trainingslager organisiert: in Magglingen. Für die 33  anwesenden Schwinger stehen an den drei Tagen Schnellkrafttraining, Mentaltraining, Team-Building und natürlich auch Schwingen auf dem Programm. «Es ist ein Traum, hier mit all den anderen Spitzensportlern die Sportanlagen zu teilen, dazu zu gehören», sagt Stefan Strebel, der technische Leiter des Nordwestschweizer Schwingerverbandes.

Mit dem Trainingslager erhoffen sich die Verantwortlichen vor allem sportliche Fortschritte. Strebel und Co. wollen die eigenen Schwinger im nationalen Vergleich möglichst weit vorne sehen. Raymond Stalder, Vizepräsident des Verbands Basel-Stadt, betont: «Um weiter zu kommen, müssen die Besten des Verbandes zusammen trainieren.» Den Organisatoren ist es ein Anliegen, den besten Verbands-Schwingern die Möglichkeiten zu bieten, sich untereinander zu messen und sich gegenseitig zu fördern.

An den Trainingstagen wird bereits das «Eidgenössische» simuliert. In Magglingen werden acht Gänge geschwungen; vier am Samstag, vier am Sonntag. «Die Teilnehmer erreichen dadurch eine gewisse Routine und sind vorbereitet, wenn es Ernst gilt», sagt Stalder.

Von den Routiniers lernen

Mittlerweile ist die anfängliche Stille verflogen. Nichtsdestotrotz wird weiter hoch konzentriert trainiert. Ein kurzes Abtasten und innerhalb von Sekundenbruchteilen geht ein gewaltiger Ruck durch die Duellanten. Ein resignierter Blick folgt einem nicht erfolgsgekrönten Angriff. Nur ein kurzer Griff ins Sägemehl und schon geht es mit neuem Elan weiter. Immer öfter ertönen Anfeuerungen der Verbandskollegen von den Bänken neben der Arena. «Guet gmacht, Nick» oder «Super gsi, Räbbi», heisst es etwa während dem Kampf der jungen Hoffnungsträger Nick Alpiger und Patrick Räbmatter. Man tauscht sich untereinander aus, gibt Tipps und unterstützt sich so gegenseitig. «Hopp Remo, du dominiersch» ruft beispielsweise er erfahrene Bruno Gisler (112 Kränze, davon 2 eidgenössische) dem sich abmühenden Remo Stalder zu. Kurz darauf liegt sein Gegner auf dem Rücken.

Das Resultat entspricht der Vorstellung von Strebel. Innerhalb des Verbands soll der Teamgedanke gefördert werden. So übernehmen bereits erfolgreiche Eidgenossen wie Gisler den Part des Motivators und Vorbildes gegenüber den jüngeren unerfahreneren Schwingern. Gleichzeitig schaffen gemeinsame Erlebnisse wie die am Nachmittag stattfindende Bike-Tour oder ein abendlicher Grillplausch im Waldhaus die Basis für eine gut funktionierende Equipe, was ungemein wichtig ist, um das vorgegebene Verbandsziel von fünf bis sechs Kränzen zu erreichen. «Wenn die Eidgenossen ihre gezeigten Leistungen bestätigen und ein paar der aufstrebenden Jungen oben reinstossen, ist dieses Ziel erreichbar» sagt Daniel Dreier, Präsident des Nordwestschweizer Schwingervebandes.

Zu der talentierten jungen Garde gehört der 19-jährige Nick Alpiger. Die vielversprechenden Resultate der bisherigen Saison – fünf gewonnene Kränze bei sieben Auftritten an Schwingfesten – lassen auf ein gutes Abschneiden in Estavayer hoffen. Er sagt sogleich kess: «Mein Ziel ist es, den eidgenössischen Kranz zu holen.»

Bald ist Mittagspause und das Training neigt sich dem Ende zu. «Dörf i go dusche?», wird bereits gefragt. «Nei», lautet die strickte Antwort von Strebel. Erst wenn alle fertig sind, geht es zusammen in die Kabine. Der Teamgeist soll der Trumpf der Nordwestschweizer Schwinger werden.