Alles begann auf der Eisenbahnbrücke

Roger Gradl

Roger Gradl

Zwei Herzen schlagen in der Brust von Roger Gradl. Das eine blutete, als der FC Basel 1988 in die Nationalliga B abstieg. Das andere, als der FC Bayern München 1999 den Champions-League-Titel in den letzten Sekunden verspielte. Doch meist bereiten ihm seine beiden Liebschaften Freude. So wie heute.

DANIEL AENISHÄNSLIN

Ein wenig Pech ist schon dabei. «Es sind sicher 30 Jahre, die ich auf dieses Spiel gewartet habe», sagt Roger Gradl. Doch der 45-jährige Frenkendörfer wird heute nicht im St. Jakob-Park sein, wenn der grosse FC Basel den noch grösseren FC Bayern zum Freundschaftsspiel empfängt (siehe auch Seite 11).
Die Pflicht ruft. Gradl bildet Versicherungsagenten aus, deren Spezialgebiete Personen- sowie Sozialversicherungen sind. Deshalb ist er heute mit seinen Lehrlingen in Gstaad.

Heute keine Niederlage

Seit Jahrzehnten schlägt Gradls Herz für die Basler und die Münchner. «Für die Bayern noch ein klein wenig mehr», bekennt er. Dennoch könne er persönlich heute nicht verlieren: «Egal wer gewinnt, es wird sich nicht anfühlen wie eine verlorene Meisterschaftspartie.» Verliert eines seiner Herzensteams ein Pflichtspiel, könne ihn das bis zum nächsten verfolgen.
Roger Gradl ist Fan. Durch und durch. Seine ersten Spiele des FC Basel verfolgte er noch an der Seite seines Vaters im ehemaligen St. Jakob- Stadion. Später, als Zwölfjähriger, fuhr er dann alleine zu den Spielen. Daraus wurde ein richtiges Ritual. «Jeweils samstags um 18 Uhr traf ich mich mit meinen Kollegen auf der Frenkendörfer Eisenbahnbrücke.» Am Treffpunkt erschienen alle eingepackt in Fan- Utensilien. Per Fahrrad ging es nach Pratteln, wo sie mit dem Tram vors Joggeli fuhren.

Wertschätzung für die Bayern

Die Liebe zum FC Bayern München ist eng verknüpft mit jener zu den Rot- Blauen. In den 1980er Jahren führte der FC Basel im Winter noch sein Hallenturnier durch. Ein Leckerbissen für den Bundesliga beflissenen Gradl. Das Turnier war jeweils hochkarätig besetzt, zum Beispiel mit dem FC Bayern. «Sie wurden bei jeder Ballberührung ausgepfiffen», blendet er zurück, «das hat mich genervt.» Und hat seine Sympathien für den deutschen Rekordmeister gefördert. «Wenn schon ein solches Spitzenteam kommt, sollte man das auch schätzen.»
Roger Gradl begann die Bayern immer mehr zu schätzen. Davon zeugt das Emaille-Schild mit dem Emblem des deutschen FCB neben seiner Haustür. Aber auch die vielen Weissbier-Krüge im Wohnzimmer. «Ich mag die bayerische Lebensart.» Letztere entdeckte er auf seinen vielen Reisen nach München. Die erste folgte gleich nach dem Erlebnis in der St. Jakob-Halle. Er reiste nach München zum Spiel gegen den VfB Stuttgart. Die Bayern lagen zur Pause zurück, drehten aber das Spiel. «Das Virus hatte Besitz von mir ergriffen.»

Unterdessen hat seine Präsenz im Stadion etwas nachgelassen. Unter anderem auch deshalb, weil er seit 2008 im Frenkendörfer Gemeinderat sitzt. Das Amt ist zeitaufwändig. Zuvor aber begleitete er den FC Basel sogar während dessen Ära in der Nationalliga B zu allen Auswärtsspielen. 1991 war er Gründungsmitglied des «FC Basel Regio Fanclub», dessen Wahlpräsident er seit 20 Jahren ist. Genau so lange ist er Mitglied des FC Bayern München. Glück im Unglück für Roger Gradl. Zwar kommt er heute nicht mehr aus Gstaad weg. Das Spiel kann er sich trotzdem ansehen. Einer wie er, findet jeden Sender, der die Spiele seiner Liebsten überträgt. Das Spiel wird auf DSF übertragen.

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