Ramona Härdi hat eine Mission: «Ich will dafür sorgen, dass die Schweiz an Olympischen Winterspielen im Eisschnelllauf vertreten ist», sagt die 20-Jährige.

Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um ihre langfristigen Ziele geht. Und die sind hoch. Der Aufwand, den die Aargauerin dafür auf sich nimmt, ist aber mindestens ebenso gross.

Eisschnelllauf-Mekka Heerenveen

Seit über sechs Wochen lebt Härdi mittlerweile im Eisschnelllauf-Mekka Heerenveen im niederländischen Friesland und trainiert im gut 30 Kilometer nördlich davon gelegenen Leeuwarden in der hochmodernen Eisschnelllauf-Arena 11Stedenhal.

Hier hat Härdi all das, was es in der Schweiz nicht gibt: grosse Begeisterung für ihren Sport und vor allem ein 400-Meter-Oval. «Die Bedingungen hier sind hervorragend», sagt Härdi.

Im Team Frysk, dem sie seit ihrem Umzug in die Niederlande angehört, hat sich Härdi in den vergangenen Wochen Schritt für Schritt integriert. Sie ist jetzt nicht mehr «die Neue». «Ich spreche zwar noch kein Holländisch, kenne aber ein paar Brocken der Sprache. Um mich im Alltag durchzuschlagen, reicht es», sagt Härdi.

Auf dem Eis spielt das aber sowieso keine Rolle. Denn das Frysk-Kader ist international zusammengesetzt: Neben der Schweizerin gehören dem Team auch zwei Engländerinnen, ein Engländer, eine Norwegerin und ein Norweger an.

Bereits gut im Team integriert und nicht mehr «die Neue».

Bereits gut im Team integriert und nicht mehr «die Neue».

Premiere gegen die Besten ihres Fachs

Härdi tritt in dieser Saison erstmals im Weltcup der Elite an, im Massenstart und über 3000 Meter. Die entsprechenden Limiten hat sie in der vergangenen Saison erstmals in ihrer Karriere erfüllt. Damit feiert sie ausgerechnet in einer Olympia-Saison ihre Premiere gegen die Besten ihres Fachs.

Entsprechend demütig formuliert die talentierteste Schweizer Eisschnellläuferin ihre kurzfristigen Ziele: «Mal sehen, wo ich stehe. Aber: Eine Olympia-Saison ist immer speziell.»

Will heissen: Pyeongchang 2018 spielt in den Gedanken Härdis eine Rolle. «Solange ich sehe, dass ich intakte Chancen auf eine Qualifikation habe, werde ich alles daransetzen, dies auch zu schaffen.» Am ehesten dürfte das nach ihrer eigenen Einschätzung im Massenstart der Fall sein.

Von ihrem Entscheid, das Elternhaus im Aargauer Dorf Möriken in Richtung Heerenveen zu verlassen, ist Härdi auch nach sechs Wochen überzeugt. Sie ist sich aber bewusst, dass sie sich Zeit lassen muss. «Ich werde nicht von heute auf morgen einen riesigen Schritt vorwärts machen», sagt sie. «Aber langfristig wird sich dieser Entscheid auszahlen. Davon bin ich überzeugt.»

Der Schritt zur Profi-Sportlerin

Den Umzug hat Härdi nach dem Abschluss ihrer Lehre im Sommer beschlossen. Vorläufig bis Ende der Saison im März 2018, aber sie geht davon aus, «dass ich länger hier bleiben werde». Sie schätzt ihr neues Leben als Profi.

Zum ersten Mal in ihrer Karriere kann sie sich voll und ganz auf den Sport konzentrieren. Sie muss nicht mehr Lehre, Schule, Training und Wettkämpfe inklusive der entsprechenden Reisen unter einen Hut bringen.

«Ich geniesse meinen neuen Alltag mit dem vielen Training und der Erholung sehr. Vorher war immer alles zu 100 Prozent durchgeplant. Ich habe gesehen, dass ich so nicht weiter komme.» Heute dreht sich ihr Leben nur noch um den Sport.

Zumindest fast. Denn ganz ohne Job geht es auch in den Niederlanden nicht. Härdi arbeitet aus der Ferne auf ihrem erlernten Beruf als Konstrukteurin mit einem 20-Prozent-Pensum für ein Unternehmen aus Möriken.

«Für mich war immer klar, dass ich nicht von meinen Eltern abhängig sein will», erklärt Härdi, weshalb sie trotzdem noch nebenher arbeitet. Und was sie an Kosten mit ihrem Verdienst nicht decken kann, wird durch Sponsoren – ihr Arbeitgeber sponsert beispielsweise das Auto – und Fanclub getragen.

Heute dreht sich ihr Leben nur noch um den Sport.

Heute dreht sich ihr Leben nur noch um den Sport.

Umzug bringt Popularität

Was der Umzug ins Friesland so ganz nebenbei mit sich bringt? Popularität. «Hier hat unser Sport einen ganz anderen Stellenwert. Das spürt man sehr stark. Hier wird man auch einmal auf der Strasse angehauen», sagt Härdi. Das ist etwas, was ihr in der Schweiz nicht passieren kann.

Hierzulande fristet der Eisschnelllauf ein Schattendasein. Das geht so weit, dass eine fixe olympische Eisschnelllauf-Arena für das Bewerbungskomitee der Kandidatur «Sion 2026» kein Thema ist und gar eine Auslagerung der Bewerbe in die Niederlande zur Debatte steht.

«Das wäre sehr schade. Zum olympischen Gedanke gehört doch, dass alle Sportler am selben Ort sind», sagt Härdi.

Das alles ist aber sowieso noch Zukunftsmusik. Jetzt geht es für Härdi erst einmal darum, sich im Weltcup zu etablieren und damit ihrem grossen Traum vom Start für die Schweiz an Olympia einen Schritt näher zu kommen.