Vasilije Mustur

Alexander Frei gegen England: Fehlpass reiht sich an Fehlpass. Die Zweikämpfe gewinnt ausschliesslich der Gegner. Der Captain der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft agiert in seinen Aktionen glücklos.

Dies nährt den Verdacht, dass der Stürmer trotz ausgeheilter Verletzung im Kopf gehemmt und verunsichert wirkt. «Es ist durchaus möglich, dass er seine Verletzungen unbewusst noch nicht ganz verarbeitet hat», sagt die Sportpsychologin Cristina Baldasarre gegenüber a-z.ch.

Die Schiene - ein Indiz

Die mögliche Folge: Vorsicht, Vermeidung gewisser Situationen, aber auch Überschätzung oder falsche Risikoeinschätzung. «Zudem kann solches Verhalten dann leider auch zu weiteren Verletzungen führen.»Ein Indiz hierfür sei, dass Frei auch sechs Monate nach seinem Oberarmbruch während den Spielen immer noch eine Armschiene trägt.

Für Baldasarre macht das Tragen der Schiene jedenfalls nicht viel Sinn - es sei denn die Verletzung ist noch nicht verheilt. «In der ersten Phase macht die Schiene durchaus Sinn. In aller Regel sollte diese dann nach einer gewissen Zeit zuerst im Training, dann auch im Ernstkampf abgelegt werden - wenn es medizinisch vertretbar ist.»

Zur Erinnerung: Im Februar 2010 erleidet Alexander Frei nach einem Zweikampf einen Oberarmbruch und muss mehrere Wochen pausieren.

Kämpft sich ein Sportler nach einer schweren Verletzung zurück an die Spitze ist laut Baldasarre die sportpsychologische Unterstützung - auch als 4-Phasen-Programm bekannt - ein zentraler Eckpfeiler des Comebacks (siehe Box). «Wenn eine Rehabilitation ohne diese Unterstützung abläuft, wird tendenziell mehr auf die physische Rehabilitation geschaut - also auf den medizinischen Heilungsverlauf. Studien haben aber gezeigt, dass eine solche Rehabilitation oft länger dauert und die mentale Verarbeitung der Verletzung selber dem Zufall überlassen wird.»

Mannschaft kann unter Freis Problemen leiden

Die Psychologin schliesst nicht aus, dass Frei als Captain eine schwere Phase durchmacht und sich dies sowohl auf seine eigene als auch auf die Leistung der gesamten Mannschaft auswirkt. «Der Captain muss sich erstmal an eine neue Teamzusammensetzung und dadurch an seine neue Rolle gewöhnen. Er muss das Vertrauen des Teams spüren. Wenn dieses Gefühl nicht ganz vorhanden ist, kann es vorkommen, dass der Spieler sein eigenes Leistungspotential nicht optimal abrufen kann».

Baldasarre spricht von den Rücktritten bei der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft. Nach der Weltmeisterschaft in Südafrika trat Benjamin Huggel, Blaise Nkufo und Ludovic Magnin aus der Mannschaft zurück.

Braucht die Nationalmannschaft einen neuen Captain?

Deshalb rät Baldasarre die Hierarchieverhältnisse innerhalb der Schweizer Nationalmannschaft zu überdenken. «Wenn sich ein Team verändert - alte Spieler hören auf, Junge rücken nach - dann kann dieses ‹alte› Rollengefüge gestört werden. Der gesamte Prozess sollte dann von neuem beginnen. Geschieht dieser Neubeginn nicht, dann können Störungen innerhalb des Teams auftauchen. Diese können sehr unterschwellig und subtil sein, oder auch sehr offensichtlich und präsent.»