Spritzensport

Abschaffen – oder doch nicht?

Diese Kolumne beschäftigt sich alle zwei Wochen mit Themen rund um Doping und den Kampf dagegen.

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Wenn ein Sportler krank oder verletzt ist und ein auf der Dopingliste stehendes Medikament benötigt, braucht er eine Ausnahmegenehmigung für therapeutische Zwecke. Die sogenannten TUEs gerieten zuletzt in die Kritik, weil der Verdacht aufkam, dass sie massiv zu Zwecken der Leistungssteigerung missbraucht werden.

Die russisch gesteuerte Hackergruppe Fancy Bears veröffentlichte Ende 2016 als Ablenkungsmanöver zum eigenen Staatsdoping eine Liste von prominenten westlichen Athleten, die umstrittene TUEs erhielten. Eine staatliche britische Untersuchungskommission warf dem Veloteam Sky und dem ehemaligen Tour-de-France-Sieger Bradley Wiggins im Umgang mit TUEs vor, eine «ethische Linie zu überschreitet». Der Ruf wurde laut, dieses System komplett abzuschaffen, denn eine Grauzone existiert auf jeden Fall.

Wie krank ist zu krank, um an Wettkämpfen teilzunehmen – in der Tat eine interessante Fragestellung. Es geht dabei auch um die philosophische Betrachtung von Aspekten wie Fairness und Gesundheit. Neben der Welt-Antidoping-Agentur Wada und den allermeisten Sportärzten befürworten die TUE-Lösung auch Fachleute, die oft nicht mit Kritik an der aktuellen Dopingbekämpfung zurückhalten. Etwa Matthias Kamber, der ehemalige Chef von Antidoping Schweiz. Er will die Rechte der Sportler nicht noch mehr strapazieren.

Die Idee hinter den TUEs: Ein Athlet soll dasselbe Recht auf eine medizinische Behandlung haben wie jeder Patient. Für eine Genehmigung müssen verschiedene Kriterien erfüllt sein:

1. Das Medikament ist notwendig, um eine akute oder chronische Erkrankung zu bekämpfen. Am häufigsten eingesetzt werden TUEs bei Asthma, Bronchitis und Allergien, verbreitet ist auch die Verwendung von Insulin und Ritalin.
2. Der Einsatz des Medikamentes führt höchstwahrscheinlich nicht zu einer Leistungssteigerung, die über den normalen Gesundheitszustand des Athleten hinausgeht.
3. Es gibt keine vernünftige erlaubte Alternative zum Medikament.

Die Forderung, den bislang vertraulichen TUE-Prozess künftig für alle Athleten offen zu legen, widerspricht dem Persönlichkeitsschutz. Wer will schon transparent machen, dass er etwa gegen Depressionen behandelt wird? Ein internationaler Standard der Wada verspricht die Vergabe nach einheitlichen Kriterien. Trotzdem ist störend, dass die internationalen Topstars die Erlaubnis von ihrem Fachverband erhalten. Kamber schlägt vor, die TUE-Vergabe künftig der neuen Internationalen Testagentur ITA zu übertragen. Eine interessante Idee, doch Sportverbände tun sich stets schwer mit Machtverzicht.

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