Andrea Marthaler

Manfred Knecht, 40, bietet einen Kaffee an. Selber nimmt er sich nur ein Glas Wasser. Jedoch nicht der Gesundheit zuliebe. Er habe Kaffee noch nie gerne gehabt. Auch jetzt nicht, nach 17 Jahren im Schuldienst an der Bezirksschule Bremgarten.

Sie sind noch nie einen Marathon gelaufen. Sind Sie bereit für diese Herausforderung?
Manfred Knecht: Die Distanz von 42 Kilometer sollte ich schon schaffen. Die Frage ist immer, was hat man sich für ein Ziel gesteckt. Quantitativ habe ich gut trainiert. Jetzt darf einfach nichts mehr dazwischenkommen. Aber da passe ich auf. Im Schulsport spiele ich zum Beispiel nicht mehr mit beim Fussball.

Weshalb wollen Sie überhaupt einen Marathon laufen?
Knecht: Vor einem Jahr habe ich ein Dienstaltersgeschenk bekommen: Ferien und Geld. Damit wollte ich etwas Spezielles machen, etwas, was mich herausfordert. Ich dachte, ein Marathon wäre was.

Weshalb gerade der New York Marathon?
Knecht: Er ist einer der schwierigsten mit den fünf Brücken. Bei jeder ist es, wie wenn man über einen Berg müsste. Und immer geht es über Asphalt. Es gibt aber keinen Marathon, bei dem man keine schweren Beine bekommt. Ich war noch nie in New York. So kann ich die Gelegenheit nutzen.

Sie sind Sportlehrer, inwiefern hat Sie das für den eigenen Sport motiviert?
Knecht: Ich habe lange Fussball gespielt und trainierte die Junioren sowie vier Jahre die erste Mannschaft des FC Bremgarten. Als Trainer sowie im Schulsport war ich dabei lange Zeit auf der Bank und habe andere zum Sport motiviert. Vor vier Jahren habe ich das Gefühl gehabt, ich will selber Sport machen. Damals habe ich angefangen mit Triathlon. Ich machte viele olympische Distanzen sowie in Locarno den Halb-Ironman.

Wie sah Ihre Vorbereitung für den New Yorker aus?
Knecht: Im Januar habe ich Bescheid bekommen, dass ich an den Marathon kann. Ab Februar habe ich dann trainiert. Ich machte einen systematischen Aufbau und trainierte die Grundausdauer. Ich habe einen Plan gemacht, was für Wettkämpfe ich mache, angefangen beim Reusslauf bis zum Muri-Herbstlauf und zum Hallwilersee-Halbmarathon. Als Sportlehrer ist mir die Trainingslehre bekannt, das konnte ich auf meine eigene Ausdauer hin anwenden. Früher war ich nicht der typische Läufer, ich bin gerannt, wenn ein Ball vor mir war. Jetzt ist dies anders.

Konkret, wie oft sind Sie in den letzten Monaten gelaufen?
Knecht: Pro Woche bin ich zwischen 40 bis 80 Kilometer gelaufen, verteilt auf drei bis vier Trainings. Regelmässig lief ich auch längere Distanzen von ungefähr 25 Kilometern. Dabei ging es nicht ums Tempo, ich wollte mehrere Stunden durchtraben können. Es ist aber nicht einfach, bis zu acht Stunden pro Woche zu investieren mit einem Vollzeitpensum als Lehrer.

Wie trainieren Sie jetzt, kurz vor dem Marathon?
Knecht: Die letzte Woche trainierte ich sehr intensiv, mit zwei Wettkämpfen innert acht Tagen. Jetzt nehme ich es nicht mehr so streng. Nicht Quantität steht im Vordergrund, sondern lockeres Laufen. Was ich bisher versäumt habe, kann ich jetzt nicht mehr aufholen.

Trainieren Sie allein?
Knecht: Ich bin auch mit Kollegen laufen gewesen. Das Problem ist aber, dass im Kollegenkreis plötzlich die Distanzen zu lang werden. Auch mit meiner Frau laufe ich öfter. Ich mache dann zuvor 15 Kilometer und sie begleitet mich auf der zweiten Runde.

Gehörte zur Vorbereitung auch eine bewusste Ernährung?
Knecht: Ich esse gern. Mit dem intensiven Sport kann ich jetzt erst recht zuschlagen. Ich habe aber schon darauf geachtet, dass ich nicht wahnsinnig fettig oder süss esse. In den letzten Wochen der Vorbereitung esse ich vor allem Kohlenhydrate wie Pasta, Reis und Kartoffeln und zum Schluss hin verzichte ich auf Früchte und Gemüse. Am Abend vor dem Marathon ist in New York die Pasta-Party, da gehe ich auch. Es gibt Pasta pur.

Ohne Sauce?
Knecht: Ja. Nur Kohlenhydrate.

Mit welcher Zeit wollen Sie am Marathon im Ziel eintreffen?
Knecht: Zu Beginn habe ich mir dreieinhalb Stunden zum Ziel gesteckt. Das wären fünf Minuten pro Kilometer.

Diese Wunschzeit mussten Sie anpassen?
Knecht: Ich denke, wenn ich es in 3 Stunden und 40 Minuten schaffe, ist das gut. Wenn es sehr gut läuft, könnte ich auch das Anfangsziel packen. Realistisch ist eine Zeit zwischen 3:40 und 3:50.

Streckenrekord beim New York Marathon ist 2:07:42.
Knecht: Man darf sich nicht mit den Spitzenläufern vergleichen. Ein Viktor Röthlin läuft in dieser Zeitdimension.

Beim Detroit-Marathon vor einer Woche starben drei Personen. Haben Sie Angst?
Knecht: Es kann immer etwas passieren. Zum Beispiel, dass der Magen verrückt spielt oder die Temperatur zu hoch ist. Es kann auch sein, dass ich unvorhergesehene Schmerzen in der Hüfte oder im Knie bekomme. Ich mache mir aber keine Sorgen. Ich bin schon zweimal gut 30 Kilometer am Stück gelaufen.

Sie glauben, die Marathondistanz zu schaffen?
Knecht: Ich kenne meinen eigenen Körper schon etwas. Vielleicht wird es der einzige Marathon sein, den ich laufe. Da werde ich kein Risiko eingehen und nicht ans Limit gehen. Wenn es besser läuft als erwartet, kann ich immer noch gegen Schluss Gas geben. Ich glaube nicht, dass ich meinem Körper zu viel zumute. Am nächsten Tag werde ich aber sicher etwas komisch die Treppe heruntergehen.

Ein Wettkampf ist immer eine spezielle Situation.
Knecht: Es beginnt bei der mentalen Vorbereitung. Ich stelle mich auf eine lange Distanz ein. Ab Kilometer 30 werde ich beissen müssen. Aus der Trainingserfahrung weiss ich, mit welchem Tempo ich loslaufen muss.

Würden Sie freiwillig aufgeben, wenn Sie merken, es geht nicht mehr?
Knecht: Ja. Einfach nur, weil die Muskeln wehtun, sicher nicht. Aber wenn ich das Gefühl habe, der Schmerz in den Gelenken wird so schlimm, dass sie nachhaltig Schaden nehmen könnten.

Das wollen wir nicht hoffen!
Knecht: Mein Ziel ist es, mit einem Lächeln über die Ziellinie zu laufen und am Abend fein essen zu gehen. Am nächsten Tag will ich dann shoppen. Nachher bin ich noch drei Tage in New York.

Über zwei Millionen Zuschauer werden erwartet.
Knecht: Ich hoffe, dass mich die Zuschauer anfeuern und mich die Stimmung dem Ziel entgegenträgt. Ich werde ein knall-orangefarbenes T-Shirt tragen mit der Aufschrift «go Mani». Hauptsächlich, damit mich meine Frau in der Masse findet.

Wann fliegen Sie ab?
Knecht: Am nächsten Freitag, dann bin ich zwei Tage vor dem Anlass in der Stadt.

Ist das nicht ziemlich knapp?
Knecht: Die Zeitverschiebung in diese Richtung ist nicht so schlimm. Der Lauf beginnt morgens um zehn. Dann wäre bei uns vier Uhr nachmittags, also die ideale Trainingszeit. Das passt vom Körper her. Ich habe auch kein Problem mit wenig Schlaf. Ausserdem: Was macht man in einer Stadt wie New York? Man läuft viel und das wäre schlecht als Vorbereitung auf den Lauf.

Dann bleibt mir nur noch, Ihnen viel Glück zu wünschen.