Weissenstein-Schwinget
Wie Sensationssieger Damian Ott seine Gegner übertölpelte

Beim Bergfest auf dem Weissenstein gewann nicht einer der meistgenannten Favoriten. Im Gegenteil: Sieger Damian Ott hatte niemand auf der Rechnung. Der 21-jährige St. Galler überraschte seine Gegner - und auch ein wenig sich selber.

Marcel Kuchta
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Damian Ott (rechts) besiegt Andreas Döbeli im Schlussgang mit einem «Münger».

Damian Ott (rechts) besiegt Andreas Döbeli im Schlussgang mit einem «Münger».

Claudio De Capitani / freshfocus

Das Zusehen schmerzte schon fast. Andreas Döbeli lag auf dem Bauch, den Kopf und einen Arm eingeklemmt zwischen den Beinen des Gegners. Der hiess Damian Ott und machte sich im Schlussgang des Weissenstein-Bergfests daran, Döbeli am Boden zu bearbeiten. Und er bediente sich dabei des so genannten «Münger-Murks». Ein eher selten zu sehendes Boden-Manöver, bei welchem der durch die unbequeme Fixierung des Kopfs machtlose Gegner so lange bearbeitet wird, bis die Kräfte schwinden und er kopfüber auf den Rücken gewuchtet werden kann.

Döbeli und Schurtenberger in der Münger-Falle

Der Aargauer Döbeli wehrte sich im Kampf um den Sieg nach Kräften gegen den entfesselten Ott, konnte sich einmal aus der äusserst unangenehmen Lage befreien, geriet allerdings kurz darauf ein zweites Mal in den Schraubstock seines Kontrahenten und musste sich schliesslich geschlagen geben. Damian Ott freute sich ausgelassen über seinen allerersten Kranzfestsieg, während sich der geschlagene Döbeli erst einmal wieder orientieren musste, wo oben und unten ist und in welche Atemwege sich das Sägemehl verirrt hatte.

Der Augenblick des Triumphs: Damian Ott (r.) jubelt, Andreas Döbeli ist total erschöpft.

Der Augenblick des Triumphs: Damian Ott (r.) jubelt, Andreas Döbeli ist total erschöpft.

Claudio De Capitani / freshfocus

Noch schlimmer war es im Gang vorher dem Innerschweizer Schwergewicht Sven Schurtenberger, im Sägemehl selber kein Kind von Traurigkeit, ergangen. Auch er war in Otts Schraubstock gefangen. Als er schliesslich entkräftet aufgeben musste, da blieb der Luzerner benommen und nach Luft ringend liegen und musste von der Sanität betreut werden. Auch hier musste man schon fast Mitleid haben mit dem unterlegenen Schwinger. Gegen Damian Otts Münger-Murks-Kunst war an diesem Samstag auf dem Weissenstein schlicht kein Kraut gewachsen. Der St. Galler zeigte Bodenschwingen der Extraklasse - wobei dies nichtmal als seine Spezialität gilt. «Er hat ganz einfach sehr gut geschwungen», musste auch Schlussgang-Gegner Döbeli neidlos anerkennen.

Otts Steigerungslauf

Damian Ott, dieser 1,97 Meter grosse und über 100 Kilogramm schwere Modellathlet, der für den Schwingklub Wil im Einsatz steht und aus dem Dorf Dreien bei Mosnang stammt, setzte auf dem Solothurner Hausberg zu einem unwahrscheinlichen Steigerungslauf an. Nach einem problemlosen Auftaktsieg gegen den Nordwestschweizer Matthias Imobersteg rang er dem Innerschweizer Eidgenossen Mike Müllestein im zweiten Gang einen Gestellten ab. Den zuletzt formstarken Jonas Burch (Innerschweiz) bodigte er in der Folge mit einer glatten 10. Der Nordwestschweizer Eidgenosse und Mitfavorit Joel Strebel wurde im vierten Gang von Ott ebenfalls «gemüngert». Dann folgten mit Schurtenberger und zum Schluss Döbeli zwei weitere Eidgenossen. Mit diesem schwierigen Notenblatt war Damian Ott zweifellos ein hochverdienter Sieger auf dem Weissenstein. Und rang nach seinem Triumph nach Worten:

«Ich kann gar nicht fassen, was hier passiert ist. Das hätte ich meinem Leben nicht gedacht.»

Hinter dem Überraschungsmann landete in der Rangliste mit Armon Orlik ein Mann, den man schon eher auf der Favoriten-Rechnung hatte. Der Bündner, der fast zwei Jahre lang nicht mehr wettkampfmässig im Sägemehl gestanden hatte, blieb bei seinem Comeback ungeschlagen. Viermal ging er als Sieger vom Platz, aber die zwei Gestellten gegen die beiden Innerschweizer Eidgenossen Marcel Bieri im Anschwingen und im 5. Gang gegen Erich Fankhauser reichten, um Orlik an der Schlussgang-Teilnahme zu hindern.

Holte sich bei seinem Comeback souverän den Weissenstein-Kranz: Armon Orlik.

Holte sich bei seinem Comeback souverän den Weissenstein-Kranz: Armon Orlik.

Claudio De Capitani / freshfocus

Auch wenn dem 26-Jährigen gerade zu Beginn des Wettkampfs wenig überraschend die fehlende Praxis anzumerken war, so zeigte er im Verlauf des Tages, dass mit ihm auch in der laufenden Saison noch zu rechnen sein wird. Orlik bildete zusammen mit Sieger Ott und dessen ebenso aufstrebenden, 18-jährigen Kumpel Werner Schlegel (3. Rang) die Spitze der starken Nordostschweizer Delegation, die insgesamt sechs Kränze gewann.

Ernüchternde Innerschweizer Bilanz

Einigermassen ernüchternd verlief das Bergfest auf dem Weissenstein aus Sicht der Innerschweizer Gäste. Besonders in den Gängen fünf und sechs wurde die hervorragende Ausgangslage versemmelt. Nach vier Gängen waren sage und schreibe 14 ISV-Schwinger unter den Top 20 klassiert. Am Ende retteten sich nur deren vier in die Kränze. Sven Schurtenberger klassierte sich als bester Innerschweizer auf Platz vier.

Nebliges Wetter beim 70. Weissenstein Schwinget, am Samstag, 17. Juli 2021 auf dem Weissenstein. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

Nebliges Wetter beim 70. Weissenstein Schwinget, am Samstag, 17. Juli 2021 auf dem Weissenstein. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

Marcel Bieri / KEYSTONE

Geprägt wurde das Geister-Schwingfest auf dem Weissenstein nicht nur von grösstenteils spektakulären und hochklassigen Kämpfen, sondern vor allem auch von den widrigen, äusseren Bedingungen. Das sumpfige Wettkampfgelände war praktisch den ganzen Tag in Nebel gehüllt. Es nieselte und auch die Kälte war bisweilen empfindlich. Die Schwinger ertrugen es mit Gleichmut. Allen voran Damian Ott, der Mann mit dem Schraubstock.

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