Flavio: Welche Schande. Uns bleibt wirklich nichts erspart. Die Azzurri qualifizieren sich nicht für die Fussball-WM. Der frühere Lega-Chef Umberto Bossi soll 49 Millionen Euro veruntreut und sich persönlich bereichert haben. Und nun greift ein junger italienischer Töfffahrer seinem Kontrahenten bei über 200 Stundenkilometern in die Vorderbremse. Mein Italien gleicht einem Trümmerfeld.

David: Wahnsinn! Schummeln, tricksen, dopen, den Schiedsrichter täuschen – das gehört längst zur Tagesordnung im Spitzensport. Daran haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Aber was Romano Fenati machte, hat eine andere Dimension. Das ist versuchte Tötung. Denn er nahm ganz bewusst einen Horror-Unfall von Konkurrent Stefano Manzi in Kauf.

Tobias: Schon. Aber ist doch alles gut gegangen. Manzi blieb unverletzt, ist nicht gestürzt. Fenati wurde für zwei Rennen gesperrt, hat sich entschuldigt, wurde von seinem Team suspendiert und zieht sich in die hügelige Landschaft der Marken zurück, wo er im Eisenwarengeschäft seines Grossvaters aushelfen wird.

François: Das kann doch nicht dein Ernst sein. Wer nun zur Tagesordnung übergeht, ist ignorant. Fenati hat schliesslich vorsätzlich gehandelt.

Romano Fenatis hochgradig gefährliche Bremsen-Attacke auf Stefano Manzi

Tobias: Wo kein Kläger, ist auch kein Angeklagter.

Flavio: Genau da liegt der Hund begraben. Ich verstehe nicht, warum Manzi den Fenati nicht verklagt.

Pius: Vielleicht, weil er selbst kein Unschuldslamm ist? Die beiden sollen in umgekehrten Rollen schon mal aneinandergeraten sein.

David: Vielleicht, weil Manzi eingetrichtert wurde, dass im Falle einer Klage niemandem geholfen ist. Am wenigsten den Organisatoren und Verbänden, die, egal in welcher Sportart, immer die Letzten sind, die offensichtliche Schwachstellen auszumerzen versuchen. Allein die Sperre von zwei Rennen gegen Fenati ist im Verhältnis zur Tat schlicht ein Hohn.

Tobias: Versetz dich doch mal in die Lage eines Verbandes. Allein der unerbittliche Wettkampf um Sponsoren- und TV-Gelder zwingt ihn, so lange die heile Sportwelt zu verkaufen, wie es eben nur geht. Wenn nun ein hoher Töffgeneral die Respektlosigkeit, die Gnadenlosigkeit, die Unfairness und das aggressive Verhalten unter den Töfffahrern anprangert, droht das Zirkus-Zelt einzustürzen.

Gabet Chapuisat gegen Lucien Favre

Gabet Chapuisat gegen Lucien Favre

© Schweizer Fernsehen Tatzeitpunkt: 13. September 1985 Begegnung: Servette Genf - Vevey-Sports Spielminute: 42 Täter: Pierre-Albert «Gabet» Chapuisat (FC Vevey Sports 05) Unschuldiges Opfer: Lucien Favre (Servette Football Club Genève) Folgen: Mehrere Knochenbrüche (Kniescheibe) und Bänderrisse (Kreuzband), welche indirekt ein Karriereende Favres nach sich zogen; Chapuisat wurde von seinem Klub Vevey-Sports fristlos entlassen Urteil: Geldstrafe für fahrlässige Körperverletzung (5000 Schweizer Franken; rund 4200€) Anmerkung: Der Schiedsrichter ahndete dieses Foul nicht.

Flavio: Schon klar. Aber das Signal, das man nun ausgesendet, ist verheerend. Ist ja nichts passiert, alles halb so schlimm. Und die Spirale dreht weiter, bis es zur Katastrophe kommt.

David: Ich bin überzeugt, dass sich in der Welt des Sports viele potenzielle Kläger mit dem Satz weichklopfen liessen: Wenn du klagst, gefährdest du die Existenz deines Sports. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Häufig hat sich in einer Sportart etwas zum Positiven entwickelt, wenn es zu einem zivilgerichtlichen Prozess kam.

Pius: Was meinst du?

David: Das Brutalo-Foul von Gabet Chapuisat an Lucien Favre Mitte der 1980er-Jahre. In dieser Zeit wurden Verteidiger wie Chapuisat für ihre Kompromisslosigkeit gefeiert. Sicher, die 5000 Franken, die Chapuisat von einem Genfer Gericht aufgebrummt bekam, waren keine grosse Strafe. Wichtiger war indes, dass er verurteilt wurde. Das nagt. Die Art, wie man im Fussball verteidigt, hat sich danach zum Positiven verändert.