Wir schreiben das Jahr 2011: Anita Weyermann, Schweizer Mittelstrecken-Königin der Herzen mit dem einprägsamen Leitmotto («Gring ache u seckle»), kam zu Ohren, dass da in Bern eine erst elfjährige Athletin mit enormem Potenzial trainiere. Weyermann wollte sich selbst ein Bild machen, schaute sich das Training an und sagte zum kleinen Mädchen: «Wirst du einmal meine Nachfolgerin?»

Es war das erste Treffen von Delia Sclabas mit jener Sportlerin, die sie heute als eines ihrer Vorbilder bezeichnet. Das bislang letzte Mal sahen sich Weyermann und die Familie Sclabas vor wenigen Wochen beim Diamond-League-Meeting in Lausanne.

Weyermann war mit ihren Drillingen dort und konnte sich persönlich ein Bild davon machen, wie weit die heute 16-jährige Kirchbergerin Delia Sclabas inzwischen gekommen ist, die Frage von 2011 mit einem «Ja» zu beantworten. Über 1500 m pulverisierte Sclabas in Lausanne ihre persönliche Bestzeit und luchste Weyermann bereits den dritten Schweizer Nachwuchsrekord nach jenen über 800 m und 3000 m ab.

Titel in drei Sportarten

Sclabas gewann das U20-Rennen gegen internationale Topkonkurrenz, so wie sie die allermeisten ihrer Rennen gewinnt. Und weil die Gymnasiastin mit Schwerpunkt Biologie und Chemie auch im Duathlon und Triathlon die Beste ihrer Altersklasse ist, hört sich das Palmarès sowohl quantitativ wie qualitativ exquisit an.

Mit 15 Jahren war sie erstmals Schweizer Meisterin über 1500 m bei den Aktiven, im letzten Jahr wurde sie Doppel-Europameisterin bei der U18 (1500 m und 3000 m), Duathlon-Weltmeisterin bei den Juniorinnen und gewann an der Triathlon-EM der U18 Bronze.

In diesem Jahr gewann sie an der Duathlon-Europameisterschaft der U18 und strebt am Wochenende an der U20-EM der Leichtathleten die nächste internationale Medaille an. Delia Sclabas ist das grösste Versprechen im Schweizer Laufsport der letzten zehn Jahre.

Wo so viel Talent auf einmal zusammenkommt, da ist Neid nicht fern. Bereits vor vier Jahren wussten es allerlei Beobachter und Experten besser. Delia werde aufs Gröbste verheizt. Sie leide unter dem übertriebenen Ehrgeiz ihrer Eltern, die sie viel zu sehr pushten. Die Kritik kam zumeist aus dem Schutz der Anonymität, ohne Detailkenntnis über den familiären Hintergrund, den Alltag und das Trainingsprogramm des Lauftalents. Und überhaupt, wer wie die Sclabas ihre Tochter Delia vom Rand der Tartanbahn «Kröte» rufe, der könne ja nur herzlos sein.

Der aussergewöhnliche Kosename von Delia ist bestes Beispiel dafür, wie manches aus der Familie interpretiert und falsch gedeutet wird. Als Delia nach der zu frühen Geburt als Kleinste der Drillinge im Brutkasten lag und um ihr Leben kämpfte, man beim dick eingewickelten Säugling nur das feine Näschen hervorgucken sah, bemerkte Mutter Barbara zu ihrem Mann, sie sehe irgendwie aus wie ein kleines Chrötli.

Der Kosename war geboren, er blieb und hat seither eine ganz spezielle Bedeutung. Delia ist bis heute stolz darauf. Ihr Etui in der Schule schrieb sie mit «Chröte» und nicht mit ihrem Namen an.

Die Sclabas sind keine 08/15-Familie. Mit den Drillingen Delia, Ilenia und Silia sowie insgesamt fünf Kindern ist dies auch gar nicht möglich. Zumal die Kinder mit aussergewöhnlichem Talent gesegnet sind. Den Eltern war immer wichtig, dass der Nachwuchs nicht nur auf ein Pferd setzt, sondern sowohl im Sport wie auch in anderen Lebenssituationen eine vielfältige Tätigkeit ausübt.

So spielen alle Sclabas-Kinder ein Instrument, Delia Klavier und ihre musisch begabte Schwester Silia etwa speziell gut Oboe. Delia besucht trotz ihres Ausnahmekönnens am Gymnasium Neufeld in Bern nicht etwa die Sportschule, sondern eine Regelklasse. Und sie zeigt auch schulisch überdurchschnittlich gute Leistungen.

Die Rolle der Eltern

Die Eltern verfolgen den Weg ihrer Kinder im Sport aus nächster Nähe und mit viel Engagement. Einige Kritiker verwechseln dabei Präsenz mit Dominanz. Mit Delias Klubtrainern, dem 72-jährigen Aargauer Peter Mathys und dem 69-jährigen Berner Martin Hauert, pflegen sie seit Jahren einen intensiven Austausch. Mit den Verantwortlichen des Leichtathletik- und Triathlon-Verbandes ist es auch schon zu kontroversen Diskussionen gekommen. Aber nicht, weil die Eltern sie verheizen oder den eigenen Ehrgeiz befriedigen wollen, sondern weil sie Delia schützen möchten.

Mit 15 Jahren wird Delia Sclabas erstmals Schweizer Meisterin über 1500 m bei den Aktiven.

Mit 15 Jahren wird Delia Sclabas erstmals Schweizer Meisterin über 1500 m bei den Aktiven.

«Man bleibt ein Leben lang die Eltern seiner Kinder und hat eine ganz andere Verantwortung und eine ganz andere Perspektive als ein Trainer oder ein Verbandsfunktionär», sagt Dario Sclabas. Das polysportive Training und der mit 12 bis 15 Stunden wöchentlich dosierte Umfang sollen helfen, Delia genau nicht zu überfordern und die Möglichkeit schaffen, später noch «das eine oder andere Brikett draufzulegen».

Auch Nationaltrainer Louis Heyer sagt ganz klar, dass Delia Sclabas von ihrem Umfeld nicht verheizt werde. Sie habe sowohl punkto ökonomischer Lauftechnik wie auch im Bereich des Krafttrainings und des Trainingsumfangs noch gewaltiges Potenzial, das aber sehr dosiert und bedacht abgerufen werden soll.

«Es ist unsere Aufgabe, gemeinsam mit der Familie und ihrem Umfeld dank geeigneter Trainingsmassnahmen sowohl ihrem Alter wie auch ihren Leistungen gerecht zu werden. Wobei die Herausforderung darin liegt, dass ihre Leistungen nicht ihrem Alter entsprechen.» Um die heranwachsende junge Frau nicht zu überfordern, habe man zum Beispiel die Anzahl Wettkämpfe deutlich reduziert.

Delia Sclabas will Spass haben

Und was sagt Delia Sclabas selber zu ihren Leistungen und dem steten Tuscheln hinter ihrem Rücken? «Es stört mich schon ein wenig. Das Wichtigste ist aber, dass ich und meine Familie wissen, wie die Situation genau ist», sagt sie zum Vorwurf der Überforderung. Von den Eltern an den Wettkämpfen angefeuert zu werden, empfindet sie als «megacool».

Und das Wichtigste für sie selber bleibt: «Ich trainiere aus Freude am Sport. Diese habe ich bis heute nie verloren, im Gegenteil.» Das innere Feuer sei auch Basis dafür, dass sie beim Rennen jenes Gefühl entwickeln könne, welches sie zu einer der weltbesten Mittelstreckenläuferinnen in ihrem Alter macht: «Es ist das Gefühl, als würde ich fliegen.»

Ob sie die ständigen Vergleiche mit Anita Weyermann stören, wollen wir von ihr wissen. Es gebe zwei Seiten. «Es ist einerseits natürlich eine Ehre, andererseits bin ich anders als sie. Ich bin Delia Sclabas, und sie ist Anita Weyermann.» Was sie auszeichnet, ist neben dem grossen Kämpferherzen, das sie durchaus mit ihrem Vorbild gemein hat, das sehr strukturierte und zielgerichtete Vorgehen. So hat sich Delia Sclabas ganz fest in den Kopf gesetzt, die Schweiz bereits 2020 bei den Olympischen Spielen in Tokio zu vertreten. Sie wird dannzumal 19 Jahre alt sein und Weyermanns Frage vielleicht endgültig beantworten.