Eisschnelllauf
Wegweisende Wende: Historisches Urteil im "Fall Pechstein"

Die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein hat im knapp sechsjährigen Kampf gegen den Eislauf-Weltverband ISU erstmals Recht bekommen. Das Oberlandesgericht München nahm ihre Schadensersatzklage gegen die ISU wegen der Dopingsperre im Jahr 2009 an.

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Claudia Pechstein hat vom Oberlandesgericht München erstmals Recht bekommen.

Claudia Pechstein hat vom Oberlandesgericht München erstmals Recht bekommen.

Keystone

Das OLG erklärte die 2009 getroffene Schiedsvereinbarung Pechsteins mit der ISU für unwirksam und erkennt die vom Sportgerichtshof CAS einst bestätigte Dopingsperre nicht an. Dies ist ein historisches Urteil, da die Unantastbarkeit des CAS vehement angegriffen wird. Die ISU, für die viel auf dem Spiel steht, will in Revision gehen. Der Fall wird wohl im Herbst am Bundesgerichtshof verhandelt.

Der zuständige Richter wies darauf hin, dass die Neutralität des CAS grundlegend fraglich sei, weil Verbände gegenüber Sportlern bei der Bestellung von Richtern bevorzugt werden. Ausserdem widerspreche die Praxis, dass sich Athleten nur vor dem CAS wehren könnten, dem Kartellrecht. "Dieser Sieg ist mehr wert als alle meine Olympia-Medaillen zusammen", sagte Pechstein.

Geerbte Blutanomalie

Das Sportgericht in Lausanne war am 25. November 2009 einem ISU-Urteil gefolgt und hatte die zweijährige Sperre gegen Pechstein wegen schwankender Retikulozyten-Blutwerte ohne Doping-Beweis bestätigt. Die fünffache Olympiasiegerin hat Doping stets bestritten und führt eine geerbte Blutanomalie als Grund für ihre erhöhten Werte an, die bis in die heutige Zeit weiter registriert, aber nicht mehr bestraft werden. In dem Münchner Schadenersatzprozess hat Pechstein die ISU daher auf 4,4 Millionen Euro verklagt.

Sollte der Bundesgerichtshof ebenfalls entscheiden, dass die Klage angenommen wird, wird das Hauptverfahren an das OLG zurückverwiesen und wird der Fall neu aufgerollt. Dann wäre im Gegensatz zur Sportgerichtsbarkeit nicht die Athletin gefordert, sich zu verteidigen, sondern der Verband in der Pflicht, hinreichende Beweise für Doping zu liefern. Zudem hätte ein solcher Entscheid zur Folge, dass Sportler künftig ein Wahlrecht zwischen Sportgerichtsbarkeit und ordentlichen Gerichten hätten.

Die Chronologie im Fall Pechstein

03. Juli 2009: Die ISU sperrt Pechstein anhand von Indizien und ohne Dopingnachweis "wegen Blutdopings" rückwirkend vom 9. Februar 2009 für zwei Jahre. Die ISU hatte bei der Eisschnellläuferin "abnormal überhöhte" Retikulozytenwerte festgestellt.

21. Oktober: Pechstein erklärt, dass Mediziner bei ihr "deutliche Hinweise" auf eine Blutanomalie gefunden hätten.

25. November: Der CAS bestätigt in Lausanne das Urteil der ISU. Damit bleibt Claudia Pechstein für zwei Jahre bis zum 9. Februar gesperrt.

15. März 2010: Führende deutsche Hämatologen bescheinigen Pechstein eine genetisch bedingte Blutanomalie. Die hohen Retikulozyten-Werte bei Pechstein seinen auf eine erblich bedingte Störung (Sphärozytose) und nicht auf Doping zurückzuführen.

01. Oktober: Das Schweizer Bundesgericht in Lausanne weist Pechsteins Revisionsantrag gegen das CAS-Urteil ab. Die Sperre der Berlinerin läuft weiter bis zum 9. Februar 2011.

17. Februar 2011: Claudia Pechstein qualifiziert sich zehn Tage nach Ablauf ihrer Sperre beim Weltcup in Salt Lake City für die WM in Inzell und kehrt dort mit Bronze über 3000 m in die Weltspitze zurück.

15. November 2012: Pechstein feiert mit ihrem Erfolg über 3000 m im russischen Kolomna ihren ersten Weltcup-Erfolg seit 2008.

30. Dezember 2012: Claudia Pechstein reicht beim Landgericht München ihre Schadensersatzklage ein. Gegner Pechsteins sind der Eislauf-Weltverband ISU und die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG).

März 2013: Pechstein glänzt beim Test auf der Olympiabahn von Sotschi/Russland und gewinnt bei der Einzelstrecken-WM Bronze über 3000 und 5000 m.

Februar 2014: Bei ihren sechsten Olympischen Spielen in Sotschi wird Pechstein Vierte über 3000 und Fünfte über 5000 m. Am 26. Februar erklärt das Landgericht München die Athletenvereinbarung in ihrem Fall für unwirksam, gibt ihr aber im Hauptverfahren kein Recht.

November 2014: Das OLG in München deutet an, dass es Pechsteins Klage annehmen wird, da die Athletenvereinbarung ungültig sei und der CAS große strukturelle Defizite aufweise.

15. Januar 2015: Das OLG erkennt die Schadenersatzklage Pechsteins über 4,4 Millionen Euro gegen die ISU an. Die ISU ihrerseits erlärt, vor den Bundesgerichtshof (BGH) in Revision gehen zu wollen.

(SID)