Am 9. August 2014 war es besiegelt: das Karriereende des Philippe Montandon. Nach einem unglücklichen Zusammenprall mit Teamkollege Marco Mathys hatte der Captain des FC St. Gallen den frühzeitigen Abgang zu verdauen. Den Abgang in die Katakomben, ja gar in die Fussball-Pension. Die Ärzte diagnostizierten eine Hirnerschütterung, für Montandon die achte. Es sollte der letzte Eintrag in die Krankenakte werden, als aktiver Spitzensportler wohlgemerkt. Aufgegeben hat der heute 33-Jährige den Kampf gegen die unsichtbare Krankheit aber erst im letzten Januar, als er seinen definitiven Rücktritt mitteilte.

Heute, rund sieben Monate später, treffen wir Philippe Montandon in einem schmucken Café in der Peripherie der St. Galler Altstadt. Ein Praktikum ist das, was im Moment seinen Alltag bestimmt. Montandon ist in einer Kommunikationsfirma tätig. Er scheint angekommen – in der Privatwirtschaft. Neben dem im August endenden Praktikum hat er auch bei seinem ehemaligen Arbeitgeber ein eineinhalbjähriges Volontariat aufgenommen. Montandon bekleidet seit diesem Sommer die Funktion des Team-Managers beim FC St. Gallen.

Herr Montandon, wie gestaltet sich der Aufgabenbereich eines Team-Managers?
Philippe Montandon: Ich plane alles rund um das Spiel. Vom Hotel übers Essen bis hin zu Spielerlisten. Für ausländische Spieler besorge ich Arbeitsbewilligungen und schliesse Versicherungen ab.

Also haben Sie den Kontakt zum Team nie verloren?
Nach meinem Rücktritt im Januar habe ich mich von der Mannschaft erstmals distanziert. Diesen Abstand habe ich gebraucht. Wenn man so lange im Geschäft war, kann man nicht einfach von heute auf morgen die Seite wechseln. Das wäre schwierig geworden. Es hätte sogar noch länger als sechs Monate dauern können.

Hatten Sie Zeit, Ihre Karriere sauber abzuschliessen?
Nein.

Hat Ihnen das nie gefehlt?
Doch, das fehlt mir heute noch. Aber der Schritt für einen Fussballer in den Arbeitsalltag ist nicht einfach. Und es wird noch schwieriger, wenn man ihn hinauszögert. Deshalb ging es lückenlos weiter.

Hilft die Reputation eines Fussballspielers für den Einstieg?
Vielleicht geht dadurch eine Tür auf. Man muss sich vergegenwärtigen, dass man als aktiver Fussballer weg ist von der Privatwirtschaft. Ich bin jetzt 33-jährig. Andere in meinem Alter haben einen Rucksack voller Erfahrungen. Ich aber startete als Praktikant. Ich serviere nicht gerade Kaffee, aber auch ich habe meine «Ämtli». Dies zu akzeptieren, war schwierig. Man konsumiert als Fussballer. Alles wird dir auf dem Silbertablett serviert. Doch nach der Karriere muss man wieder selber funktionieren.

Haderten Sie damit, dass Ihre Karriere durch eine Krankheit sozusagen fremdbestimmt beendet wurde?
Klar hätte ich gerne noch zwei, drei Jahre weitergespielt. Aber manchmal gibt es Dinge im Leben, für jene man dankbar sein sollte. Gedankenspiele im Konjunktiv ziehen einen mental nur in den Keller.

Man diagnostizierte bei Ihnen acht Mal eine Gehirnerschütterung. Würden Sie rückblickend etwas anders machen, beispielsweise in der Regenerationsphase?
Schwierig zu sagen. Als ich mit 16 Jahren erstmals eine Gehirnerschütterung erlitten habe, stand ich nach zwei, drei Tagen schon wieder auf dem Platz. Wenn man an der Schwelle zum Profisport steht, kann man sich keine Pause leisten. Mit dem im Alter angereicherten Wissen würde ich das heute nicht mehr so machen. Nur kann man nicht sagen, dass es dann anders gekommen wäre.

Wie muss man das verstehen?
Es ist nicht unbedingt die Anzahl an Gehirnerschütterungen, die zu meinem Rücktritt führte. Vielmehr waren es die drei Diagnosen, welche schlicht in einem zu kurzen Zeitraum von 15 Monaten gestellt wurden. Dies, obwohl ich mir die benötigte Rehabilitierungszeit stets genommen habe.

Verspürten Sie als Captain die Erwartung, möglichst schnell wieder auf dem Platz zu stehen?
Nein, nie. Die Situation war der Mannschaft bekannt und ich wusste mich auch als Rekonvaleszenter einzubringen. Gerade im Amt des Captains sollte man nicht blauäugig agieren — das gilt auch für den Bereich der Regeneration.

Wie schwierig war es, an einer Krankheit zu leiden, die man nicht von blossem Auge sieht?
Ein kaputtes Knie wäre manchmal einfacher gewesen. Da weiss man, dass man in sechs Monaten wieder auf dem Platz steht. Das Problem ist, dass eine Hirnerschütterung nicht messbar ist. Deshalb besteht die Schwierigkeit darin, zu entscheiden, wie weit man in welchem Stadium gehen kann.

Haben Sie heute noch mit Folgeerscheinungen im Alltag zu kämpfen?
Ich verspüre vermehrt Kopfschmerzen. Vielleicht ist das aber auch auf meinen Job zurückzuführen, denn ich bin es mir nicht gewohnt, neun Stunden am Tag vor dem Computer zu verbringen. Zudem habe ich seit Januar nicht mehr richtig Sport getrieben, da mir bereits in der Tennis-Stunde übel wurde. Sonst im Alltag spüre ich aber glücklicherweise nichts.

Während des Interviews trudelt plötzlich St. Gallens Mittelfeldspieler Dejan Janjatović im Café ein. Bei ihm steht einzig das Nachmittagstraining auf dem Tagesprogramm. Eine Begegnung, die die Diskrepanz zwischen dem Alltag eines Fussballers und eines Praktikanten besser nicht untermauern könnte. Denn Montandon ist bereits wieder auf dem Weg ins Büro. Ohne Kopfschmerzen.