Am Dienstag überrascht Stan Wawrinka seine Anhänger in der Ankunftshalle des Zürcher Hauptbahnhofs als Gegenspieler in einem virtuellen Tennisspiel und lässt damit Träume in Erfüllung gehen. Darauf angesprochen, wie es um sein linkes Knie stehe, das ihn bei der Startniederlage in Wimbledon Anfang Juli behindert hatte, greift er zu einer Notlüge. «Ich arbeite daran, wieder auf 100 Prozent zu kommen und bin nahe dran», sagt der Romand.

So verkündet Wawrinka sein Saisonende via Facebook

Am Tag darauf gibt er seinen Verzicht auf die beiden Masters-1000-Turniere in Montreal von kommender Woche und Cincinnati im Anschluss bekannt. «Ich treffe diese Entscheidung, um auf der sicheren Seite zu sein», begründet der US-Open-Titelverteidiger seinen Schritt. Er und sein Team würden alles daransetzen, dass er sich möglichst schnell erhole. Doch diese Hoffnungen zerschlagen sich.

Wawrinka ist enttäuscht

Gestern gibt Wawrinka bekannt, dass er sich einer Operation unterzieht und seine Saison beendet. Zur Art und Schwere der Verletzung macht er keine Angaben. «Stan will keine Details kommunzieren», sagt Mediensprecherin Fabienne Benoit.

Der Eingriff sei «die einzige Möglichkeit, dass ich in Zukunft viele weitere Jahre auf Top-Level werde spielen können». Er sei extrem enttäuscht, schaue aber bereits wieder nach vorne. «Ich liebe diesen Sport und werde hart dafür arbeiten, wieder auf mein bestes Niveau zu kommen.» Die Probleme mit dem Knie begleiten ihn seit Monaten.

 Im Februar verzichtet er auf eine Teilnahme in Rotterdam, im Mai holt er in Genf trotz Beschwerden den Titel. Als Folge des schwindenden Vertrauens in den Körper und von Fehlbelastungen leidet er in Paris unter Rückenbeschwerden. Dennoch erreicht er dort den Final.

Schmerzen als Aphrodisiakum

Er müsse lernen, die Schmerzen zu akzeptieren und damit umzugehen, sagt Stan Wawrinka. Erst vor wenigen Tagen hat er eindrücklich beschrieben, wie er das Spiel mit den Grenzen als Aphrodisiakum auf dem Weg zu Höchstleistungen versteht. Vor dem Final bei den US Open 2016 ist er so nervös und angespannt, dass er in der Kabine weinen muss. Um Herr über seine Emotionen zu werden, habe er seinen Körper damals derart stark gefordert, bis der Schmerz seine Gedanken beherrschte.

Doch nun sehen er und seine Betreuer keinen anderen Ausweg mehr als einen operativen Eingriff. Wawrinka folgt damit auch dem Beispiel von Roger Federer, der im letzten Jahr ebenfalls nach der Hälfte der Saison die Notbremse gezogen hatte. Der Baselbieter gewinnt nach seiner Rückkehr fünf der sieben Turniere, die er bestreitet, darunter mit den Australian Open das erste. Wohl inspiriert von diesem Weg zieht wegen anhaltender Beschwerden am Ellenbogen nach Wimbledon auch Novak Djokovic (30) früh einen Schlussstrich.

Daran, dass Stan Wawrinka Ähnliches wie Federer gelingt, bestehen Zweifel. Selber bemüht er gerne den Vergleich mit einer Lokomotive, weil er Zeit und Spiele brauche, um Vertrauen zu gewinnen und «um die Maschine in Gang zu bringen». In der Weltrangliste dürfte er bis Ende Jahr wohl knapp aus den Top Ten fallen. Hart trifft die Absage das Turnier in Montreal. Neben Djokovic fehlen auch Andy Murray (30), den Rafael Nadal (31) im Fall einer Halbfinal-Qualifikation als Nummer eins der Welt ablöst, und Wimbledon-Finalist Marin Cilic (28). Wawrinka schliesst seine Hiobsbotschaft mit den Worten: «Ich werde euch alle im Jahr 2018 wiedersehen.»