Die Zeiten der persönlichen Gespräche im stillen Zimmer sind vorbei. Die Frühlingsmüdigkeit, dieser lästige Anflug einer Depression, wird beim FC Bayern München in diesem Jahr in der Öffentlichkeit therapiert. Die Spieler siegen und Pep Guardiola kritisiert sie trotzdem.

Das ist neu. In seiner dritten und letzten Saison als Trainer beim deutschen Rekordmeister setzt Pep Guardiola auf öffentliche Konfrontation. Der Spanier muss die Champions League gewinnen. Sonst ist der 45-Jährige gescheitert, wie er selbst sagt. Die Zeit des Schönredens ist vorbei. Selbst nach einem 3:0-Sieg sagt er: «Es tut mir leid für unsere Fans. Sie kommen, um 90 Minuten Vollgas zu sehen.» Bloss weg mit der gefürchteten Lethargie.

«Es tut mir leid für unsere Fans. Sie kommen, um 90 Minuten Vollgas zu sehen.»

Pep Guardiola nach dem 3:0-Sieg gegen Schalke 04:

«Es tut mir leid für unsere Fans. Sie kommen, um 90 Minuten Vollgas zu sehen.»

Der dritte Meistertitel im dritten Jahr unter Guardiola ist Formsache. In der Bundesliga hat der FC Bayern München unter dem Spanier eine Dominanz entwickelt, wie es sie wohl nie gab. Doch genau dieser Verdienst ist der grösste Feind. «Als der Meistertitel feststand, waren wir mit dem Kopf nicht mehr da», sagt der Trainer rückblickend. Genau in jener Phase also, in der es in der Champions League um den Titel geht. Zweimal scheiterte Bayern mit Guardiola im Halbfinal – an Real Madrid und an Barcelona.

Dann war die lästige Frühlingsmüdigkeit jeweils zu spüren. Guardiola versuchte, in persönlichen Gesprächen dagegenzuwirken. Ohne Erfolg. Das belegt die Statistik. 12 seiner 17 Pflichtspielniederlagen erlitt der Trainer mit Bayern in den Monaten März (2), April (6) und Mai (4). Fast alle Niederlagen erfolgten, als der deutsche Meistertitel bereits feststand. Den Schlendrian konnte Guardiola seinen Spielern nicht austreiben. «Nach dem Titelgewinn haben wir jeweils nachgelassen», sagt Xabi Alonso.

Ganz anders die Gegner

Der Meistertitel im Vorbeigehen wurde das Handicap der Bayern. In der Bundesliga spielte das Team im Energiesparmodus. Nur gelang es dann in der Champions League nicht, die Leistung wieder zu erhöhen. 2013/2014 stand der Titel der Bayern bereits nach 27 Spieltagen fest und somit fast einen Monat vor dem Halbfinal in der Königsklasse. In der vergangenen Saison war es am 30. Spieltag so weit – gut zwei Wochen vor dem Halbfinal.

Gelingt es Bayern München, den Schalter für die Champions-League umzulegen?

Gelingt es Bayern München, den Schalter für die Champions-League umzulegen?

Ganz anders die Gegner. Sowohl Real Madrid 2014 als auch Barcelona 2015 steckten mitten in einer spannenden Meisterschaftsentscheidung, als sie in der Champions League die Münchner eliminierten. Die spanischen Teams waren in Hochform – hungrig und bereit.

Mit Atlético Madrid fordert heute ein drittes Team aus Spanien die Bayern in der Champions League heraus, auf das genau dies zutrifft. Nur diesmal soll es anders werden. Noch ist Bayern nicht Meister. Der Vorsprung auf Verfolger Borussia Dortmund ist aber komfortabel. Bereits am Wochenende steht der erneute Titel der Bayern wohl rechnerisch fest.

Doch damit seine Spieler überhaupt nicht erst auf die Idee kommen, erneut eine Frühlingsmüdigkeit zu entwickeln, schützt Guardiola seine Spieler nicht mehr vor der Öffentlichkeit und nimmt sie in die Pflicht: «Es geht um die Körpersprache und um Laufen und Laufen und Laufen.» Vielleicht, hofft Guardiola, gelingt ja der Öffentlichkeit, was ihm misslang: das Austreiben der Frühlingsmüdigkeit.