Als Juan Del Campo am Samstag in Zuoz im Restaurant Pizzet seinen Renndress auszieht und den perfekt austrainierten Oberkörper entblösst, können sich drei junge Bündnerinnen am Nebentisch ein verlegenes Kichern nicht verkneifen. Juan, der Schöne, neckt Teamkollege Joaquim Salarich (22), der im Slalom 25. wird. Es ist die Mittagspause zwischen den beiden Qualifikationsläufen für den WM-Slalom vom Sonntag im 20 Kilometer entfernten St. Moritz. Del Campo, 22-jährig, liegt auf dem sechsten Zwischenrang.

Auf dem kleinen Fernseher im rustikalen Chalet läuft die Übertragung des ersten Laufs des WM-Slaloms der Frauen. Für das spanische Team gibt es Pasta und Eistee. Auf einer Bank daneben liegt Ivica Kostelic, 26-facher Weltcupsieger und vor 14 Jahren in St. Moritz noch Weltmeister im Slalom.

Der Männer-Slalom in Bildern: 

Nach 14 Knieoperationen ist er längst nicht mehr konkurrenzfähig. Statt mit Hirscher und Kristoffersen misst er sich nun mit Fahrern aus Kirgisistan, Haiti, Mexiko oder Albanien. Aber nicht für alle ist die «WM der kleinen Nationen», wie es der Ski-Weltverband FIS euphemistisch nennt, eine Spassveranstaltung.

Die Grossen der Kleinen

Jene Fahrer, die sich unter den ersten 6 platzieren, werden am Abend in St. Moritz vor der Medaillenvergabe der Frauen auf der Medal Plaza geehrt. Sie gehören weder der Weltspitze an, noch sind sie Exoten. Sie sitzen fest zwischen Stuhl und Bank.

Zwischen Zuoz und St. Moritz. Zwischen Provinz und Protz. Sie sind die Grossen der Kleinen. Auch Del Campo ist in dieser Zwischenwelt. Sie so schnell wie möglich zu verlassen, ist das Ziel, das er verbissen verfolgt. «In einer Welt voller Hunde sei er ein verdammter Wolf», schreibt er unter ein Bild, das er aus den Alpen in den Orbit der sozialen Medien befördert.

Obwohl er nach geschaffter Qualifikation im Riesenslalom am Donnerstag vor 10 000 Zuschauern im Herzen von St. Moritz geehrt wird, hängen die Mundwinkel beim Spanier weit nach unten. «Mein Gesicht sagt alles, oder?» Das Rennen habe er in den letzten 15 Toren verloren, darum sei er jetzt nur Vierter. Vierter des Qualifikations-Rennens und damit für das WM-Rennen qualifiziert. Zwei Tage später gelingt ihm das mit Platz 13 auch im Slalom.

Während die haitianische Spasskanone Jean-Pierre Roy (53), dreifacher Grossvater und mindestens 20 Kilogramm über dem Idealgewicht, kein Mikrofon und keine Kamera auslässt, packt Del Campo seine Sachen und flüchtet aus Zuoz.

Als Spanier mag er nicht aus einem klassischen Wintersportland sein, aber als Exot sieht er sich nicht. Er hat Träume, die wenig mit der Provinz in Zuoz zu tun haben. Dreimal ist er im Weltcup gestartet, Punkte gab es bisher noch nie. Vor einem Monat aber sorgt Del Campo für Aufsehen.

In Kitzbühel verpasst er den zweiten Lauf als 33. nur um 19 Hundertstelsekunden. Seit Luiz Fernando Ochoa 1986 hat kein Spanier mehr Weltcup-Punkte geholt. «Ich bin glücklich, aber nicht zufrieden. Denn seien wir ehrlich, ein 33. Rang ist nichts wert», sagt Del Campo. Seine Ziele sind andere. Grössere. Die Olympischen Spiele in Pyeonchang zum Beispiel. «Ich gehe dorthin, um zu gewinnen. Alle sagen, ich sei ein Verrückter, mein Ziel unrealistisch. Aber das ist es, was ich will.»

Als er es sagt, verzieht Del Campo keine Miene. Auch, dass er mit Ivica Kostelic (37) in Zuoz den Weltmeister von 2003 hinter sich gelassen hat, ringt ihm nicht mehr als ein Achselzucken ab: «Es ist schön, aber nicht das erste Mal.» Er weiss, dass Kostelic ein Relikt ist und kein Gradmesser auf dem Weg nach oben. Ein Weg, der für Del Campo vor 19 Jahren in Bilbao beginnt. Als Dreijähriger steht er erstmals auf den Ski. Fortan fährt er jedes Wochenende in das 400 Kilometer entfernte Baqueira-Beret, ein Skigebiet in den Pyrenäen.

Seit zwei Jahren lebt Del Campo in Saas-Fee. Hier hat die Real Federación Española Deportes de Invierno, der spanische Wintersportverband, im Berghoff-Hotel auf 1800 Metern Höhe eine Casa España eingerichtet. Von Juli bis September trainiert Del Campo mit drei Teamkollegen und vier Betreuern unter der Leitung des Italieners Corrado Momo.

Hier wird die Saison vorbereitet, ehe es zum Training nach Argentinien und Chile auf den Gletscher geht. «Dafür, dass sie das akzeptiert, verdient meine Freundin Conchita ein Denkmal», sagt Del Campo.

Seinen zweiten Lauf verbremst Del Campo, qualifiziert sich als 13. aber sicher für den WM-Slalom. Trotzdem schleicht er geknickt aus dem Zielraum, während die Besten honoriert werden. Einer von ihnen ist der Belgier Dries van den Broecke. Der 21-Jährige steht sowohl am Donnerstag als auch am Samstag in St. Moritz auf der Medal Plaza.

Der Belgier Dries van den Broecke konnte Marcel Hirscher im Teamevent besiegen: «Unglaublich! Seite an Seite mit dem Besten zu fahren, verlieh mir Flügel. Ich fuhr Ski wie er, wie ein Weltmeister.»

Der Belgier Dries van den Broecke konnte Marcel Hirscher im Teamevent besiegen: «Unglaublich! Seite an Seite mit dem Besten zu fahren, verlieh mir Flügel. Ich fuhr Ski wie er, wie ein Weltmeister.»

Wie Del Campo sitzt auch er zwischen Stuhl und Bank. Seit seinem Debüt im Weltcup vor vier Jahren kämpft er um den Anschluss. Bei FIS-Rennen steht er ab und zu auf dem Podest, doch selbst im Europacup hat Van den Broecke noch nie punkten können.

Trotzdem rückt er in St. Moritz für einen kurzen Moment in den Fokus, als er im Teamwettbewerb Marcel Hirscher, dem besten Skifahrer der Gegenwart, als Erster überhaupt eine Niederlage in einem WM-Parallelrennen zufügt. «Unglaublich! Seite an Seite mit dem Besten zu fahren, verlieh mir Flügel. Ich fuhr Ski wie er, wie ein Weltmeister», sagt die Nummer 311 der Slalom-Weltrangliste. «Jetzt weiss ich, dass ich es schaffen kann. Wenn ich noch schneller werde, schlage ich Marcel jedes Mal.» Marcel Hirscher wird im Slalom zum sechsten Mal Weltmeister.

In Österreichs Talentschmiede

Während Hirscher potente Sponsoren und ein Heer von Betreuern um sich weiss, muss der Belgier jeden Rappen einzeln umdrehen. «Es ist schwierig, aber wir haben ein gutes Team und ich hoffe, mein Erfolg hier gegen Hirscher hilft uns.» Seit einem Jahr gehört er dem «Beast» an, dem Belgian Alpine Ski Team. Das Akronym ist bewusst so gewählt, es steht für die Ambitionen, die auch Van den Broecke hegt. «Ich bin eine Rennsau.»

Seine Ausbildung geniesst er am Skigymnasium in Stams, der Talentschmiede des österreichischen Wintersports. Benjamin Raich ging hier zur Schule, Stephan Eberharter oder Daniel Albrecht. Aber sie alle hatten einen mächtigen Verband im Rücken. «Klar, das weckt Neid. Meine ehemaligen Mitschüler waren irgendwann einfach weg – aufgestiegen in das Tiroler Förderprogramm oder jenes des Verbandes.»

Trotzdem kann er vor der Saison einen Teil der Vorbereitung in Chile und Argentinien bestreiten. Dort, wo auch die Weltbesten den Grundstein für den europäischen Winter legen. Mit Raphael Burtin und Thomas Frey gehören zwei ehemalige französische Weltcup-Fahrer dem Trainerteam an. Eigentlich würde er sich lieber mit Beat Feuz messen und Speedrennen bestreiten, «aber ohne Training geht in den schnellen Disziplinen nichts und wir können uns diese nicht leisten».

Darum konzentriert er sich wie die meisten in der Zwischenwelt auf die technischen Disziplinen. Die Qualifikation für den WM-Slalom schaffen Del Campo und Van den Broecke klar. Beide scheiden sie am Tag darauf in St. Moritz aus. Geknickt und wortlos schleichen sie aus dem Zielgelände Salastrains. Wieder einmal fallen die beiden zwischen Stuhl und Bank.