Australian Open
Wawrinka und das Testosteron: Hitzige Diskussionen im Viertelfinal

Daneben ruhig und besonnen, ist Wawrinka auf dem Platz oft bissig und aufbrausend. In der Viertelfinalpartie gerieten der Romand und Jo-Wilfried Tsonga aneinander. Es ist nicht das erste Mal.

Simon Häring
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Wawrinka und Tsonga gerieten im Viertelfinal aneinander – nach dem Match zeigten sie sich aber versöhnlich.

Wawrinka und Tsonga gerieten im Viertelfinal aneinander – nach dem Match zeigten sie sich aber versöhnlich.

Keystone

Sie ist spürbar, sichtbar und zum Ende des ersten Satzes sogar hörbar, die Anspannung, die im Viertelfinal zwischen Stan Wawrinka und Jo-Wilfried Tsonga in der Luft liegt. Nachdem der Romand zum fünften Mal in Folge einen Satz im Tiebreak für sich entschieden hatte, kommt es beim Seitenwechsel zum verbalen Disput zwischen den beiden.

Offenbar hatten sich beide an provokativen Blicken des anderen gestört. Ein Gemurmel des Franzosen, das dieser als Selbstgespräch bezeichnet, bringt das Fass zum Überlaufen. «Was hast du gerade gesagt?», stellt ihn Wawrinka zur Rede und fragt zurück: «Habe ich auch nur ein einziges Mal zu dir geschaut?»

Tsonga, der später erzählt, seine Schweizer Freundin Noura El Shwekh, mit der er im April das erste Kind erwartet, sei im Spital und er deswegen mit dem Kopf nicht bei der Sache gewesen, bejaht. «Beruhige dich, es ist nur ein Tennisspiel. Du machst dein Ding, ich meins», sagt Wawrinka.

Später, als der 7:6, 6:4, 6:4-Sieg und sein achter Vorstoss in einen Grand-Slam-Halbfinal feststeht, wollen beide keine grossen Worte zum Zwischenfall verlieren. «Manchmal geht das Testosteron mit uns durch», sagt Tsonga. «Wir waren beide angespannt und wollten nicht verlieren», sagt Wawrinka. «Es ist nicht das erste Mal, dass ich einen Disput mit einem anderen Spieler habe.»

Nicht erster Disput mit Tsonga

Es ist auch nicht das erste Mal, dass zwischen Tsonga, der in Gingins im Kanton Waadt in der Nähe Wawrinkas wohnt, und Wawrinka die Fetzen fliegen. Nachdem Wawrinka vor drei Jahren in Melbourne hatte gewinnen können, sagte Tsonga, dass er einen Grand-Slam-Sieg mehr verdient hätte. Schliesslich gehöre er länger zu den Weltbesten und sei näher dran gewesen als Wawrinka.

Dieser hat inzwischen drei Major-Turniere gewonnen hat, während Tsongas Final-Teilnahme bei den Australian Open vor neun Jahren den einsamen Höhepunkt in einer mit 12 Turniersiegen respektablen, aber ungekrönten Karriere darstellt.

Monate später nutzt Wawrinka den Schweizer Sieg im Davis-Cup-Final auf französischem Boden für eine kleine verbale Retourkutsche. Damals hatte er im Siegestaumel, und wohl auch etwas beschwipst, die Franzosen mit unbedachten Äusserungen provoziert.

So sagt er vor den Medien: «Ich glaube, sie haben den Champagner in die Kabine der Franzosen gestellt, mussten diesen dann aber uns Schweizern bringen.»

Am Abschlussdinner in der Handelskammer von Lille stellen die Franzosen Wawrinka auf der Toilette. Es kommt zu einer Aussprache, bei der vier Franzosen unter Wortführer Richard Gasquet dem Schweizer eine Entschuldigung abringen.

Wie danach Julien Benneteau der französischen Sportzeitung «L’Equipe» erzählt, habe es die Intervention von Gaël Monfils, einem engen Freund von Stan Wawrinka, gebraucht, um eine weitere Eskalation zu verhindern.

Wawrinka: «Nach dem Spiel ist alles vergessen.»

Wawrinka: «Nach dem Spiel ist alles vergessen.»

AP

Geht es nach Wawrinka, dürfte der jüngste Disput mit Tsonga bereits beigelegt sein. «Nach dem Spiel ist das alles vergessen. «Wir kennen uns schon lange und haben in den letzten Jahren auch oft miteinander trainiert. Ich sehe Jo auch in der Schweiz regelmässig. Wir verstehen uns wirklich gut», sagt Wawrinka, der von seinem bisher besten Match spricht.

Zwar habe er kleinere «Bobos», aber die habe ja jeder. «Das Tape am Bein sieht schlimmer aus, als es ist, und stört mich gar nicht.»

Das sind positive Vorzeichen für das 22. Duell mit Roger Federer, der 18 zu 3 Siege vorweisen kann und auch bei Grand-Slam-Turnieren 5 von 6 Duellen gewonnen hat, darunter auch das bisher einzige in einem Halbfinal, 2015 bei den US Open.

«Roger hat mich ‹gekillt›», erinnert sich Wawrinka, «Er war viel besser als ich. Es ist schön, dass er nun wieder auf höchstem Niveau spielt. Das wird sicher ein interessantes Spiel.»

Obwohl Federers Frau Mirka Wawrinka in der Woche vor besagtem Davis-Cup-Final in den Halbfinals der World Tour Finals in der berüchtigten «Crybaby»-Affäre als «Heulsuse» bezeichnet haben soll, scheint es unwahrscheinlich, dass es am Donnerstag im Schweizer Halbfinal bei den Australian Open zu ähnlichen Szenen kommt.

Zu gross ist der gegenseitige Respekt der beiden, die 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking Doppel-Gold geholt hatten.

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