Am Ende geht es ganz schnell. Stan Wawrinka (32) bezwingt den Kroaten Marin Cilic (28) mit 6:3, 6:3, 6:1 und steht zum dritten Mal in Folge im Halbfinal der French Open, zum ersten Mal, ohne einen Satz abgegeben zu haben.

«Es läuft perfekt», sagt der Romand, der wie schon im Vorjahr auf Andy Murray (30), die Nummer eins der Welt, trifft. Auch damals kam er mit der Referenz eines Turniersiegs in Genf. Doch diesmal spiele er besser. Zwar ist Wawrinka der älteste Halbfinalist, «aber im Geiste fühle ich mich noch sehr jung und frisch».

Wie Andre Agassi und Serena Williams im Jahr 2003?

Vier Jahre jünger als er ist Timea Bacsinszky, die heute, am Tag ihres Halbfinals, ihren 28. Geburtstag feiert. Wie Jelena Ostapenko, die 20 wird. Es ist ein bisschen wie vor zwei Jahren, als Wawrinka aus Saint-Barthélemy und Bacsinszky aus Belmont-sur-Lausanne bereits einmal
parallel in den Paris-Halbfinals standen.

Wieder wird die Waadt zum Nabel der Tenniswelt. 2015 gewinnt Wawrinka, Bacsinszky muss sich der Amerikanerin Serena Williams beugen. Sie und Andre Agassi sind 2003 in Melbourne auch die letzten Einzel-Grand-Slam-Sieger aus dem gleichen Land. Ein Kunststück, das nun die beiden Vaudois wiederholen könnten.

Wawrinkas Erfolg gegen Cilic in Bildern.

Einen passenderen Schauplatz als Paris könnte es für dieses Szenario nicht geben. Ohne die French Open gäbe es die zweite Karriere der Timea Bacsinszky nicht. 2013 arbeitet sie als Praktikantin in einem Fünfsternhotel in Villars-sur-Ollon und bereitet sich auf die Hotelfachschule in Genf vor.

Mit dem Spitzensport hat die einst Hochbegabte abgeschlossen, bis sie eine E-Mail der French-Open-Organisatoren erreicht. Sie meldet sich von der Arbeit ab, fährt alleine nach Paris. Sie verliert in der Qualifikation, aber sie gewinnt die Freude am Tennis zurück. Heute bewegt sie sich auch mit dem Anspruch in dieser Blase, andere zu inspirieren.

Später Vorstoss an die Weltspitze

Inspirierend, und hier kommt er ins Spiel, ist auch Stan Wawrinkas Weg. Als Junior gehört er selbst in der Schweiz nicht zu den Besten. Wawrinka ist 15, als er das Elternhaus verlässt, um mit Dimitri Zavialoff, einem Freund der Familie und dem heutigen Trainer von Timea Bacsinszky, im spanischen Castelldefels, einem Küstenort in der Nähe Barcelonas, seine Karriere aufzubauen.

Er spricht nicht viel, aber auf dem Platz arbeitet er härter als die meisten. 2003 gewinnt er bei den French Open das Turnier der Junioren, aber erst mit knapp 29 Jahren und dem Sieg bei den Australian Open stösst er in die absolute Weltspitze vor.

Die Bilder zum Sieg Bacsinszkys über Mladenovic.

Bei Bacsinszky ist es anders. 2002 und 2003 gewinnt sie in Frankreich zwei Mal das renommierte Junioren-Turnier «Les Petits As». Das gelingt vor und nach ihr nur Martina Hingis, die Spielerin, nach der Bacsinszkys Vater die Tochter modelliert und ihre Kindheit zur Hölle macht. Mit 18 Jahren gehört Bacsinszky zu den 100 Weltbesten, mit 20 Jahren gewinnt sie in Luxemburg ihr erstes Turnier.

Doch sie lebt ein Leben, das nicht sie gewählt hat, sondern ihr Vater. Irgendwann holen sie diese Dämonen ein. Einmal, in ihrer dunkelsten Zeit, wo das Tennis für sie nur noch eine Fessel ist, wacht sie am Morgen nach durchzechter Nacht auf, daneben ihr Hund. Sie sagt sich: Wenn ich nicht einmal auf mich aufpassen kann, wie soll ich dann auf ihn aufpassen?

Es ist ein Weckruf. Mithilfe einer Psychologin arbeitet sie ihre Kindheit auf. Auf der Suche nach dem eigenen Limit arbeitet sie als Tennisspielerin härter denn je. Sie spricht vom Privileg, das tun zu dürfen, was sie am meisten liebe.

Wawrinka als Quelle der Inspiration 

Vom Privileg, in den schönsten Städten der Welt und auf den grössten Plätzen zu spielen. Timea Bacsinszky, und das ist der Kern ihrer Geschichte, die in den letzten Jahren so viele Menschen bewegt hat, wählt das Tennis erst in ihrem zweiten Leben.

Bacsinszkys Freude nach gewonnenem Viertelfinal ist Grenzenlos.

Bacsinszkys Freude nach gewonnenem Viertelfinal ist Grenzenlos.

Danach gefragt, wessen Weg aus dem Trio Martina Hingis, Roger Federer und Stan Wawrinka sie am meisten fasziniere, nennt sie den Romand. «Für mich ist er eine Quelle der Inspiration, mehr als alle anderen. Stan hat eine Gabe, die man nur selten antrifft: Noch nie habe ich jemanden erlebt, der so hart arbeitet.»

Er sei hingefallen und immer wieder aufgestanden. Er habe gerudert und gekämpft, sagt auch Fitnesstrainer Pierre Paganini. Wawrinkas Weg sei steinig gewesen.

Trainer und Paris als zwei gemeinsame Nenner

An dessen Ursprung steht Bacsinszkys Trainer, Dimitri Zavialoff. Dass sie, Timea Bacsinszky, ihre Erfolge mit dem Mann feiert, der ihn, Stan Wawrinka, gross gemacht hat, ist wohl eine Laune des Schicksals. Der Franzose ist so etwas wie der gemeinsame Nenner der beiden Romands: Bacsinszky, die Extrovertierte hier, Wawrinka, der Introvertierte dort.

So verschieden sie sind, so unterschiedlich ihre Biografien, so inspirierend sind ihre Wege zum zweiten gemeinsamen Nenner: der magischen Verbundenheit zu Paris. Nun könnten sie beide die French Open gewinnen. Es wäre die Krönung des Waadtländer Tennismärchens.