French Open

Wawrinka, das Unikum: Der Schweizer steht nach einem Fünfsatz-Krimi gegen Andy Murray im Final

Stan Wawrinka steht zum zweiten Mal nach 2015 im Final des French Open. Der 32-jährige Waadtländer setzte sich in 4:34 Stunden 6:7 (6:8), 6:3, 5:7, 7:6 (7:3), 6:1 gegen den Schotten Andy Murray durch.

Bei den French Open sorgt Stan Wawrinka mit einem 6:7 (6:8), 6:3, 5:7, 7:6 (7:3), 6:1-Erfolg in 4:34 Stunden gegen den Schotten Andy Murray (30) in den Halbfinals der French Open für eine weitere Sternstunde im Schweizer Tennis. Für ihn ist es erst der vierte Sieg gegen eine Nummer eins der Welt, und er ist mit 32 Jahren und 75 Tagen in Paris der älteste Finalist seit Niki Pilic 1983. «Zwar gehöre ich zu den Älteren», sagt er, «aber ich fühle mich immer noch sehr jung und frisch. Ich gehöre erst seit ein paar Jahren zu den Weltbesten. Darum ist für mich alles noch relativ neu und aufregend.» Wawrinka steht zum vierten Mal in einem Grand-Slam-Final, alle bisherigen hat er gewonnen, immer gegen die Nummer eins der Welt.

Als er im Januar 2014 die Australian Open gewinnt, ist er fast 29 Jahre alt. «Bei mir hat alles etwas länger gedauert», sagt er einmal. Seine Erfolge sind hart erarbeitet, manchmal sogar im Schmerz geboren. «Wer zu den Besten gehören will», sagt er, «der muss das Leiden fast schon geniessen.» Nach den US Open 2016 gibt er einen ungewohnt tiefen Einblick in sein Innenleben: «Ich zitterte am ganzen Körper. Ich wollte mich übergeben. Fünf Minuten vor dem Final musste ich weinen.»

Es ist eine Erfahrung, die ihn noch stärker macht. «Du musst den Schmerz akzeptieren», sagt Wawrinka. «Manchmal schmerzen die Beine, manchmal schmerzt das Knie. Manchmal willst du aufgeben. Dann musst du dich antreiben, körperlich, aber auch mental. Du musst den Druck und die Schmerzen akzeptieren», sagt er in dieser Woche nach seinem Sieg gegen seinen Freund, den Franzosen Gaël Monfils.

Das versteckte Talent

Im letzten Viertel seiner Laufbahn als Sportler dreht sich mehr denn je alles um die Frage, wie er sich noch verbessern kann. Selbst in den Ferien, sagt Wawrinka, gebe es kaum einen Tag, an dem er sich keine Gedanken dazu mache. Zweifel sind dabei sein ständiger Begleiter. «Nur deswegen bin ich so weit gekommen. Sie bringen mich dazu, immer noch mehr zu arbeiten, sie sind Teil meiner Persönlichkeit», sagt er im Frühling zum Tennismagazin «Smash».

Timea Bacsinszky, wie er aus Lausanne, sagt in Paris: «Stan ist für mich eine Quelle der Inspiration, mehr als alle anderen. Er hat eine Gabe, die man nur selten antrifft: Noch nie habe ich jemanden erlebt, der so hart arbeitet.» Arbeitsethos, Leidenschaft, aber auch Talent, als das er sich selber nie sieht, sind die Ingredienzien seines Erfolgs.

Dreimal im Final und dreimal der Sieger:

Seit der Jahrtausendwende erlebt das Männer-Tennis ein goldenes Zeitalter. Die 68 Turniere auf sechs Kontinenten ziehen jährlich fünf Millionen Zuschauer in die Stadien. Eine Milliarde verfolgt die Spiele am Fernsehen. Alleine bei den Grand-Slam-Turnieren, bei denen der internationale Tennisverband ITF als Ausrichter firmiert, werden inzwischen 130 Millionen Dollar Preisgeld ausgeschüttet. Das Männer-Tennis ist ein Geldesel. Wesentliche Treiber dieser Entwicklung sind vier Athleten, die den Sport seit über einer Dekade dominieren: Roger Federer, Rafael Nadal, Novak Djokovic und Andy Murray, die «Big Four», die grossen vier.

Seit 2006 haben sie 40 der 45 Grand-Slam-Turniere gewonnen, auch bei Veranstaltungen der höchsten ATP-Stufe, den Masters-Turnieren, haben sie der Konkurrenz nicht viel mehr als die Brosamen überlassen. In Zeiten wie diesen ist es schwierig, auf sich aufmerksam zu machen. Gelungen ist das nur einem: Wawrinka.

Auch in diesem Jahr zeigt der Romand das, was ihn zum Unikum macht. Bei den Australian Open steht er in den Halbfinals. In Monte Carlo, Madrid und Rom gelingt ihm nur ein Sieg. Nicht weniger als 100 Titel totalisieren Novak Djokovic, Roger Federer, Rafael Nadal und Andy Murray bei Masters-Turnieren auf sich. Wawrinka kommt auf dieser Stufe auf nur einen Erfolg: 2014, als er in Monte Carlo im Final Roger Federer bezwingt.

Bald die Nummer zwei?

Obwohl er seit seinem grossen Durchbruch in jedem Jahr und mit den Australian Open, den French Open und den US Open auch auf drei verschiedenen Unterlagen ein Grand-Slam-Turnier gewonnen hat, und damit nach Djokovic in dieser Zeitspanne der Erfolgreichste ist, wehrt Wawrinka den Vergleich mit den grossen vier ab. «Sie haben in den letzten zehn Jahren alles gewonnen, was man gewinnen kann. Es wäre ihnen gegenüber nicht fair, mich zu ihnen zu zählen», sagt der Romand. «Es stimmt, dass ich als Junior nicht so viel Talent hatte und deshalb härter arbeiten musste. Ich war der Typ, den man übersieht», sagt er einmal. In Anbetracht seiner Erfolge der letzten Jahre fast schon eine Koketterie.

Wawrinka hat gelernt, sich im Rampenlicht zu bewegen. Gleichwohl zelebriert er den Rückzug in sein Inneres. Ist er in der Schweiz, sagt er vor einem Jahr, verlässt er kaum die eigenen vier Wände. Stattdessen kocht er und geniesst die Ruhe. «Das Tennis», sagt Wawrinka vor drei Jahren, «hat mir geholfen. Früher habe ich mich von der Welt abgekapselt.» Mit dem Triumph beim Australien Open in Melbourne 2014 ändert sich alles: «Es hat ein neues Leben begonnen.» Jenes als Sieger. «Wenn man gewinnt, macht das etwas süchtig. Es ist wie eine Droge.»

Eine Droge, an der sich Wawrinka immer mehr berauscht. Gewinnt er am Sonntag im Final gegen Rafael Nadal die French Open zum zweiten Mal, ist er erstmals die Nummer zwei der Welt. Und auf Augenhöhe mit den grossen vier? «Ich bin ich», sagt Wawrinka, das Unikum.

Lesen Sie im Liveticker von Anes Filan nach, wie Stan Wawrinka sich in den French-Open-Final gekämpft hat: 

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