Ständig muss die Balance zwischen Nähe und Distanz neu verhandelt werden. Respekt, Vertrauen und Offenheit sind unabdingbare Erfolgsfaktoren. Doch im Kern basiert die Beziehung auf einem Paradoxon: Der Trainer ist der Chef, aber auch der Angestellte.

Magnus Norman (40), seit vier Jahren der Trainer von Stan Wawrinka (32), beschreibt das einmal so: «Er bezahlt mein Gehalt, ich bin sein Chef.»

Das ist eine Rollenverteilung, die Tücken birgt. Oft bestehen nur lose Abmachungen über die Zusammenarbeit. Wer Angst um seinen Job hat, tendiert in kritischen Momenten dazu, der Harmonie wegen nicht immer die ungeschminkte Wahrheit zu sagen.

Magnus scheut die öffentliche Kritik nicht

Ein fataler Fehler, sagt Patrick Mouratoglou (46), der Trainer von Serena Williams. «Der Spieler spürt deine Angst und spielt das gegen dich aus», sagt er zu «Le Matin».

Heute würden die Spieler dazu tendieren, ihre Trainer schneller zu tauschen, sagt Toni Nadal (56), der seinen Neffen Rafael Nadal (30) begleitet, seit er vier Jahre alt ist. Es sei ein gesellschaftliches Phänomen, Kritik nicht anzunehmen und die Fehler bei anderen zu suchen.

Anders als viele seiner Kollegen scheut Magnus Norman, der 2016 als bester Trainer der Profi-Tour ausgezeichnet wurde, nicht davor zurück, seinen Schützling auch in der Öffentlichkeit zu kritisieren.

Seit vier Jahren arbeiten Wawrinka und Norman akribisch zusammen.

Seit vier Jahren arbeiten Wawrinka und Norman akribisch zusammen.

Er beruft sich dabei auf das erste Gespräch, das er mit Wawrinka geführt hat. «Er hat mich gleich aufgefordert, immer ehrlich zu ihm zu sein, auch wenn das manchmal schmerzhaft sein könne», erinnert sich Norman.

Vor einem Jahr verliess er demonstrativ die Box, als der Titelverteidiger in der Startrunde mit 1:2 Sätzen hinten lag. Wawrinka habe sich nicht gut verhalten. Als er das registriert habe, sei er aufgewacht, erinnert sich Norman. Viele hätten das nicht toleriert. Wawrinka schon.

Norman bewegt sich dabei auf einem weitaus weniger schmalen Grat als seine Kollegen. Er war einst die Nummer zwei der Welt und verdiente in seiner Karriere als Spieler 4,5 Millionen Dollar. Er ist verheiratet, hat Zwillingstöchter und ist in Schweden stark verwurzelt.

Ein Misserfolg als Glücksfall

Dass er überhaupt Trainer von Wawrinka wurde, ist auch dem Umstand geschuldet, dass ihm die Krönung in Form eines Grand-Slam-Titels verwehrt blieb: 2000 verlor er im Final der French Open gegen den Brasilianer Gustavo Kuerten. «So blieb ich hungrig», sagte Norman einmal.

Moment des Triumphs: Wawrinka und Norman nach dem French-Open-Titel 2015.

Moment des Triumphs: Wawrinka und Norman nach dem French-Open-Titel 2015.

Er verbringt im Schnitt 20 Wochen des Jahres mit Stan Wawrinka. Natürlich seien Spannungen dabei unvermeidlich. Aber sie würden offene und auch harte Diskussionen führen. Sollte das einmal nicht mehr möglich sein, mache es keinen Sinn mehr.

Doch der Romand, über den sein Fitnesstrainer Pierre Paganini einmal gesagt hat, dass er durch harte Arbeit zum Künstler wurde, weiss, was er Norman zu verdanken hat: «Stan sagt immer: ‹Du bist der Boss.›» Geheimnisse gebe es zwischen ihnen längst keine mehr.

Arbeiten statt träumen

Möglicherweise ist es aber auch die Tatsache, dass Norman finanziell nicht auf das Engagement angewiesen ist, die die Beziehung in einem gesunden Gleichgewicht behält.

Er betreibt in Schweden mit Mikael Tillström und Nicklas Kulti, zwei anderen ehemaligen schwedischen Spitzenspielern, in der Nähe von Stockholm eine Tennis-Akademie. Sie trägt den Namen «Good to Great Tennis Academy». Darin spiegelt sich Normans Philosophie wieder: «Es gibt Leute, die Träumen vom Erfolg; andere arbeiten für ihn.»

Stan Wawrinka hat dieses Credo verinnerlicht. Er ist jener Spieler, der die Arbeit immer als Grundlage seines Schaffens betrachtet hat. «Das ist auch für dich, Magnus», sagte er vor zwei Jahren nach seinem Erfolg in Paris. Zu seinem Erfolgstrainer, dem Angestellten, der auch sein Chef ist.