Tennis

Wawrinka-Coach Magnus Norman: «Das ist ein kleines Wunder»

Coach Magnus Norman (links) diskutiert mit seinem Schützling Stan Wawrinka.

Stan Wawrinka stürmt am French Open in Paris in die dritte Runde. Trainer Magnus Norman ist überzeugt, dass er wieder ein Grand-Slam-Turnier gewinnen kann.

Stan Wawrinka sagte nach seinem Sieg in der zweiten Runde, das sei sein bestes Spiel seit seiner Rückkehr gewesen. Einverstanden?

Magnus Norman: Zu hundert Prozent. Stan spielt derzeit mit viel Intensität, bewegt sich gut, ist explosiv in den Beinen und zeigt bei seinen Schlägen kein Zögern. Vor allem aber hat er sich im Vergleich zu den letzten Wochen und auch zwischen dem ersten und dem zweiten Spiel hier in Paris bereits stark verbessert. Die Energie, die er auf den Platz bringt, ist beeindruckend.

Als Aussenstehender hat man den Eindruck, Wawrinkas Körpersprache sei hier eine ganz andere. Teilen Sie diese Sichtweise?

Absolut. Man spürt, wie motiviert und glücklich Stan ist, wieder hier spielen zu können. Er fühlt den Ball gut, und ist in einer guten Position, um hier ein grosses Resultat abzuliefern. Für Stan ist das hier auch schon die Bestätigung für die harte Arbeit, die er nach seiner schweren Verletzung geleistet hat. Er steht richtig unter Strom.

Wawrinka fühlte sich von Ihnen im Stich gelassen, als sie die Zusammenarbeit im Herbst 2018 beendeten, als er verletzt war.

Ich verstehe seine Frustration und dass er das Gefühl hatte, dass ich ihn in einem schlechten Moment verlassen habe. Ich habe mich damals vor allem wegen einer meiner Zwillingstöchter zurückgezogen. Sie hatte grosse Mühe damit, dass ich ständig unterwegs war. Sie begann, sich nicht mehr von mir zu verabschieden, wenn ich verreiste. Es war eine extrem belastende Situation für mich, in der ich mich für meine Kinder entscheiden musste.

Ihre Tochter ist aber auch der Grund, wieso Sie nun wieder als Trainer von Wawrinka arbeiten.

Richtig. Nach ein paar Monaten begann meine Tochter Estelle zu fragen, wie es Stan gehe und warum sie ihn nicht mehr sehe. Als ich ihr sagte, dass er Schmerzen im Knie hat, sagte sie zu mir: Aber hey, Papa, du musst Stan helfen, er braucht dich jetzt.

Mussten Sie aussprechen, bevor Sie mit der Arbeit beginnen konnten?

Ich hatte meine Zweifel und ich habe mich schon gefragt, wie die Chemie zwischen uns sein würde. Aber es fühlte sich schnell wieder so an, als hätten wir einfach eine kurze Pause gehabt.

2018 in Marseille dachte Wawrinka an den Rücktritt. Wie haben Sie das von aussen erlebt?

Das war ja in der Zeit, in der wir nicht zusammengearbeitet haben, aber ich habe genau verfolgt, was er macht. Für mich war es sehr hart, ihn so zu sehen, mit den Schmerzen, die er hatte. Wir haben nie darüber gesprochen, es ist für uns Vergangenheit. Heute ist es so, dass ich Stan manchmal daran erinnern muss, woher er kommt. Er hatte eine so schwere Verletzung. Dass er wieder auf diesem Level spielt, ist ein kleines Wunder. Das haben mir auch die Ärzte und die Physiotherapeuten gesagt, die ihn behandelt haben. Manchmal sage ich zu ihm: Hey, Stan, klopf dir selber mal auf die Schulter für das, was du bereits erreicht hast. Es war höllisch viel Arbeit, überhaupt zurückzukommen. Versuche, das alles zu geniessen und glücklich zu sein, dass du dieses Leben führen kannst, das ist nicht selbstverständlich.

Wie haben Sie ihn erlebt, als sie vor einem Jahr wieder begannen, miteinander zu arbeiten?

Stan war damals in einer schwierigen Situation, aus der aber unbedingt raus wollte. Er wusste, dass uns viel Arbeit bevorstehen würde und dass er Geduld braucht, um wieder aus diesem Loch zu kommen. Stan ist eine sehr reife und intelligente Persönlichkeit und hat seine Situation realistisch eingeschätzt.

Stan Wawrinka mit Magnus Norman nach seinem French-Open-Triumph 2015.

Stan Wawrinka mit Magnus Norman nach seinem French-Open-Triumph 2015.

Wie hat sich Ihre Zusammenarbeit im Vergleich zu früher verändert?

Gar nicht. Ausser, dass ich viel weniger reise. Ich musst nicht dauernd dabei sein, Stan hat ein gutes Team um sich. Yannick (Co-Trainer Fattebert, Anm. d. Red.) macht einen super Job. Ich war zum Beispiel nicht in Madrid und Rom.

Vor Paris scheiterte er in Rom und in Genf zwei Mal in der ersten Runde. Woran liegt das?

Ich kann es mir auch nicht erklären, denn in Madrid spielte Stan gut und auch in den Wochen zuvor.

Frustriert Sie das als Trainer, wenn er solche Schwächephasen einzieht?

Natürlich. Wir sprechen oft darüber und suchen Lösungen. Stan hinterlässt manchmal den Eindruck, dass es ihm egal ist, wenn er verliert. Aber oft ist das Gegenteil der Fall, nämlich dass er sich zu sehr unter Druck setzt. Dass er hohe Erwartungen an sich hat, auf den Platz geht und dann läuft es nicht so, wie er sich das vorgestellt hat. Er wird frustriert und es wirkt dann so, als hätte er keine Lust. Stan muss seine Balance finden und sich immer nur auf den nächsten Punkt konzentrieren. Wenn er klar ist im Kopf, dann ist er ein ganz anderer Spieler, das wissen wir.

Wie können Sie daran arbeiten?

Das ist sehr schwierig. Als Athlet musst du 365 Tage im Jahr deine Leistung bringen, um es an die Weltspitze zu schaffen, und davor auch schon als Junior. Das ist fast unmöglich. Sehen Sie, was Federer, Nadal und Djokovic tun, ist nicht normal. Ihre Konstanz ist phänomenal. Wir sprechen zwar sehr oft darüber, was Stan helfen könnte, noch konstanter zu werden. Aber das wird immer eine Herausforderung bleiben. Denn Stan ist, wie er ist: Ein Spieler, der mehr Höhen und Tiefen kennt.

Bei den Australian Open sagten Sie, für Sie sei er immer noch in seinem Comeback. Welche Entwicklungen sehen Sie seither?

Stan spielte schon Ende des letzten Jahres sehr viel besser. Es hat ihm sicher nicht geschadet, dass er die letzte Saison schon im Herbst beendet hat. Stan hatte dadurch für alles mehr Zeit: Er ging früher in die Ferien, konnte auch früher mit der Saisonvorbereitung beginnen. So eine lange Vorbereitung hat er schon lange nicht mehr machen können. In den letzten Jahren war er ja jeweils am Masters in London dabei. Einmal bestritt er noch den Davis-Cup-Final. Erholung und Vorbereitung kamen hingegen zu kurz. Von Zeit zu Zeit tut es jedem Spieler gut, eine etwas längere Pause zu machen.

Wie nahe dran ist Wawrinka bereits wieder an den Top Ten dran?

Wir reden nie über das Ranking. Meine Aufgabe besteht darin, ihn so gut wie möglich auf die Turniere vorzubereiten. Wir denken langfristig. Wenn es hier nicht gut läuft, dann vielleicht bei den US Open. Wovon ich überzeugt bin, ist, dass er Ende Saison sehr viel besser klassiert sein wird als jetzt. Ich sehe ja, wie sehr er sich reinhängt. Darum wäre ich überrascht, wenn es nicht so wäre. Wir wissen alle, wozu er fähig ist. Sonst hätte er nicht drei Grand-Slam-Turniere gewonnen und wäre die Nummer drei der Welt geworden.

Glauben Sie also , dass Wawrinka noch einmal ein Grand-Slam-Turnier gewinnen kann?

Absolut. Es ist nicht so, dass wir konkret darüber reden, sondern eher über sein Level. Aber er ist es jetzt wieder gewohnt, Matches zu spielen. In Australien war es so, dass er am Tag danach noch sehr müde war und noch Schmerzen hatte. Jetzt ist er viel entspannter und es kostet ihn nicht mehr so viel Energie, wenn er Matches spielt. Das ist ein grosser Unterschied. Stan ist nun klarer im Kopf, bewegt sich noch besser. Und er schlägt sehr viel härter auf - mit 5 bis 10 Kilometern in der Stunde mehr. Das ist eine sehr gute Entwicklung. Was er nun braucht, sind Siege wie hier, damit er auch gegen die Besten an sich glaubt. Die Energie und Intensität, die er derzeit auf den Platz bringt, stimmen mich sehr positiv.

Was erwarten Sie vom nächsten Gegner, Grigor Dimitrov?

Das wird eine schwierige Aufgabe. Er spielt mit viel Variation, serviert stark und spielte schon viel Tennis in dieser Woche. Andererseits könnte er auch müde sein, wenn es lange geht. Die beiden verstehen sich ja auch privat gut, das ist auch nicht immer einfach.

Wawrinka ist jetzt 34 Jahre alt. Was denken Sie, wie lange wird er noch Tennis spielen?

Über sein Alter sprechen wir nie. Stan hat mit seiner Operation beinahe ein Jahr verloren. Was für mich zählt, ist, dass er sich gut bewegt, gesund und motiviert ist und sich auf und neben dem Platz professionell verhält. Ich sehe keine Anzeichen, dass er bald schon genug vom Tennis haben könnte.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1