Erdogan-Affäre
Was Merkel, Zwanziger und Co. zum Özil-Rücktritt sagen – jetzt reagiert der Verband

Einen Tag nach der Rücktrittserklärung des deutschen Fussball-Weltmeisters Mesut Özil kochen die Emotionen hoch. Nach dem Sommermärchen von 2006 hat der Deutsche Fussball-Bund sein Sommertheater 2018 – und ein Ende ist nicht in Sicht.

Merken
Drucken
Teilen
Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger äussert sich zum Özil-Rücktritt (Archivbild).

Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger äussert sich zum Özil-Rücktritt (Archivbild).

Keystone/STEFFEN SCHMIDT

Nach der Rücktrittserklärung von Mesut Özil hat Bayern-Boss Uli Hoeness bereits scharf geschossen, nun hat sich auch Theo Zwanziger, der ehemalige DFB-Päsident und einer der Vorgänger des ebenfalls stark in der Kritik stehenden Reinhard Grindel, geäussert. Zwanziger sagt über die jüngste Entwicklung: «Ich bin tief traurig über die von Mesut Özil getroffene Entscheidung.» Und weiter: «Der Rücktritt von Mesut Özil ist für die Integrationsbemühungen in unserem Land über den Fussball hinaus ein schwerer Rückschlag. Er war ein grosses Vorbild für junge Spielerinnen und Spieler mit türkischem Migrationshintergrund, sich auch in die Leistungsstrukturen des deutschen Fussballs einzufinden.»

Der 73-Jährige sieht Versäumnisse beim DFB und mahnt: «Durch Fehler in der Kommunikation ist etwas passiert, das bei Migranten nie passieren darf: Sie dürfen sich nie als Deutsche zweiter Klasse fühlen. Wenn dieser Eindruck entsteht, muss man gegensteuern.» Wie sehr nun die Migrations-Debatte hochkocht, hat auch Kanzlerin Angela Merkel bemerkt. Sie hat sich nun über ihre Sprecherin Ulrike Demmer zu der Angelegenheit geäussert – und findet lobende Worte für Özil. «Die Bundeskanzlerin schätzt Mesut Özil sehr. Mesut Özil ist ein toller Fussballspieler, der viel für die Fussball-Nationalmannschaft geleistet hat», lässt Merkel ausrichten. Özil habe jetzt eine Entscheidung getroffen, «die zu respektieren ist».

Der Sport trage viel zur Integration in Deutschland bei, so die Sprecherin weiter. «Deutschland ist ein weltoffenes Land und die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund ist eine Schlüsselaufgabe der Bundesregierung.»

Bereits am Sonntagabend hat sich die deutsche Justizministerin Katarina Barley besorgt über die Entwicklung in der Causa Özil gezeigt. Auf Twitter schrieb sie:

Cem Özdemir, der Abgeordnete der Grünen, sagte der Berliner Zeitung: «Es ist fatal, wenn junge Deutschtürken jetzt den Eindruck bekommen, sie hätten keinen Platz in der deutschen Nationalelf. Leistung gibt es nur in Vielfalt, nicht in Einfalt.» Allerdings hält Özdemir daran fest, dass Özils Foto mit Erdogan kein guter Entscheid des Fussballers gewesen sei: «Für mich war das Foto falsch und es ist nach wie vor falsch.»
Nicht nur Özil steht allerdings im Mittelpunkt des Sommertheaters. Auch der aktuelle DFB-Präsident Reinhard Grindel bekommt sein Fett weg. Der ehemalige Pressechef des DFB, Harald Stenger, sagte im ARD-Morgenmagazin: «Ich kenne die DFB-Präsidenten seit Jahren sehr gut und kann sagen: Reinhard Grindel ist der schlechteste Präsident in den letzten 50 Jahren.»

Bereits zuvor kritisierte der Ex-Pressechef Grindels Krisenmanagement. «Grindel hat dann den Fehler gemacht, dass er ständig das Pferd gewechselt hat», so Stenger gegenüber Sky. Erst habe er sich distanziert, dann habe er sich vor die Spieler gestellt, dann wiederum habe er eine Erklärung gefordert. «Es ist von Mesut Özil viel aufgearbeitet worden, was die politische Haltung von Grindel betrifft, welche Denke er hat. Und dann muss man ja auch mal fragen dürfen: Ist ein solcher Präsident, bei dem, was sich im DFB im letzten Jahrzehnt für Änderungen im politischen Denken ergeben haben, der Richtige?»

Stenger bezieht sich damit auf die Vergangenheit Grindels. Von 2002 bis 2016 sass er für die CDU im Bundestag. Er galt als Hardliner und sorgte 2004 etwa mit der Aussage für Aufsehen: «Multikulti ist in Wahrheit Kuddelmuddel.» (meg)

Reaktion des DFB im Wortlaut

«Erklärung des DFB zum Rücktritt von Mesut Özil


Das Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hat sich heute in einer Telefonkonferenz mit der Rücktrittserklärung von Mesut Özil befasst. 92-mal hat Mesut Özil für die deutsche Nationalmannschaft gespielt. Er hat eine erfolgreiche Ära mitgeprägt, auf und gerade auch neben dem Platz. Er hatte entscheidenden Anteil daran, dass Deutschland 2014 in Brasilien Weltmeister geworden ist. Deshalb ist und bleibt der DFB Mesut Özil für seine herausragenden Leistungen im Trikot der deutschen Nationalmannschaft sehr dankbar.


Vielfalt ist eine Stärke, nicht nur im Fußball. Deswegen hat unsere Integrationsarbeit auf allen Ebenen eine zentrale Bedeutung. Von der Kreisklasse bis in die Nationalmannschaft gehören Spielerinnen und Spieler mit Migrationshintergrund zum DFB. Wir spielen und leben zusammen mit unseren unterschiedlichen familiären Wurzeln, unseren Religionen und Kulturen. Was uns alle dabei auf und neben dem Platz verbinden muss, ist die Beachtung der im Grundgesetz verankerten Menschenrechte, das Eintreten für Meinungs- und Pressefreiheit sowie Respekt, Toleranz und Fair Play. Ein Bekenntnis zu diesen Grundwerten ist für jede Spielerin und für jeden Spieler erforderlich, die für Deutschland Fußball spielen.


Die Bilder mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan haben deshalb bei vielen Menschen in Deutschland Fragen aufgeworfen. Dass der DFB im Umgang mit dem Thema dazu auch einen Beitrag geleistet hat, räumen wir selbstkritisch ein. Und dass Mesut Özil das Gefühl hatte, als Ziel rassistischer Parolen gegen seine Person nicht ausreichend geschützt worden zu sein, wie es bei Jerome Boateng der Fall war, bedauern wir. Es war aber wichtig, dass Mesut Özil, wie vor ihm bereits Ilkay Gündogan, mit Blick auf dieses Foto Antworten gibt, unabhängig vom sportlichen Ausgang des Turniers in Russland. Im DFB gewinnen und verlieren wir zusammen, alle, als ein Team.


Der DFB hätte sich gefreut, wenn Mesut Özil auf dieser gemeinsamen Basis weiter Teil des Teams hätte sein wollen. Er hat sich anders entschieden. Der DFB respektiert das, und es gehört für uns als Verband auch zum respektvollen Umgang mit einem verdienten Nationalspieler, dass wir manche für uns in Ton und Inhalt nicht nachvollziehbare Aussage in der Öffentlichkeit unkommentiert lassen.


Dass der DFB mit Rassismus in Verbindung gebracht wird, weisen wir aber mit Blick auf seine Repräsentanten, Mitarbeiter, die Vereine, die Leistungen der Millionen Ehrenamtlichen an der Basis in aller Deutlichkeit zurück. Der DFB engagiert sich seit vielen Jahren in hohem Maße für die Integrationsarbeit in Deutschland. Er verleiht unter anderem den Integrationspreis, er hat die Kampagne 1:0 für ein Willkommen ins Leben gerufen und Zehntausende Flüchtlinge in die Fußballfamilie integriert. Er hat in den vergangenen 15 Jahren eine vielschichtige Integrationsarbeit etabliert, die bis in die Amateurvereine wirkt. Der DFB steht für Vielfalt, von den Vertretern an der Spitze bis zu den unzähligen, tagtäglich engagierten Menschen an der Basis.


Der DFB bedauert den Abschied von Mesut Özil aus der Nationalmannschaft. Das ändert aber nichts an der Entschlossenheit des Verbandes, die erfolgreiche Integrationsarbeit weiter konsequent und aus tiefer Überzeugung fortzusetzen.»