Der Auftakt geht schon mal gründlich in die Hosen. Erstens regnet es in Strömen und ich bin miserabel ausgerüstet. Und zweitens stosse ich bei meiner Suche nach dem ultimativen olympischen Zuschauererlebnis schnell an Grenzen. Ich stelle mich in die Warteschlange des gewöhnlichen Publikums, passiere die Sicherheitsschleuse. Als ich dann meine Akkreditierung als Eintrittsbillett zeige, heisst es: «Hier dürfen Sie nicht rein. Sie müssen einen anderen Eingang nehmen.»

Ich diskutiere, schliesslich habe ich so etwas wie einen All-Access-Pass. Der Ordner bleibt stur. Für mich bedeutet das einen Umweg von zirka einem Kilometer. Zeitverlust inklusive neuerlicher Kontrolle: 20 Minuten. Ich weiss schon jetzt, dass ich zu spät kommen werde zu meinem ersten Date. Wasserball. Ungarn - Japan.

9.25 Uhr. Wasserball. Maria Lenk Aquatics Center. Erbaut wurde die Arena 2007 für die Pan American Games. Es ist ein Open-Air-Stadion, welches mit den plötzlich grün gewordenen Wasserbecken für Schlagzeilen sorgte, und wirkt trotz seiner noch nicht einmal zehn Jahre auf dem Buckel schon ziemlich heruntergekommen. Die Arena ist halb leer, die Stimmung eher trist. Was auch daran liegt, dass Medaillenanwärter Ungarn mit den bedauernswerten Japanern kurzen Prozess macht. 17:7 steht es am Ende. Die kleine ungarische Fan-Kolonie freut sich. Nachdem ich von einer übereifrigen Ordnerin von einem reservierten Sitz auf der sonst menschenleeren Medientribüne verscheucht werde, mache ich mich schon wieder auf den Weg zum nächsten Schauplatz.

10.15 Uhr. Judo. Carioca-Arena 2: Als ich die mittlere der total drei Cariocahallen betrete, werde ich ausgebuht. Natürlich nicht ich persönlich. Aber es geht hoch zu und her auf den erstaunlich gut gefüllten Tribünen. Unten auf den Matten kämpfen die Judo-Schwergewichte (100 kg plus) gegeneinander. Eine grosse französische Fangruppe feuert ihren Liebling Teddy Riner lautstark an. Der macht dann auch mit seinem algerischen Kontrahenten kurzen Prozess. Hier ist Leben in der Bude! Noch mehr, als Lokalmatador Rafael Silva in die Halle schreitet. Ein kollektiver Jubelschrei erschüttert die Arena, als der Brasilianer, der später Bronze gewinnen wird, seinen russischen Gegner bodigt. Fussball-Atmosphäre beim Judo. Ich bin begeistert, wechsle aber den Standort.

11.30 Uhr. Handball. Future-Arena. Aussen wie innen ein tolles Stadion, in welchem das Handball-Turnier ausgetragen wird. Als ich ankomme, treffen die Schwedinnen auf Holland. Die Halle ist halb leer. Dank der farbigen Sitze wirkt sie allerdings voller, als sie eigentlich ist. Praktisch auch, dass viele der Sitze gelb und orange sind. Da kann man sie problemlos den beiden Fanlagern zurechnen. Die Stimmung ist trotz allem ausgezeichnet. Ein brasilianischer Hit wird gespielt, die einheimischen Zuschauer singen fröhlich mit. Bei mir meldet sich der Hunger. Ich suche nach einem Essensstand: Fehlanzeige. Kein Wunder, ist die Schlange vor dem Popcornverkäufer extrem lang. Ich entscheide mich für den bequemen Weg in die Media-Lounge. Dumm nur, dass es dort, wie so oft, ausser Chips und Nüssli nichts Essbares gibt – auch wenn die Menükarte das Gegenteil behauptet. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als die Arena bei Halbzeit zu verlassen. Schade, denn die Teams zeigten attraktiven Handball.

12.15 Uhr. Mittagspause. Sofort folgt die nächste Enttäuschung. Eine bekannte Fastfood-Kette, ansonsten ein sicherer Wert im kulinarischen Tohuwabohu der Olympischen Spiele, verkauft hier nur Glace. Also stelle ich mich bei einem der unzähligen Food-Stände beim grossen Zentralplatz des Olympia-Geländes an und ergattere endlich etwas Essbares. Inzwischen hat es aufgehört zu regnen. Ich setze mich an einen der vielen Tische und beobachte die Menschenmassen, die Ameisen gleich in die Stadien pilgern, geleitet von Guides, die mit Megafonen und überdimensionierten Zeigefingern versuchen, Ordnung ins Chaos zu bringen und die Leute an den richtigen Ort zu dirigieren. Gestärkt geht es für mich dann weiter auf der Olympia-Tour.

Cards: Die 106-köpfige Schweizer Delegation für Rio 2016 im Porträt

13.30 Uhr. Fechten. Carioca-Arena 3. Es läuft der Teamwettkampf im Florett. Während auf der zweiten Planche die Briten und Chinesen den fünften Rang fast unter sich ausfechten, sorgt das Duell der Hinterbänkler um Platz sieben zwischen Ägypten und Brasilien für Emotionen auf der Tribüne. Brasilien bleibt Brasilien. Da wird auf Teufel komm raus angefeuert, egal wie bescheiden die Ausgangslage ist. Als die Einheimischen ihren grossen Rückstand fast wettmachen, herrscht in der Halle Karnevalsatmosphäre. Nicht auszudenken, was hier los wäre, wenn es um Medaillen gehen würde ... Am Ende gewinnt Ägypten. Brasilien ist Letzter. Egal – die Leute sind gut unterhalten worden und applaudieren freundlich. Ich auch, dann ist es schon wieder Zeit für die nächste Sportart.

14.30 Uhr. Trampolin. Rio Olympic Arena. Es gibt Randsportarten. Und Randsportarten unter den Randsportarten. So wie Trampolin. Doch – da staunt der Laie – die Halle ist sehr gut gefüllt. Auch wenn es bei den Frauen erst um die Qualifikation geht. Kein Wunder. Es ist faszinierend, den durch die Luft wirbelnden Körpern zuzuschauen. Das Feuerwerk aus Drehungen, Schrauben, Salti und Überschlägen ist gleichermassen beeindruckend wie schwindelerregend. Und man lernt mal wieder etwas Neues: Die Note setzt sich aus den Faktoren «Schwierigkeit», «Ausführung» und «Flugzeit» zusammen. Je höher und länger man in der Luft ist, umso besser. Mit leichten Schwindelgefühlen wanke ich schliesslich aus der Arena und brauche etwas Meditatives. Was würde sich da besser eignen als Velofahrer, die auf der Bahn ihre Kreise drehen?

15.45 Uhr. Rad Bahn. Rio Olympic Velodrome. Von wegen Ruhe! Bevor die Radcracks mit ihren Wettkämpfen beginnen, heizen die «Rio 2016 Dancers» dem spärlichen Publikum in der wunderbaren Halle zu brasilianischem Sound ein. Danach lerne ich dank eines Quiz’, dass die Rad-Bahnbewerbe seit 1896 im olympischen Programm dabei sind. Aha. Die Rennen danach haben die erhoffte, beruhigende Wirkung. Der Teamsprint der Frauen ist kein Spektakel. Die doppelt knallende Startpistole nach einem Fehlstart weckt mich aus der Trance, in die ich aus Erschöpfung gefallen bin. Ein Blick auf die anderen Live-Resultate meldet eine spannende Affiche im Tennis-Stadion. Rafael Nadal muss gegen Lokalmatador Tomasz Bellucci in den dritten Satz. Das darf ich mir nicht entgehen lassen. Sorry, liebe Bahnrad-Frauen!

16.30 Uhr. Tennis. Olympic Tennis Arena. So fühlt es sich also an, wenn man in Brasilien im Davis-Cup antreten muss. Jeder Punkt von Tomasz Bellucci wird frenetisch gefeiert, jeder Fehler tönt wie eine vergebene Torchance im Fussball. Der Schiedsrichter gibt sich alle erdenkliche Mühe, das Publikum ruhig zu halten. Nadal lässt sich durch den akustischen Rummel nicht beirren, zieht sein Ding durch und gewinnt in drei Sätzen. Schade, ich hätte gerne gesehen, was hier abgegangen wäre, wenn Tomasz Bellucci gewonnen hätte. Am Ende gibt es trotzdem tosenden Applaus für die beiden Hauptdarsteller. Und ein «Ole, Ole, Ole Tomasz» für den Lokalmatador. Rafael Nadal verschenkt drei Tennisbälle, die er in hohem Bogen ins Publikum schlägt. Und alle haben sich wieder lieb. Schön. Nach diesem emotionalen Highlight macht sich die Müdigkeit langsam bemerkbar. Doch ich mache noch lange nicht schlapp. Nächster Halt: das nicht mehr ganz so traumhafte Dream-Team der USA.

18.30 Uhr. Basketball. Carioca-Arena 1: USA - Serbien. Eine schöne Affiche. Die grösste der drei Carioca-Hallen zittert im Takt der dröhnenden Bässe. Wenn das Dreamteam spielt, dann muss lauter Hip-Hop her, damit die NBA-Millionäre, die auf einem Kreuzfahrtschiff vor Rio logieren, auch so richtig schön warmlaufen. Die US-Boys liefern eine tolle Show ab, aber die Serben halten gut mit und sorgen so für eine unterhaltsame Partie, die bis ganz zum Schluss spannend bleibt. Apropos Show: die «Kiss-Cam» war gestern. Neu gibt es jetzt die «Muscle-Cam», bei welcher die Zuschauer ihren Bizeps zeigen sollen, die «Dance-Cam», bei welcher man möglichst verrückt tanzen sollte. Oder die «Flag-Cam», wo man ganz einfach eine Flagge zeigen soll. Das tue auch ich und mache mich nach dem Schlusspfiff eilig auf den Weg zurück zum Tennis. Dort sind noch unsere Schweizerinnen am Werk.

20.45 Uhr. Tennis. Court 2. Bacsinszky/ Hingis gegen Hlavackova/Hradecka. Ich komme ins Stadion, als die Tschechin Hlavackova gepflegt werden muss, nachdem sie von Martina Hingis’ Volley getroffen worden war. Mit mir auf der Tribüne schaffen die Schweizerinnen die nicht mehr für möglich gehaltene Wende und ziehen in den Doppel-Final ein. Der Jubel ist riesig. Und die Schweizer Delegation in Rio hat schon wieder eine Medaille auf sicher. So schlecht der Tag für mich begonnen hatte, so wunderbar geht er nach 22 Uhr zu Ende. Nach mehr als 13 Stunden Sport schauen.

Was bleibt? Blasen an den Füssen von den vielen Kilometern, die ich an diesem Tag absolviert habe. Ärger über Ordner, die sich streng an die Regeln halten, auch wenn diese noch so unsinnig sind. Unglaublich viele Eindrücke aus der abwechslungsreichen Welt der olympischen Sportarten. Besonders aus jenen, welche sich ausserhalb des Fokus bewegen. Und schliesslich die Begeisterungsfähigkeit der Brasilianerinnen und Brasilianer, wenn ihre Athleten am Werk sind. Denn letztlich steht und fällt das Erlebnis nicht nur mit den Leistungen der Athleten, sondern auch mit der Atmosphäre auf den Tribünen.

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Grafik: Elia Diehl

Cartodb: Olympische Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro

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