Euro-Qualifikation

Was die Schweizer Nationalmannschaft im Wembley zu verlieren hat

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Die Aussichten auf eine EM-Teilnahme sind bei Halbzeit mies. Vor dem zweiten Teil der Ausscheidung propagiert die Schweizer Nati den Neuanfang.

Am Montag ist der Satz erstmals zu hören gewesen. «Wir haben nichts zu verlieren», hat der neue Captain Gökhan Inler erklärt. Wer wollte, konnte am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag problemlos dieselbe Aussage auch bei anderen Spielern abrufen. Gestern Morgen nun hat Innenverteidiger Philippe Senderos das Wort ergriffen: «Wir haben nichts zu verlieren.» Und eine halbe Stunde später hat dann auch Coach Ottmar Hitzfeld nachgedoppelt: «Wir haben nichts zu verlieren. Nur England hat etwas zu verlieren.»

Wirklich? Das Gegenteil ist der Fall. Die Schweizer haben eine ganze Menge zu verlieren. Nicht in erster Linie deshalb, weil sie sich mit einer Niederlage heute Abend möglicherweise definitiv von den EM-2012-Träumen verabschieden müssen. Mit einem solchen Szenario musste man sich ja bereits seit einiger Zeit auseinandersetzen.

Ein Zeichen gesetzt

Nein, von fast noch grösserer Bedeutung ist, ob das zarte Pflänzchen «Neuanfang» gedeihen kann oder bereits bei seiner ersten Bewährungsprobe zertreten wird. Es wäre denkbar schlecht, würde die «neue» Schweizer Mannschaft im Wembley mit einem mutlosen und uninspirierten Auftritt dort anschliessen, wo sie zuletzt in Bulgarien aufgehört hat. «Mit der Nomination von U21-Spielern habe ich ein Zeichen gesetzt, will ich eine Aufbruchstimmung erzeugen», hat der Coach gestern gesagt. Er wird wohl seine Absichten heute mit der Nomination des 19-jährigen Basler Aufbauers Granit Xhaka bekräftigen.

9000 Schweizer werden die Nati im ausverkauften Wembley unterstützen. So viele in einem Auswärtsspiel, wie seit der legendären Völkerwanderung zur WM 2006 nicht mehr. Dass die Wiederwahl des in England so ungeliebten Fifa-Präsidenten Sepp Blatter im englischen Team für einen Motivationsschub im Spiel gegen die Schweiz sorgen könnte, hält Hitzfeld für abwegig. Und erklärt englischen Journalisten: «Ich bin sehr stolz darauf, dass einer aus unserer Nation Fifa-Präsident ist.»

Neues System

Nach den Rücktritten von Alex Frei und Marco Streller hat sich Hitzfeld entschieden, das Spielsystem umzustellen. Er denkt, dass sein Team in einer 4-2-3-1-Formation die besseren Chancen hat, den Wunsch nach einer Steigerung im spielerischen Bereich zu erfüllen. «Auch in der Champions League ist die Tendenz zu diesem System erkennbar», sagt Hitzfeld. Um zu relativieren: «Ein System ist zwar wichtig, entscheidend aber ist die Leistung der Spieler auf dem Platz und die Überzeugung, mit der sie ins Spiel gehen.»

Auch Hitzfeld hat im Verlauf dieser Vorbereitungswoche eine «neue Begeisterung» beobachtet, räumt jedoch sogleich ein, dass diese auch mit dem Gegner und der legendären Spielstätte zu tun hat. «Es ist aber für jeden eine besondere Herausforderung, den Engländern einen grossen Fight zu liefern.» Er erwartet, dass seine Spieler den Umbruch nützen, um sich zu präsentieren, sich zu pushen und eine neue Hierarchie wachsen lassen.

Noch nie hat die Schweiz in 101 Jahren in England gewonnen. Vielleicht schafft sie es, diesen Fluch zu bannen wie vor einem Jahr jenen mit den Spaniern. «Es ist unsere Chance, dass niemand damit rechnet, dass mit der Schweiz zu rechnen ist», sagt Hitzfeld.

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