Gschobe #4

Warum zum Stadion ein Shopping Center gehört

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 45 und 48, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule. Pius, Qualitätsmanager, Appenzell. David, Lehrer, Speicher AR. Tobias, Consultant, Zürich. Flavio, Sozialarbeiter, Kirchberg SG. François, Journalist, Windisch.

François: Können wir mit Flavio überhaupt noch rechnen?

David: Nein. Ich glaube, der hat eine Prüfung.

François: Und unser neuer Star-Barista?

David: Pius? Der kommt heute nicht. Er ist bei den Rolling Stones.

Tobias: Was soll man davon halten? Ich sags euch: Alter macht weiss, nicht weise.

François: Meinst du Pius oder die Stones.

Tobias: Beide.

David: Warum? Ist doch cool, wenn die alten Kerle noch rocken.

Tobias: Finde ich nicht. Alter ist ein trauriger Reisebegleiter.

François: Übrigens, wie alt ist der Jagger?

Tobias: Mitte 70.

François: Ah, da hat er ja etwas mit unserem SC Herisau gemeinsam.

David: Stimmt. Aber nicht nur das. Früher waren beide besser in Form.

François: Oh ja. Wisst ihr noch? 22. März 1997.

Jesse Bélanger im Dress des SC Herisau

Jesse Bélanger im Dress des SC Herisau

David: Das ganze Dorf auf den Beinen. 5000 Zuschauer im Sportzentrum, wir kletterten auf die Eisputzmaschine, damit wir etwas sahen. In jeder anderen Situation hätte uns Eismeister Kellenberger lebenslanges Hausverbot erteilt. Aber an diesem Abend lag ein Zauber über unserem Dorf. Journalisten aus der ganzen Schweiz und das Fernsehen vor Ort. Für einmal standen wir im Fokus. Herrlich wars. Und dann schicken wir die noblen Grasshoppers mit einer Niederlage nach Hause.

Tobias: Aber nach dem Aufstieg in die Nati A war es vorbei mit der Herrlichkeit.

François: Nicht ganz. Erinnert ihr euch an Jesse Bélanger.

Tobias: Wie soll man den vergessen! Ein Stanley-Cup-Gewinner. Ein NHL-Superstar bei uns in Herisau. Als würde Ibrahimovic in St. Gallen kicken. Ich war damals total aus dem Häuschen. Seine Technik, sein Schuss, sein Spielverständnis, seine läuferischen Fähigkeiten – wo andere Hockey arbeiten, zelebriert er Kunst.

François: Aber leider nur fünf Spiele lang. Bélanger kam wahrscheinlich ziemlich schnell zum Schluss, dass er als Künstler in diesem Dorf und in diesem Klub ein ziemlich einsames Leben führen wird.

David: Leider, leider. Aber weisst du noch, als ich dich zum Interview mit Bélanger begleitete?
François: Wie soll ich das vergessen! Mein erstes Treffen als junger Journalist mit einem Star aus der NHL. Eine unfassbar aufregende Sache.

David: Und im Nachhinein ernüchternd.

Tobias: Helft mir auf die Sprünge, ich erinnere mich nicht mehr an das Interview.

François: Von den USA ins Appenzellerland. Von Vancouver nach Herisau. Von der Rogers Arena ins Sportzentrum. Von der NHL in die Nati A. Ich dachte, der Mann muss unter einem veritablen Kulturschock leiden. Darauf wollte ich im Interview eingehen. Als ich ihn nach seinen ersten Eindrücken fragte und wissen wollte, was ihm hier fehle, sagte er nur: «Alles gut hier. Ich vermisse nur ein grosses Shopping Center, wie ich es aus Nordamerika kenne.» Und nach fünf Spielen war er wieder weg. Wahrscheinlich irgendwo, wo es ein grosses Shopping Center gibt.

Tobias: Immerhin hat man Bélangers Worte in Bern, in Basel und in St. Gallen ernst genommen und das Fussballstadion in einen Shopping-Center-Mantel gehüllt.

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François Schmid-Bechtel

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