Eines der schönsten Lieder von Züri West handelt vom Glück, das einen irgendwann findet. Als Kuno Lauener, begnadeter Sänger und passionierter YB-Fan, die Zeilen schrieb, da war der Berner Fussballklub noch gefangen in Melancholie und Hoffnung. 32 Jahre ohne Titel. Stets im Schatten des FC Basel. Nun sind diese Zeiten definitiv vorbei. Sie scheinen ewig zurückzuliegen.

Der Coup von Sportchef Spycher

Seit Samstagabend ist YB zum zweiten Mal hintereinander Schweizer Meister. Gekrönt ausgerechnet vom Rivalen aus Basel, der gegen GC nicht über ein 0:0 hinauskam. 22 Punkte Vorsprung sind bei sieben ausbleibenden FCB-Spielen genug. Das Glück ist also in Bern heimisch geworden. Wobei die Bezeichnung nur auf die emotionale Befindlichkeit zielt – und nicht auf die Art und Weise, wie der Titel der Berner zustande gekommen ist.

Man darf nüchtern festhalten: Wie YB die Herausforderungen im letzten Sommer bewältigt hat, war beeindruckend. Sportchef Christoph Spycher ist es gelungen, nach den überschwänglichen Meisternächten das Aufwachen mit einem Kater zu verhindern. Fast alle Leistungsträger blieben bei YB. Nur Trainer Adi Hütter zog weiter. Doch die Verpflichtung von Gerardo Seoane als Nachfolger war nichts weniger als ein Coup. Seoane hat die Arbeit von Hütter klug fortgeführt. Er wusste: Diese Mannschaft funktioniert, sie braucht keine radikal neuen Ideen. Trotzdem gelang es ihm, YB sanft zu entwickeln. Das Team hat im Vergleich zur Vorsaison eher noch einmal an Stilsicherheit zugelegt. Alle ersten neun Liga-Spiele gewann YB mit Seoane gleich – es war schon mehr als eine Vorentscheidung im Titelrennen. Später wurden die Berner auch noch zu den Königen der Nachspielzeit, siegten immer wieder in letzter Sekunde – auch das eine Qualität, die jahrelang den FCB auszeichnete.

YB wird vor dem TV Schweizer Meister

YB wird vor dem TV Schweizer Meister

Seit Samstagabend ist YB erneut Meister. Die Titelverteidigung gelang vor dem TV. Für die Mannschaft ist es der 13. Titel.

Der Blick auf die nächste Saison 

Seoane schaffte es im Sommer auch, YB erstmals in die Champions League zu führen. Dass die Resultate in der Königsklasse gegen Manchester United, Juventus und Valencia mehrheitlich enttäuschend ausfielen, ist – zusammen mit dem Cup-Aus im Viertelfinal – der kleine Schönheitsfehler in dieser Saison. Aber es ist offensichtlich: Die Rädchen im YB-Gebilde greifen. Und vielleicht war darum die bedeutendste Meldung dieses Jahres aus Berner Sicht die Vertragsverlängerung von Sportchef Spycher. Er widerstand der Versuchung, Nati-Teammanager zu werden. Und ist bereits daran, die nächsten Retuschen im Kader zu bewältigen. Mit Fabian Lustenberger ist ein Schlüsseltransfer bereits getätigt. Die Frage ist nun, ob es ihm noch einmal gelingt, den Kern des Teams beisammenzuhalten. Oder, falls es zu einigen Abgängen kommt, diese adäquat zu kompensieren. Zuzutrauen ist es ihm zweifellos.

Die Fehler der FCB-Führung

Bei allem Lob für YB, dass auch das Meisterrennen in der Saison 2018/19 komplett spannungsfrei blieb, liegt in erster Linie am FC Basel. Wie sich der ehemalige Ligakrösus wieder und wieder ins Verderben reitet, erzeugt gleichermassen Faszination und Mitleid. Die Führungscrew um Präsident Bernhard Burgener und Sportchef Marco Streller tappt weiterhin von einer Falle in die nächste. Aussicht auf Besserung? Fraglich.

In der Winterpause der Saison 2017/18 entschieden Burgener/Streller mit ihren Eingriffen ins funktionierende FCB-Team die Meisterschaft. Ein halbes Jahr später wiesen sie YB erneut den Weg zum Glück. Sie verpassten es, ihre Gedanken auch in Taten umzusetzen, wollten Trainer Raphael Wicky trotz Zweifeln noch einmal eine Chance geben – und vermasselten gleichzeitig erneut eine Transferphase. So verkam der rotblaue Start in die Saison zum Chaos. Wicky musste schon nach zwei Spielen gehen, auch der Europacup wurde verpasst. Auch der neue Trainer Marcel Koller schaffte es nicht, eine echte Linie ins Basler Spiel zu bringen.

Eine Demütigung und eine Revolte

In Erinnerung bleibt von diesem FCB-Jahr also vor allem die Demütigung des 1:7 bei der neuen Macht YB am 23. September. Später die Spielerrevolte gegen Koller. Und dann vor allem die Expansionspläne in Richtung Indien. Es schien manchmal, als würde sich die Basler Führung um alles kümmern – ausser um den Fussball auf dem Rasen.

Wie weiter ist nun die Frage? Erneut droht die leichte Verblendung. Weil die FCB-Resultate in der Rückrunde etwas besser wurden, herrscht nun mancherorts die Überzeugung, YB sei bald wieder zu knacken. Entscheidend ist, wie sich die FCB-Führung Ende der Saison positioniert. Die Beziehung zwischen Sportchef Streller und Trainer Koller ist angespannt. Der Grundsatzentscheid, ob der FCB mit Koller oder einem neuen Trainer in die Saison steigen will, muss Ende Saison gefällt werden. Und Koller wird schlau genug sein, sich einige Transfers auszubedingen. Sie sind nötig. Ansonsten drohen die nächsten Enttäuschungen.

Das alles kümmert YB nur am Rande. Die Berner dürfen am Sonntag im Letzigrund zum grossen Meister-Spiel antreten. Dass sie den Titel auf dem Sofa gewonnen haben, wird sie kaum stören – wichtiger ist ihnen, dass das Glück sie endlich dauerhaft gefunden hat.